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Thomas Hirschhorn bekommt den Schwitters-Preis

„Ich bin der Eindringling“ Thomas Hirschhorn bekommt den Schwitters-Preis

„Qualität = Nein! Energie = Ja!“ lautet eine Devise des Installationskünstlers Thomas Hirschhorn. Für seine Arbeit wurde der Schweizer nun mit dem Schwitters-Preis ausgezeichnet. Dort sind auch zwei seiner Installationen zu sehen.

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„Halt auf freier Strecke“ berührt und bewegt

Hommage an den Merz-Bau: Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn vor seinem Monument im Garten des Hauses Waldhausenstraße 5 in Hannover.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Sie bekommen am Sonntag den Kurt-Schwitters-Preis. Wie einst der Dadaist schaffen auch Sie Rauminstallationen und schleusen Alltagsdinge in den Kunstraum ein. Fühlen Sie sich Schwitters seelenverwandt?

Ich liebe Schwitters. Ich bewundere seinen schwierigen Lebensweg, das Revolutionäre seiner Kunst und seine Insistenz, den Merz-Bau nach seiner Zerstörung noch zweimal aufzubauen, in anderen Ländern, anderen Situationen; dem treu zu bleiben, das ist sehr beeindruckend. Ich habe schon 1993 auf einen Karton geschrieben „J’aime Kurt Schwitters“. Eine Verwandtschaft zu behaupten, fände ich aber prätentiös von mir.

Nun haben Sie ein Projekt realisiert, das Ihnen vor elf Jahren nicht geglückt war, nämlich eine Schwitters-Plattform in der Waldhausenstraße 5 in Hannover zu schaffen, wo sich Schwitters erster Merz-Bau befand.
Ja, das war damals nicht möglich, weil der Hausbesitzer nicht wollte. Als man mich anrief, um mir zu sagen, dass ich den Schwitters-Preis 2011 bekomme, dachte ich: Wow, super! Da kann ich das Projekt doch machen. Da hat mir mal ein Preis wirklich geholfen, etwas umzusetzen. Ich habe den Besitzer des Hauses persönlich aufgesucht und ihm gesagt: Wir müssen das jetzt einfach machen, weil ich diesen Preis gewonnen habe.

Und der Besitzer war gleich einverstanden?

Ja, er hatte allerdings Bedenken, weil das ursprüngliche Haus nicht mehr steht, aber ich sagte, genau dieses Fehlen interessiere mich. Wo der Merz-Bau war, ist heute ein Garten. Die Arbeit ist eine Hommage an den Merz-Bau.

In einer zweiten Arbeit mit dem Titel „Untere Kontrolle“ im Sprengel Museum evozieren Sie den beunruhigenden Eindruck, Unbekannte wären in den Museumsraum eingedrungen. Wieso reizt Sie die Vorstellung?

Der Eindringling bin ich ja selber. Ich habe versucht, mich auf die Mehrzweckhalle des Museums einzulassen. Der Ort ist für alles Mögliche bestimmt, aber für nichts Richtiges. Genau das interessiert mich. Für mich lag das Bild nahe, jemand sei eingedrungen, der nicht von der Direktion oder den Kuratoren eingeladen wurde, sondern der sich einfach selber eingeladen hat, diese Ausstellung zu machen.

Dem Betrachter begegnet eine Überfülle an Eindrücken: Transparente mit Aufschriften wie „Wolken am Himmel“ oder „Meine Bank leiht mir kein Geld mehr“, Plüschtiere, die Bücherlasten tragen, Heideggers „Sein und Zeit“ oder Spinozas „Ethik“. Was genau haben Sie herausgearbeitet?

„Untere Kontrolle“ verstehe ich als einen Moment, wo man unten ist, am Boden liegt, sich neu orientieren muss. Aus dieser Perspektive geht es gerade nicht um Kontrolle, kontrollieren können Sie ja nur von oben, es ist ein unkontrollierbarer Blickwinkel.

Die Transparente hängen verkehrt herum. Man muss sich also verdrehen, um sie zu lesen.

Ja, dazu ist man gezwungen, wenn man unten ist und weiterleben und weiterfunktionieren will. Es geht ja dann nicht mehr tiefer. Genau das bietet aber die Chance für eine neue Perspektive.

Steckt eine persönliche Gefühlslage hinter der Arbeit?

Nein, ich mache keine autobiografische Kunst. Jeder Mensch war schon mal unten, das ist das Verbindende. Die Gründe können politische, ökonomische, religiöse oder soziale sein.

Neigen Sie wie Kurt Schwitters dazu, Ihr persönliches Lebensumfeld zu wuchernden Alltagscollagen auszugestalten?

Nein, gar nicht. Ich wohne im Zentrum von Paris in einer sehr schönen Wohnung, mit Parkettboden, hohen Räumen, keine Kunst von mir, wenig Möbel, viele Bücher. Mein Atelier habe ich in der Banlieue, in Aubervilliers.

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