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Abschied von gestern

Pop Art in Wolfsburg Abschied von gestern

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt in seiner multimedialen Hommage die Anfänge der britischen Pop Art. Unter dem Titel "This was Tomorrow" lässt sich die Austellung noch bis zum 19. Februar 2017 bestaunen.

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„This was Tomorrow“ – eine multimediale Hommage an die britischen Anfänge der Pop Art im Kunstmuseum Wolfsburg.

Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg

Wolfsburg. Look!“ und „Feel!“, „Listen!“ und „Smell!“. So bellen einen die Appelle auf dieser Rasterfläche an, die so schräg vorspringt, dass man erst einmal zurücktreten muss – wodurch sich die Rasterpunkte zu einem Gesicht zusammensetzen, auf dessen Stirn noch „Think. Think. Think.“ steht. Mit dieser Empfehlung mag man sich vielleicht dem schrägen Verschlag wieder nähern. Sei es links vorbei an einer weiteren Rasterfläche. Rechts entlang einer Collage aus Superhelden und Marilyn Monroe, Guinness-Flasche und Van-Gogh-Blumenbild. Oder mitten durch das sogenannte Fun House, begleitet von Jukeboxsound, vorbei an psychedelisch rotierenden Scheiben, hinweg über einen weichen Noppenboden, der Erdbeerduft verströmt.

Vom 30.10.2016 bis 19.02.2017 zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg unter dem Titel "This was Tomorrow - Pop Art in Great Britain" Pop Art.

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Ja, sind wir denn in Sergeant Peppers „Strawberry Fields“ angelangt, mitten in den „Roaring Sixties“? Tatsächlich hat Richard Hamilton sein „Fun House“ gut zehn Jahre zuvor errichtet – 1956 in der Londoner Ausstellung „This is Tomorrow“, die heute als Geburtsstunde der britischen Pop-Art gilt.

60 Jahre später kann man das „Fun House“, die erste umfassende Multimediainstallation der Kunstgeschichte, jetzt wieder betreten – in der Kunstschau „This was Tomorrow“, mit der das Kunstmuseum Wolfsburg die Anfänge der Pop- Art in Großbritannien würdigt. Die britischen Anfänge? Waren die Pop-Art-Ikononen Warhol und Lichtenstein, Rivers und Rizzi nicht US-Amerikaner? „Die britische Pop-Art wird unterschätzt“, sagt Museumschef Ralf Beil. „Die Amerikaner sind glatter und eingängiger, die Ästhetik der Briten ist rauer und vielschichtiger.“

Was wohl auch daran liegt, dass Großbritannien, anders als die USA, damals noch unter den Kriegsfolgen litt und man sich auf der Insel, anders als in der Neuen Welt, überdies an der Kluft zwischen Feudal- und Arbeiterklasse abarbeitete.

Mit dieser Vorgeschichte der Pop-Art startet die Wolfsburger Ausstellung. Eine Kunstschau als Rückschau? „Wir zeigen hier keine abgehangene Retrospektive“, betont Beil, der „This was Tomorrow“ gemeinsam mit Uta Ruhkamp kuratiert hat. Geboten werde vielmehr eine ihrerseits multimediale Schau, die außer Malerei, Skulptur, Fotografie, Medien und Musik auch die Architektur sowie einen spezifisch weiblichen Blickwinkel einbringe – und die es mit solchen Akzenten auch in Großbritannien selbst noch nie gegeben habe. „Und wir werfen auch die Frage auf, wie man heute auf morgen blickt.“

Am sichtbarsten sind diese Akzente beim Thema Architektur, etwa durch Räume, die dem „New Urbanism“ oder der Gruppe „Archigram“ gewidmet sind. Die wollte Ideen eine „Instant City“ aus den Metropolen in die Provinz übertragen. Das Architektenpaar Alison und Peter Smithson hat ein modulares „Haus der Zukunft“ entworfen. Und von Cedric Price stammt der Entwurf eines riesigen „Fun Palace“, der zwar nie realisiert wurde, der aber Richard Rogers und Renzo Piano bei ihren Plänen fürs Pariser Centre Pompidou inspirierte.

Eine besondere Rolle spielt in Wolfsburg aber auch die Ausstellungsarchitektur selbst. Darin ist Hamiltons „Fun House“ das zentrale Scharnier. Davor bietet der Ausstellungsparcours in einem Rechtecksslalom unter der quadratischen Galerie des Hauses britische Sozialgeschichte, danach brechen die Ausstellungsmacher mit dem rechten Winkel. Sie legen quer durch den Museumskubus eine diagonale Achse, die sich zu einem „Piccadilly Circus“ öffnet, um den herum, mit leicht versetzten Fronten, lauter „Künstlerhäuser“ gruppiert sind. Weil die meist mehrere Eingänge und teils großzügige Durchbrüche haben, eröffnen sie spektakuläre Blickachsen. Von Peter Blakes Beatles-Hommagen auf Gerald Laings Godard-Ikone „Anna Karina“, von Patrick Caulfields grellbunter Version eines Delacroix-Gemäldes auf die sexuell aufgeladene Malerei von Peter Philipps.

Die Namen lassen es ahnen: Das Spektrum dieser Ausstellung ist riesig. Es reicht von Nigel Hendersons Ruinenfotos aus dem London des Jahres 1945 über das erste Auftauchen des Wortes „Pop“, mit dem Eduardo Paolozzi 1947 nur den Knall einer Pistole nachbildet, bis zu Laings Rasterbild „Brigitte Bardot“ von 1968, das auch das Motiv des Ausstellungsplakats ist. In insgesamt 23 Räumen werden Künstler, Künstlergruppen und Kunstinstitutionen gewürdigt, dazu gibt es außer den Stones, den Beatles und The Who als Kunstobjekten noch die Musikkonserven einer „Sound Bar“ sowie eine BBC-Dokumentation zur Pop Art.
Hoch- und Massenkultur, Kunst und Werbung, Provinz und Metropole: Von solchen gleichsam gestern noch geltenden Gegensatzpaaren nimmt die Pop-Art ebenso Abschied wie von Schranken zwischen den Kunstgattungen, sozialen Hierarchien und sexuellen Tabus.  

Nicht recht eingelöst wird in Wolfsburg allerdings das Versprechen einer weiblichen Perspektive. Schon allein weil unter den mehr als 30 dort gezeigten Künstlern nur zwei Frauen sind, Jann Haworth und Pauline Boty. Haworth gerät überdies nicht zuletzt als Ehefrau von Peter Blake in den Blick. Mit ihm hat sie das Cover des Sergeant-Pepper-Albums gestaltet, dessen Trommel hier im Original zu bewundern ist. Die mit nur 28 Jahren verstorbene Boty, die die Pop-Art einmal treffend als „Sehnsucht nach dem Jetzt“ bezeichnet hat, bietet immerhin eine eigene Perspektive auf eine weibliche Ikone – mit „Color her Gone“ (1962), ihrer Hommage an Marilyn Monroe. Ansonsten herrscht der männliche Blick vor, nicht zuletzt auf den weiblichen Körper. Und das provozierend auf Skandal kalkuliert in den Skulpturen von Allen Jones, der nackte Frauenfiguren als „Table“ oder „Chair“, Tisch oder Stuhl also, herrichtet. Vergleichsweise sublim scheint da die Verschränkung weiblicher und automobiler Formen bei Richard Hamilton oder Peter Philips.

Heute alles kein Skandal mehr, weil Kunst und Werbung längst nach der Logik des „Sex Sells“ miteinander verschränkt sind? Abgeklärter ist der heutige Blick auf die Zukunftsvisionen von gestern allemal. „Heute ist die gute, alte Zeit von morgen“, glaubte Karl Valentin noch. Tatsächlich, so viel steht nach dem Besuch dieser Ausstellung fest, war die Zukunft früher auch nicht besser.
„This was Tomorrow. Pop Art in Great Britain“. Bis zum 19. Februar 2017 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1.
Eröffnung, Sonnabend, um 19 Uhr.

Der gleichnamige Katalog erscheint im Wienand-Verlag, hat 432 Seiten und kostet 49,80 Euro (im Museum: 38 Euro).

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