Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Thomas Hengelbrock erhält Praetorius-Musikpreis
Nachrichten Kultur Thomas Hengelbrock erhält Praetorius-Musikpreis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:13 23.03.2012
Von Stefan Arndt
Stabwechsel: Seit Beginn der Saison ist Thomas Hengelbrock Chefdirigent des NDR-Rundfunkorchesters. 30 Jahre hatte er fast ausschließlich mit freien Ensembles gearbeitet.Glücklich Quelle: Gunter Gluecklich
Hannover

In der Musik dauert alles ein bisschen länger. Geistesströmungen, die sich in Kunst und Literatur oft gleichzeitig offenbaren, werden erst Jahre später zu Klang. Die musikalische Romantik etwa hat erst begonnen, als die Schriftsteller schon längst wieder andere Themen hatten als die Waldeseinsamkeit. So wirkt es auch jetzt seltsam verspätet, einen Epochenwandel auszurufen. Und doch war die Berufung von Thomas Hengelbrock zum Chefdirigenten des NDR Sinfonieorchesters in Hamburg zu Beginn dieser Saison für die Musikwelt in etwa das, was Joschka Fischers erster Ministerposten für die Politik bedeutet hat. Nur trägt Hengelbrock keine Turnschuhe am Pult. Heute wird der Dirigent im Schauspielhaus Hannover mit dem Praetorius-Musikpreis geehrt.

Drei Jahrzehnte lang hat Hengelbrock fast ausschließlich mit freien Ensembles gearbeitet. Der heute 53-Jährige war in vorderster Front dabei, als in den achtziger Jahren gleich reihenweise neue, selbstorganisierte Klangkörper entstanden, die sich enttäuscht von den bestehenden Staatsorchestern abwandten. Die Musiker verstanden ihren Beruf wieder als Abenteuer und nicht als Diensterfüllung. "Ich wollte Musik mit Leuten machen, die auch Lust dazu hatten", sagt der Dirigent. In den etablierten Orchestern sei das damals nicht immer möglich gewesen.

Inzwischen sind die Ensembles von damals - die Deutsche Kammerphilharmonie, das Ensemble Modern, das Freiburger Barockorchester oder Concerto Köln - feste Größen nicht nur in der deutschen Kulturszene. Doch der erste, der aus ihrer Mitte den Sprung zur Leitung eines konventionellen Spitzenorchesters geschafft hat, ist Thomas Hengelbrock.

Der in Wilhelmshaven geborene Musiker ist einer der vielseitigsten seiner Generation. Bekannt geworden ist er vor allem für seine mit historischem Wissen grundierten Aufführungen Alter Musik. Tatsächlich betrachtet es Hengelbrock als eine seiner wichtigsten Aufgaben, das Repertoire ständig zu erweitern. "Heute spielen wir vielleicht noch eine dreistellige Zahl an Opern", sagt er, "aber schon vor Mozart wurden mehr als 40000 Opern geschrieben, die man nicht mehr kennt." Um zumindest einige, besonders qualitätsvolle Werke dem Vergessen zu entreißen, hat er einen Verlag gegründet, in dem er solche Stücke herausgibt. Ganz besonders schätzt er das Werk eines hannoverschen Hofkapellmeisters: Agostino Steffani, der hier Ende des 17. Jahrhunderts wirkte, sei ein phantastischer Komponist, mit dessen Opern man noch heute großen Erfolg haben könne.

Trotz seines Einsatzes für die Alte Musik würde Hengelbrock sich aber nicht als Spezialist dafür bezeichnen. Das allerdings wird oft getan, wenn man von ihm spricht. "Das ist aber Quatsch", sagt er. Schließlich habe er sich auch mit anderen Musikstilen intensiv auseinander gesetzt. Genau darum geht Hengelbrock vor allem: um Vielseitigkeit und stilistische Differenzierungen. In seinem Musikerleben hat er ganz unterschiedliche Phasen durchgemacht. "Am Anfang galt ich als romantischer Geiger", sagt er. Doch dann hat er angefangen, Vorlesungen von zeitgenössischen Komponisten wie Luigi Nono und Mauricio Kagel zu hören und begeisterte sich für ihre Art, Musik zu machen. Das Interesse für die Alte Musik erwachte schließlich, als er ein holländisches Laienorchester auf eine für ihn ganz ungewohnte Art Mozart spielen hörte.

Mit den Jahren sei bei ihm, der nie Dirigieren studiert hat, ein Erfahrungsschatz gewachsen, auf den nun nicht nur die Musiker des Hamburger Rundfunkorchesters gerne zugreifen. Im vergangenen Jahr hat Hengelbrock bei den Bayreuther Festspielen debütiert. Eine Fortsetzung wird es in diesem Jahr aber nicht geben. Zu den Gründen, möchte er sich nicht äußern. Nach der Premiere im vergangenen Jahr hatte er allerdings erheblich bessere Probenbedingungen für eine Fortsetzung seines Engagements gefordert.

Intensive Proben mit begeisterungsfähigen Musikern sind für den Dirigenten eine Selbstverständlichkeit. "Das Publikum spürt, wenn ein Orchester mit Lust und Engagement spielt", sagt er, "das ist das Wichtigste". Und man spürt, dass die alten Ideale nicht vergessen sind, wenn er hinzufügt: "Alles andere kann man eigentlich vergessen."

Das bedeutet aber nicht, dass er einen deutlichen Subventionsabbau in Kulturinstitutionen fordert, um Raum für andere, freie Projekte zu schaffen, wie die vier Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" es derzeit tun. "Das ist in etwa so, als wenn man hier nach ein paar verlorenen Fußballspielen verlangt, den HSV abzuschaffen", sagt Hengelbrock. Er habe lange in der freien Szene gearbeitet und wisse, wie schwer es sei, etwas aufzubauen. "Einreißen kann man es dann in einer Sekunde", sagt er.

Darum hält er auch neben seiner neuen Tätigkeit beim NDR seinen anderen Klangkörpern die Treue. Das Balthasar-Neumann-Ensemble, das er vor gut 20 Jahren gegründet hat, ist ihm noch heute sehr wichtig. Und umgekehrt schätzen ihn auch bei Musiker: Einige von ihnen kommen extra nach Hannover, um bei der Preisverleihung heute Abend im Schauspielhaus dabei zu sein.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Musikwelt staunt über ein neues Werk, das Wolfgang Amadeus Mozart zugeschrieben wird. Das erst kürzlich entdeckte Klavierstück ist am Freitag in Salzburg (Österreich) präsentiert und vorgespielt worden.

23.03.2012
Kultur Konzert in der TUI Arena - Udo Jürgens liefert Gänsehautmomente

Mit dem Bademantel ist noch lange nicht Schluss: Während in Berlin der Echo verliehen wurde, spielte Udo Jürgens in Hannover Klaiver und begeisterte 8500 Fans in der TUI Arena. Merci, Genie!

23.03.2012

Die Promi-Dichte war hoch: In Berlin wurde der Echo verliehen. Die Moderatorinnen küssten sich wie Madonna und Britney Spears. Wolfgang Niedecken meldete sich nach seinem Schlaganfall zurück. Und Udo Lindenberg und Rammstein räumten gleich je zwei Trophäen ab.

23.03.2012