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Kultur Theater an der Glocksee spielt „Bielefelder Königinnen“
Nachrichten Kultur Theater an der Glocksee spielt „Bielefelder Königinnen“
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00:26 19.04.2018
Szene aus „Bielefelder Königinnen“ im Theater an der Glocksee. Quelle: Sabine Wewer
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Hannover

 „Nichts“, das ist das erste gesprochene Wort in „Bielefelder Königinnen“. Und dann gleich nochmal: „Nichts“. Gesprochen werden diese Worte von der künstlerischen Leiterin des Theater an der Glocksee, Helga Lauenstein, in ihrer Rolle als Arkadina. Es geht um die Frage, was sie fühlt, wenn sie ihren Sohn Kostja (Laetitia Mazotti) tot hinter sich liegen sieht. Kostja hat sich aus Enttäuschung über seine Mutter umgebracht, hauptsächlich aber aus irgendwas mit Liebe, jedenfalls hat er sich mit seinem geliebten Akkuschrauber namens Makita eine Schraube ins Herz gebohrt. 

„Bielefelder Königinnen“ erzählt von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn. Der Sohn ist unglücklich verliebt in Nina und außerdem enttäuscht, weil seine Mutter das Theaterstück, das er geschrieben hat, nicht würdigen will. Die Mutter ist eine ehemalige Schauspielerin, die im Alter auch nicht mehr so viele Engagements bekommt wie früher und sich fragt, ob das mit dem Kinderkriegen die richtige Idee war, damals. Jeder Versuch der beiden, zu kommunizieren ohne sich gegenseitig zu beleidigen, scheitert. 

Soweit, so Tschechow, aus dessen Tristesse-Spektakel „Die Möwe“ Bettina Drexlers Inszenierung „Bielefelder Königinnen“ herausdestilliert ist. Während es bei Tschechow um die Brutalität des Ennui geht, erzählt „Bielefelder Königinnen“, wie die Beziehung einer alleinerziehenden, arbeitenden Mutter zu ihrem Sohn in die Brüche geht. Beiden ist gemein, dass es immer um Unausgesprochenes geht, das unter der Oberfläche liegt. In „Bielefelder Königinnen“ wird das symbolisiert durch ein Rohrsystem unter der von Kostja mit seiner geliebten Makita zusammengespaxten Bühne auf der Bühne. 

Schön ist, dass in „Bielefelder Königinnen“ sich immer alles spiegelt: Auf der Bühnen-Bühne spielt Kostja sein selbst geschriebenes Stück, in dem es um seine eigene Geburt geht, und gebiert dort unter reichlich Gestöhne seinen Akkuschrauber. Später spielt Arkadina wiederum Kostjas Geburt nach. Sowohl Laetitia Mazotti als auch Helga Lauenstein spielen jeweils zwei Rollen, eine männliche, eine weibliche, bei Mazotti ist es Nina, in die Kostja unglücklich verliebt ist, bei Lauenstein ist es Boris, ihr Freund. 

Bei all der tschechowschen Dramatik ist „Bielefelder Königinnen“ überraschend lustig. Die beiden Schauspielerinnen bieten keine triste Reflektion übers Muttersein und Kommunikationsprobleme, sondern überzeichnen mit sichtlicher Freude ihre Rollen und die Konflikte. Wie das Rohrsystem unter der Bühne liegt, liegt zwar immer auch ein ernster Kern unter dieser Überzeichnung. Aber zu dem wollen die beiden gar nicht vordringen. Viel eher geht es darum, diesen ernsten Kern soweit zu überzeichnen, bis er gesagt werden kann. Dabei kommt in „Bielefelder Königinnen“ zwischen Kommunikationsproblemen, Mutter-Sohn-Konflikten, Vaterkonflikten, und der schwierigen Position einer alleinerziehenden Mutter nichts großartig überraschendes oder neu gedachtes heraus. Spaß macht die Inszenierung dennoch. 

Die nächsten Aufführungen sind am 18., 20., 25. 27. und 28. April, Kartentelefon: (0511) 1613936

Von Jan Fischer

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