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Fräulein Wunder AG erzählt von Intersexualität

Theaterkollektiv Fräulein Wunder AG erzählt von Intersexualität

Nicht als Mann oder Frau geboren: Das hannoversche freie Theaterkollektiv Fräulein Wunder AG erzählt in der Faust-Warenannahme Persönliches über Intersexualität. Die Produktion spielt mit dem Voyeurismus und der Neugier des Publikums.

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Mit Wut, Stolz und Schaum: Fräulein Wunder AG in der Faust.

Quelle: Verena Lobert/Frl. Wunder AG

Hannover. „Hallo, ich bin Julia, und ich hatte mal Hoden.“ „Meine Mutter nannte mich immer ,es‘, ,das Kind‘, ,irgendwas‘.“ „So etwas wie mich gab es nie in der ,Bravo‘.“ Fünf intersexuelle Performer erzählen aus ihren Biografien: Geschichten, die es selten in persönliche Gespräche schaffen. Vielleicht, weil sie die sprengen würden, mit Details, Tabus, Unerhörtem. Es gibt viel zu klären, wenn es um die Zuordnung biologischer Geschlechter geht. Um Menschen, die nicht als Mann oder Frau geboren wurden. Die von Medizin und Gesellschaft in Identitäten gedrängt werden. Weil es eben einfacher ist, weil nicht nur Formulare und Umkleidekabinen in Kategorien organisiert sind, weil das Andere, das Fremde als Konfrontation im Alltag nicht erwünscht ist.

Auch auf der Bühne ist die Auseinandersetzung mit alternativen Geschlechtern selten. Zum einen, weil es Dutzende Diagnosen gibt, jede davon auf ihre Weise komplex. Zum anderen, weil es um radikale Formen der Individualität geht, die ohne entsprechende Persönlichkeiten merkwürdig abstrakt bleiben.

Die Fräulein Wunder AG, ein freies Theaterkollektiv aus Hannover, hat das Thema über Jahre entwickelt, hat in Selbsthilfegruppen Betroffene kennengelernt, in Workshops Geschichten gesammelt. Und wagt sich in der Faust-Warenannahme gemeinsam mit intersexuellen Theaterlaien in die Öffentlichkeit. Es ist ein Abend zwischen Lecture Performance und szenischen Miniaturen, zwischen Plauderei und Revolution. Vor allem ist es aber aufrichtig, unmittelbar, unverblümt und mutig.

Mit der kollektiven Verdichtung ihrer Biografien haben die Theatermacher den Alltagsexperten eine Stimme gegeben: ihre jeweils eigene. Im spielerischen Rahmen wird es möglich, Intimstes zu erzählen, mit Sprachwitz, schräger Poesie und lakonischer Reflexion. Und vor allem mit der vollen Wucht lange angestauter Frustration in einer Gesellschaft voller Grenzen und Mauern. „Ich bin ein Genderoutlaw mit Wut und Stolz“, sagt einer der Performer.

Die Produktion spielt dabei geschickt mit Neugier und Voyeurismus des Publikums, thematisiert immer wieder den Balanceakt zwischen Seelenschau und Freakshow. Niemand wird ausgestellt an diesem Abend. Vielmehr füllen die Performer den Raum mit Gemeinsamkeiten, nehmen das Publikum mit. Sie tun das mit großer Lebendigkeit und Präsenz: Sie behaupten sich.
Am Ende spielt es keine Rolle mehr, ob das nun Theater ist, Performance, Talkshow, Revue oder Vortrag. Am Ende stehen ein differenziert und emotional zugleich vermitteltes Thema, selbstbewusste Manifeste, eine kollektiv geschmetterte Hymne: „Die Intersexuale erkämpft ihr Menschenrecht.“ Vor allem stehen am Ende Menschen zwischen Menschen. Deren Diversität ist greifbarer geworden. Und manche Grenze durchlässiger.

  • Weitere Vorstellungen am 16. und 17. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.     

Von Thomas Kaestle

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