Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
„Theologie hilft gegen Fundamentalismus“

Religionswissenschaftler Peter Antes „Theologie hilft gegen Fundamentalismus“

Der Religionswissenschaftler Peter Antes feiert in dieser Woche seinen Abschied von der Leibniz Universität Hannover. Ein Gespräch über Werte, Normen und Wege zur Transzendenz.

Voriger Artikel
Dichterin Wislawa Szymborska ist tot
Nächster Artikel
„Moneyball“ ist fast wie Bundesliga

„Theologie hilft gegen Fundamentalismus“, sagt Religionswissenschaftler Peter Antes.

Quelle: dpa

Hannover. Sie nehmen in diesen Tagen mit fast siebzig Jahren endgültig Abschied von der Universität. Haben Sie rückblickend das Gefühl, das richtige Lebensthema gewählt zu haben?

Ja, absolut. Es hat sich sogar als immer wichtiger herausgestellt. Als ich nach Hannover kam, sah man Religion eher als ein Phänomen der Vergangenheit an. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich allerdings die Beschäftigung mit Religion als ein zentrales Thema für Politik und Sozialwissenschaften herausgestellt. Viele Konflikte, denken Sie an die Integrationsprobleme, haben damit zu tun. Ich habe mich auch deshalb so intensiv mit dem Islam beschäftigt, weil Otto Stegmüller, mein Freiburger Professor, 1963 meinte, der Islam werde das bestimmende Thema am Ende des Jahrhunderts sein. Er stand damals allein mit seiner These.

Haben sich die Forschungsschwerpunkte im Laufe der Zeit geändert?

Die ursprüngliche Fragestellung war eher theologisch geprägt, heute ist es eher die Frage, wie sich der Islam auf Fragen der Moderne einstellt. Dabei ist interessant, dass ihm heute dieselben Vorwürfe gemacht werden, wie sie in protestantischen Ländern dem Katholizismus gegenüber erhoben wurden, bis in die Karikaturen hinein: Er sei gegen die Frauen gerichtet, antidemokratisch, fremdgesteuert, zu wenig offen für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit sich selbst, und die Gläubigen hätten zu viele Kinder.

Wie würden Sie den Unterschied zur Theologie beschreiben?

Die Religionswissenschaft betrachtet das Phänomen Religion von außen, die Theologie von innen. Man muss die Situation der Gläubigen simulieren, ohne sich mit dem Glauben zu identifizieren. Ich bin kein Muslim, werde sicher auch keiner, aber ich habe mich immer in die Mentalität von Muslimen hineinzudenken versucht. Wenn sich die Muslime dabei wiedererkannt haben, hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Das hat sich als Methode sehr bewährt.

Sollte es in einem weltanschaulich neutralen Staat überhaupt theologische Fakultäten geben?

Das ist eine Grundsatzfrage, die in Europa unterschiedlich beantwortet wird. Franzosen und Italiener sagen klar Nein, wir haben hier eine andere Tradition. Die Theologie leistet einen bedeutenden Beitrag gegen Fundamentalismus, weil sie die christliche Tradition in ihrer Geschichtlichkeit präsentiert. Aber es ist insofern ein Problem, als die Theologie der Religionswissenschaft das Wasser abgräbt. In Deutschland gibt es etwa 800 Lehrstühle für Theologie und 32 für Religionswissenschaft, von denen 17 in der theologischen Fakultät angesiedelt sind.

Stimmt es, dass die Religionen „zurückkommen“?

Amerikanische Religionssoziologen sind der Auffassung, dass die Säkularisierung der Gesellschaft nicht das Modell der Zukunft ist. Ich glaube, dass Religion in der institutionalisierten Form nicht zurückkommt, jedenfalls nicht bei uns. Statistisch gesehen haben mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung keine Religionszugehörigkeit.

Gilt das auch für die Einwanderer aus muslimischen Ländern?

Auch in ihren Milieus gibt es Säkularisierung. Allerdings hat für viele von ihnen die Religion eine große Bedeutung für ihr Selbstwertgefühl – das spielt so lange eine große Rolle, solange die Bereitschaft der deutschen Mehrheitsgesellschaft fehlt, diese Leute voll zu integrieren.

Aber immerhin werden Muslime stärker wahrgenommen.

Das stimmt. In den ethischen Debatten werden hierzulande auch Stellungnahmen der Muslime eingeholt. Wir haben es heute mit ganz neuen moralischen Problemen zu tun, die sich dem wissenschaftlichen Fortschritt verdanken, etwa bei Sterbehilfe. Da wir mehr können als wir dürfen, ist immer unklarer, was erlaubt ist oder sein sollte. Hier müssen wir einen gemeinsamen Weg finden.

Unterscheidet die Religionswissenschaft zwischen Glaube und Aberglaube?

Nein. Der Begriff Aberglaube stammt aus dem dogmatischen Vokabular. Für uns gibt es nur unterschiedliche Überzeugungen.

Ist der Koran gewalttätiger als die Bibel?

Nein. Alle heiligen Bücher sind unsystematisch und enthalten viele Aufrufe zum Kampf, die in bestimmten historischen Situationen ergangen sind. Interessant ist, dass viele Gläubige nur bestimmte Stellen wahrnehmen, sie wissen oft gar nicht, was im Rest ihrer jeweiligen heiligen Schriften steht.

Es wird immer davon geredet, dass Religionen zum Frieden beitragen können – aber schaffen sie nicht selbst Feindschaft?

Die Religionen produzieren meist nicht die Feindlichkeit, aber sie verschärfen die Konflikte, wenn sie von den Kampfparteien ins Feld geführt werden. Gerade deshalb ist der interreligiöse Dialog so außerordentlich notwendig. Wenn man sich kennt, kann man Konflikte entschärfen.

Religionen orientieren sich am Absoluten, die Moderne ist aber von Relativismen geprägt.

Das stimmt. Man muss die Wahrheitsfrage ausklammern, wenn man sich um gemeinsame Aktionen kümmert. Das ist eine relativ neue Denkweise. Bisher ging man von religiös homogenen Zonen aus, aber im Zeitalter der Globalisierung müssen wir lernen, miteinander, statt nur nebeneinander zu leben.

Gibt es eine eindeutig friedliche Religion?

Die Bahaireligion würde ich so einschätzen. Entstanden ist sie im 19. Jahrhundert im Iran, wo sie schwer verfolgt wird. Sie sieht sich als Neuauflage aller vorausgehenden Offenbarungen. Sie findet viele Anhänger beispielsweise in Uganda, wo sie versucht, in Religionskonflikten zu vermitteln. Man kann sie von ihren Schriften her nur schwer missbrauchen, aber es ist nicht auszuschließen, dass sich irgendwann auch Militante auf sie berufen werden.

Gilt nicht auch der Buddhismus als besonders friedlich?

Es stimmt nur zum Teil. In der Forschung werden vorzugsweise die friedlichen Tendenzen untersucht. Der singalesische Buddhismus aber hat die Konflikte mit den Tamilen mitverursacht. Beim Islam geht die Forschung dagegen in die andere Richtung. Das hängt auch damit zusammen, dass es seit einigen Jahren viel Geld für die Untersuchung des islamischen Fundamentalismus gab.

Weil wir gerade beim Forschungsalltag sind: Was passiert mit Ihrem Institut?

Der Ruf für die Nachfolgerin ist erteilt. Aber noch hat Wanda Alberts, die eine Professur im norwegischen Bergen innehat, nicht zugesagt. Ihr Thema ist die Vermittlung von Weltreligionen in der Schule. Dass sich damit in Hannover die Schwerpunkte verlagern werden, begrüße ich durchaus. Ich sehe vor allem die Notwendigkeit, bei der Gestaltung des Faches „Werte und Normen“ Änderungen vorzunehmen. Derzeit steht eindeutig die Philosophie im Vordergrund. Aber sie ist nicht geeignet, die ganze Problematik unserer heutigen interkulturellen Kommunikation in den Griff zu bekommen. Für dieses Fach sollten weiterhin drei Bezugswissenschaften gelten: neben der Philosophie auch die Sozialwissenschaften und die Religionswissenschaft. Muslime können Sie nicht über Kant und den kategorischen Imperativ in die Diskussion holen. Zudem könnten bald auch noch andere Religionen oder andere christliche Strömungen eine Rolle spielen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich will mich auf keinen Fall in den Bereich meiner Nachfolgerin einmischen. Wissenschaftlich möchte ich mich mit der Vielfalt der Wege zur Transzendenz beschäftigen.

Am Ende möchte ich Ihnen die Gretchenfrage stellen. Wie halten Sie es nun selbst mit der Religion?

Persönlich, als Privatmann, habe ich mich immer als Katholik verstanden. Ich habe aber immer versucht, diese Überzeugung aus meiner wissenschaftlichen Arbeit herauszuhalten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Innenminister relativiert
Foto: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich relativiert die Ergebnisse der Umfrage.

Ein Viertel der jungen Moslems mit deutschem Pass steht einer Integration ablehnend gegenüber. Bei ausländischen Altersgenossen ist der Anteil noch höher. Die Bundesregierung will dennoch an ihrer Integrationspolitik festhalten.

mehr
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol