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„Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn“

Festival Theaterformen „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn“

Theater zum Fremdschämen und zum Träumen: "Low Pieces" von Xavier Le Roy und "By Heart" von Tiago Rodrigues sorgen beim Festival Theaterformen dafür, dass die Zuschauer recht viel zu tun haben. Manchmal wird es dabei auch ungemein lächerlich.

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Der französische Choreograf Xavier Le Roy präsentiert in "Low Pieces" Körpertheater mit Redemöglichkeiten.

Quelle: Vincent Cavaroc

Hannover. Mitmachen bitte! Das Festival Theaterformen bietet schon seit einigen Jahren partizipatives Theater. In diesem Jahr scheint der Trend zum Mitmachtheater besonders ausgeprägt. Am Wochenende hatten zwei Produktionen in Hannover Premiere, bei denen die Zuschauer recht viel zu tun hatten - und dabei auch noch zuschauen mussten (eine Tätigkeit, die von Theatermachern gern unterschätzt wird).

Der portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues bittet für seine Performance „By Heart“ zehn Zuschauer auf die (Cumberlandsche) Bühne. Sie bekommen eine Aufgabe: Sie sollen das Sonett Nr. 30 von Shakespeare auswendig lernen. Es ist ein sehr schönes Sonett - es geht um Trauer und vergangenes Leid und um Liebe, die das Leid vergessen macht. Tiago Rodrigues ist ein guter Lehrer, Wort für Wort, Zeile für Zeile, rhythmisch aufstampfend, vorsprechend, voratmend, mit beiden Händen leidenschaftlich dirigierend bringt er seinen Schülern das Sonett bei. Ein Gedicht auswendig zu lernen - wie schön! Auch die Zuschauer, die nicht auf der Bühne sitzen, haben das Gefühl, etwas zu lernen.

Theateraufführung als Poetikseminar

Dieses Theater bewegt. Es macht etwas mit einem, man ist kein kühler Beobachter mehr, sondern Teil einer Gemeinschaft, die sich hier um Kunst bemüht. Die Übungen werden von Erzählpassagen unterbrochen. Tiago Rodrigues erzählt von Boris Pasternak vor dem stalinistischen Kulturkongress, er erzählt von Ossip Mandelstam, von Joseph Brodsky und davon, dass es Texte gibt, die einem keiner nehmen kann: die, die man auswendig kennt. Er erzählt von seiner Großmutter, die als alte Frau erblindete und sich wünschte, zuvor ein Buch auswendig zu lernen. Diese Theateraufführung ist auch ein Poetikseminar.

Am Ende sprechen die zehn Zuschauer auf der Bühne das Sonett. Nicht alle hatten ihre Zeilen wirklich auswendig - also „by Heart“ - gelernt, aber das Stocken am Ende störte nicht. Dieses Projekt ist zutiefst sympathisch. Es erinnert an eine schöne, alte, fast in Vergessenheit geratene Kulturtechnik, und es ist mal wieder ein Theater, das das Wort auf der Bühne zu feiern vermag.

Was man von dem anderen Mitmachprojekt am Sonntag nicht behaupten kann. Der französische Choreograf Xavier Le Roy (der am Tag zuvor ein Marionettenspiel im Dunkeln gezeigt hatte) präsentierte Körpertheater mit Redemöglichkeiten. Er mag den Austausch. Zusammen mit neun anderen Darstellern sitzt er im ersten Teil seiner Produktion auf der Bühne und sucht das Gespräch mit dem Publikum. Die Leute haben Fragen: Warum das Stück denn „Low Pieces“ heiße. „Weil wir uns während des Spiels nicht erheben werden“, erklärt eine der Darstellerinnen. Das Gespräch zwischen Theaterleuten und Zuschauern plätschert so dahin.

Irgendwann kommt man auf Hühner. Jemand gackert. Ein Teil des Publikum versucht „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“ zu intonieren. Das klappt nicht so gut. Einige Leute lachen. Im Lachen schwingt etwas Übertriebenes mit, eine kleine Hysterie, vielleicht auch eine Distanzierung.

Füße zucken, Hände werden hin und her gedreht

Nach einer Viertelstunde Stammtischgerede beginnt das Spiel. Das ist stumm. Die zehn Darsteller haben sich ihrer Kleider entledigt und liegen auf der Bühne. Füße zucken, Hände werden hin und her gedreht. Die Körper gruppieren sich zu immer neuen Bildern. Einmal machen sie eine Art Wald aus Armen und Beinen. Dann spielen die Akteure Tiere, die müde über die Bühne stapfen. Zwischen den einzelnen Tierszenen verlöscht das Licht. Weil es ganz, ganz dunkel sein soll, sich die Notausgangszeichen aber nicht abschalten lassen, sind junge Damen abkommandiert, mit Abdunklungsinstrumenten an den Notlichtern tätig zu werden. In den Dunkelpassagen halten sie die koffergroßen Lichtlöschkästen über die Notlichter. Es ist ungemein lächerlich.

Am schlimmsten aber ist das Gespräch, das die Theaterleute am Ende eine Viertelstunde lang in völliger Dunkelheit mit dem Publikum führen. Da die Menschen zuvor als nackte Tiere über die Bühne trabten, redete man über Tiere. Was Tiere wohl so fühlen und wissen. Eine junge Zuschauerin gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass es etwas Besseres geben solle als den Menschen.

Etwas Besseres als den Menschen - daran haben Hitler und Stalin auch gearbeitet. Dass dieser Gedanke hier unwidersprochen in den dunklen Raum gestellt werden konnte, zeigt auch die Grenzen des partizipativen Theaters. Nicht immer haben die Zuschauer Kluges beizutragen.

Oft sind Dichter einfach besser.

Eine weitere Aufführung von „By Heart“ von Tiago Rodrigues gibt es heute um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne. Es gibt noch Tickets. Um 21.30 Uhr tritt heute die Band F.S.K. - bei freiem Eintritt - im Festivalzentrum auf.

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