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"Das große Tier VW außer Kontrolle"

Theatermacher Stefan Kaegi im Interview "Das große Tier VW außer Kontrolle"

Stefan Kaegi ist einer der Gründer und Leiter der renommierten Theatergruppe Rimini Protokoll. Vor einem Jahr hatte seine Produktion "Volksrepublik Volkswagen" am Schauspiel Hannover Premiere. Ein Gespräch über deutsche Wertarbeit und totalitäre Strukturen.

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Die Theaterfabrik: Szene aus "Volksrepublik Volkswagen" am Schauspiel Hannover.

Quelle: Ribbe (Archiv)

Hallo, Herr Kaegi, vor einem Jahr hatte Ihre Produktion „Volksrepublik Volkswagen“ im Schauspiel Hannover Premiere. Sie wurde nicht in die neue Spielzeit übernommen. Finden Sie das schade, oder sind Sie angesichts des VW-Abgasskandals auch ganz froh darüber?

Es wäre natürlich interessant gewesen, das Stück jetzt im Licht der VW-Krise weiterzuspielen. Wir sehen gerade, wie globale Konzerne mächtiger werden als gewählte Regierungen. Es ist immer spannend, in so einen Organismus hineinzuschauen und festzustellen, was passiert, wenn das große Tier außer Kontrolle gerät.

Wie würden Sie den Abgasskandal in „Volksrepublik Volkswagen“ einbauen, wenn das Stück noch auf dem Spielplan stehen würde? Wäre das nicht in etwa wie ein Motorenumbau nach einer Rückrufaktion?

Nein. Anders als die Tagespresse muss Theater ja nicht aktuelle Ereignisse sofort abbilden. Eher sie antizipieren. Ich glaube, der Zuschauer hätte einige Bezüge herstellen können, die im Stück schon angelegt waren. Es geht um die Beziehungen zwischen zwei recht totalitären Strukturen: einem großen Konzern und einer großen Regierung. Und um die Frage, warum überall dort, wo sich über lange Zeit Strukturen verfestigt haben, Misswirtschaft oder Korruption gedeiht.

Wie sind Sie damals überhaupt darauf gekommen, VW zum Gegenstand eines Dramas zu machen?

Mich hat das Thema interessiert, weil das deutsche Auto ein Spiegelbild dessen ist, was deutsch ist. Deutsche Wertarbeit wird oft unbesehen als Qualitätsgarant genommen. Das steht jetzt auf dem Spiel. Es ist interessant zu beobachten, was passiert, wenn solche Versprechungen nicht eingehalten werden. Für mich war die Arbeit auch eine interessante Reise ins VW-Land Niedersachsen und ins Staatstheater, das ja auch ein großer Apparat ist, in dem auch leicht korrupte Strukturen entstehen können.

Was meinen Sie damit?

In Staatstheatern arbeiten viele Menschen daran, Ideen anderer umzusetzen. Sie tun das, weil sie da eine Festanstellung haben. Das ist nicht immer produktiv. Insbesondere, wenn die Menschen Dinge tun sollen, die nicht dem entsprechen, was sie bis dahin getan haben. In der freien Szene haben wir das Privileg, dass wir nur mit Menschen arbeiten, die sich bewusst für diese Zusammenarbeit entschieden haben – aber dafür oft für weniger Geld.

Würde es Sie als Dokumentartheatermacher reizen, das Thema Volkswagen nach den dramatischen Ereignissen der letzten Wochen wieder aufzugreifen?

Ich bleibe nicht so gerne über Jahre hinweg auf dem gleichen Thema sitzen. Der Abgasskandal ist jetzt ein Fall für die Gerichte. Natürlich ist es spannend zu beobachten, wie es ist, wenn große Tiere ins Taumeln geraten. Gerade auch in Hannover – die Stadt hat ja eine große Erfahrung im Umgang mit Rücktritten, ich denke da nur an den Fall Christian Wulff. Aber im Moment bin ich auf ganz anderen Straßen unterwegs. Zwar wieder motorisiert, aber diesmal mit einem Lastwagen, in dem 50 Zuschauer durch das Ruhrgebiet fahren und aus dem sie durch eine große (vierte) Glaswand Landschaft theatralisiert beobachten – fortbewegt durch einen Dieselmotor.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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