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Monologe aus der Kiste heraus

Theater an der Glocksee Monologe aus der Kiste heraus

Jonas Vietzke zeigt im Theater an der Glocksee den zweiten Teil seines Assoziationsexperiments "Jack In The Box". Damit werden die sogenannten Kistenmonologe fortgesetzt.

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Jacks Kiste steht schwarz und undurchdringlich im Foyer des Theater an der Glocksee, mannshoch, mit einer Grundfläche von vielleicht vier Quadratmetern. Jemand hat Sehschlitze in die Wände aus genopptem Plastik geschnitten. Sie sind von innen mit bedrucktem Papier verklebt. Jack könnte da sein, in dieser Kiste - wie es der Titel von Jonas Vietzkes assoziativ verdichtendem Theatermonolog andeutet: "Jack In The Box". Sprichwörtlich steht das im Englischen zudem für einen bedrohlichen Scherzartikel, einen Schachtelteufel, der jederzeit dumpf lachend an einer Sprungfeder durch den Deckel brechen kann.

Als Vietzke sich im Februar zum ersten Mal als Jack in die Kiste setzte, etablierte er das die Spielzeit des Theater an der Glocksee begleitende Prinzip der Kistenmonologe. Drei hat er sich als Autor, Regisseur und Darsteller in einer Person vorgenommen. Sie sollen einerseits Facetten des Spielzeitthemas aufgreifen: Mit "Kein Mensch ist eine Insel" fragt das freie Theater in verschiedensten Formaten nach Individuum und Gesellschaft, nach Abgrenzung, Zusammenhalt und Radikalisierung. Im Februar drehte sich Jack noch buchstäblich im Kreis und verwickelte sich dabei in immer skurrilere Gedankenfäden. Zuletzt fragte man sich besorgt: Wann schnappt er über die Kiste? Und was dann?

Der zweiten Teil der Produktion hat eine andere Grundstimmung. Schließlich reagiert Vietzke damit spontan auf aktuelle Geschehnisse. Eine Woche nimmt er sich jeweils Zeit, um sich in Jack zu verwandeln. Er lässt sich durch die Medien treiben, konsumiert Nachrichten und Kommentare, greift zu weiterführenden Texten, spinnt sich ein in einen Kokon aus Perspektiven auf Welt und Gesellschaft. Das Ergebnis ist radikal persönlich und zugleich voll von Bildern, an die das Publikum anknüpfen kann - ebenfalls aus eigenen Gedankenwelten heraus. Zwanzig Gäste sitzen um Jacks schwarze Kiste herum und lassen sich mit einem wilden Ritt durch dessen Kopf konfrontieren.

Jack erzählt mit größerer Dringlichkeit als noch vor einigen Monaten, nennt Manches konkreter beim Namen. Schließlich monologisiert er mit einem aufrüttelnden Bundestagswahlergebnis im Rücken und der Perspektive auf eine Landtagswahl, die kurz bevor steht. Er hangelt sich dabei durch große Metaphern der Literaturgeschichte und reichert sie mit eigenen Wortspielen an. Aus Herman Melvilles Klassiker "Moby Dick" wird: "In solchen Zeiten taucht der alte, dicke Demokratiewal auf, vernarbt vom Kampf mit Riesenkraken und verletzt von der Harpunen von Ahab für Deutschland - das Demokratier blutet." Oder Jack verwirbelt Goethes "Faust" mit der Quantentheorie: "Früher suchte ich nach Schrödingers Katze und des Pudels Kern."

Als er anfängt, aus seiner Kiste heraus kurze Filmcollagen an die Decke zu projizieren, wird die zu Platons Höhle, dem philosophischen Sinnbild für eine Gefangeschaft in der eigenen, starren Perspektive auf Abbilder der Realität. Vietzke vergisst dabei nicht einmal, seinen Schatten ins Bild zu rücken. Er findet aber auch treffende eigene Bilder für ein lähmendes Grundgefühl angesichts der Welt in Aufruhr: "Das Leben ist so eine sämige Sauce, mit Klümpchen, weil man zu faul ist, umzurühren." Als Jack endlich die Gucklöcher in seiner Kiste freireißt, ist man fast erleichtert, den Urheber all der Worte sehen zu können. Dabei gibt es gar nicht viel zu sehen: einen Menschen eben, ein wenig desillusioniert, mit einem ironischen Partyhut auf dem Kopf.

Da hat es Vietzke aber längst geschafft, Nähe und Vertrautheit herzustellen. So absurd manche seiner sich verknotenden Gedankenkollagen auch sein mögen - das Publikum findet darin eigene Ideen und Assoziationen wieder. "Jack In The Box" ermutigt, auch abseitige Ideen zuzulassen, um sich zumindest damit beschäftigen zu können, um vielleicht radikal Neues daraus zu schöpfen. "Thinking out of the box", heißt das Prinzip auf Englisch: Das Denken verlässt die Kiste.

Das Theater an der Glocksee zeigt "Jack In The Box Teil 2" nochmals am 14. Oktober, um 20 Uhr. Tickets unter www.theater-an-der-glocksee.de.

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