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„Dass Sie ausgerechnet mit mir reden wollen“

Thomas Quasthoff im Interview „Dass Sie ausgerechnet mit mir reden wollen“

Thomas Quasthoff spricht im über seinen Auftritt bei den Kunstfestspielen Herrenhausen, seine Zukunft als Sänger – und warum er überrascht ist, dass man mit ihm überhaupt reden will.

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Thomas Quasthoff wurde 1959 in Hildesheim mit einer Conterganschädigung geboren und war einer der erfolgreichsten Bassbaritone seiner Generation. 2012 beendete er seine Karriere. 

Quelle: Bernd Brundert

Guten Tag, Herr Quasthoff …
Ehrlich gesagt bin ich sehr überrascht, dass Sie ausgerechnet mit mir reden wollen. Ich habe die kleinste Rolle in diesem gewaltigen Stück. Was wollen Sie denn von mir?

Sie übernehmen die Partie des Sprechers in Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“, die Ingo Metzmacher am Pfingstsonntag bei den Kunstfestspielen Herrenhausen dirigieren wird. Man hört immer, man habe nur eine Gelegenheit im Leben, dieses sehr selten gespielte Stück zu hören. Sie aber haben es schon öfter aufgeführt.
So oft nun auch wieder nicht: Ich mache es jetzt zum dritten Mal. Man darf schließlich nicht vergessen, was man dazu alles braucht: einen riesigen Chor, ein außergewöhnlich großes Orchester, vier volle Solisten und dann noch den Sprecher. Das ist schon jedes Mal ein Riesenaufwand.

Lohnt sich denn dieser Aufwand überhaupt am Ende?
Das ist ein ganz wichtiges Werk der Musikliteratur, eines der letzten tonalen Stücke von Schönberg, ein spätromantisches, sehr, sehr beeindruckendes Werk. Und es ist auch wirklich schöne Musik. Natürlich lohnt sich dafür jede Anstrengung. Und natürlich interessiert das auch das Publikum: Wie ich gehört habe, wird der Kuppelsaal ja auch ganz gut gefüllt.

Sie wissen ja, dass das nur bei wenigen Projekten gelingt: Der Kuppelsaal ist der größte Konzertsaal Deutschlands.
Ich bin da mehrfach aufgetreten, und es waren immer ziemlich viele Leute da. Ich habe von meinem Vater, der noch in Hannover lebt, gehört, dass der Saal nun renoviert ist. Das wurde auch höchste Zeit. Ich hoffe, er ist heller geworden. Eigentlich ist das ein ganz toller Saal. Jetzt ist also die Stadthalle renoviert und 96 steigt ab: Man kann nicht alles haben. Aber das ist schon sehr schade für die Stadt. Eigentlich eine Schande!

Die Leidenschaft für Hannover 96 teilen Sie mit Ingo Metzmacher. Wie kam es jetzt eigentlich zu der Zusammenarbeit? Kennen Sie sich noch von früher?
Er hat in Hannover Musik studiert, ich Jura. Ich war aber eigentlich den ganzen Tag über in der Musikhochschule. Tatsächlich kennen wir uns aus dieser Zeit. Und wir schätzen uns als Musiker seither gegenseitig sehr. Allerdings musste ich ihm einmal ein Projekt absagen, weil ich der Meinung war, dass das nicht ganz mein Stück ist. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt noch klappt. Ich habe Ingo zuletzt bei einer Generalprobe bei den Salzburger Festspielen gehört: „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann. Das war eine der eindringlichsten Opernerfahrungen der letzten Jahre für mich. Ich halte ihn für einen der besten und individualistischsten Dirigenten, die wir in Deutschland haben.

Service

Am Sonntag, 15. Mai, ist Thomas Quasthoff bei den Kunstfestspielen Herrenhausen als Sprecher in Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“ zu erleben. Das Konzert im Kuppelsaal beginnt um 11 Uhr, Karten unter Telefon (05 11) 12 12 33 33. Die Kunstfestspiele beginnen am Freitag, 13. Mai.

Hat es Sie überrascht, dass ein so erfolgreicher Dirigent die Leitung der Kunstfestspiele Herrenhausen übernommen hat, die ja noch ein relativ unbeschriebenes Blatt in der Festivallandschaft sind?
Gerade das ist doch eine tolle Herausforderung: Ich kann mir vorstellen, dass es ihn gereizt hat, ein noch junges Festival inhaltlich zu prägen. Und ich glaube, er hat auch noch immer eine große Affinität zu seiner Heimatstadt. Das kann ich auch gut verstehen: Ich habe gerade einen Kabarettabend in meiner alten Heimatstadt gemacht. Wenn dann so Schulfreunde und alte Bekannte kommen: Das lässt einen ja nicht unbewegt. Als Künstler ist man so viel auf Reisen, da bekommt der Begriff Heimat vielleicht eine etwas andere Größenordnung, als das sonst der Fall ist.

Sie sind mit Ihren Kabarettprogrammen derzeit viel unterwegs. Wird man Sie bald auch wieder mehr in Konzerten erleben können?
Ich mache schon jetzt viele Liederabende - allerdings ohne selbst zu singen. Ich bin dann Sprecher wie bei den „Gurre-Liedern“. Im Sommer bin ich auf diese Weise auch wieder einmal bei einer Oper mit von der Partie: Ich spreche den Epilog von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ beim Festival in Grafenegg. Ich bin als Schauspieler am Berliner Ensemble, ich mache viele Lesungen und jetzt auch wieder verstärkt meine JazzKonzerte in größeren Sälen.

Vor Ihrem Abschied von den klassischen Konzertpodien vor vier Jahren hatten Sie verkündet, keinen Jazz mehr singen zu wollen. Kann es sein, dass man Sie bald auch wieder als klassischer Liedsänger erleben kann?
Diese Jazz-Meldung damals war eine Ente. Ich habe mit Klassik aufgehört und in dem Moment auch mit dem Singen überhaupt. Nach dem Tod meines Bruders Michael habe ich meine Stimme vollständig verloren. Das ging fast ein Jahr lang so. Als ich merkte, dass es wieder ging, kamen die Projekte wie von alleine, auch der Jazz. Die Anzahl der Konzerte ist aber überhaupt nicht mit der von früher zu vergleichen. So habe ich endlich mehr Zeit für meine Familie.

Und wie ist es nun mit künftigen Klassik-Konzerten?
Wenn ich sage, ich höre mit Klassik auf, dann höre ich mit Klassik auf. Ich denke, ich habe alles erreicht, was man als Konzertsänger erreichen kann. Ich habe sogar zwei Opern gemacht. Ich habe zwei Grammys gewonnen und sechs Echos. Was sollte noch kommen? Ich hatte mir immer vorgenommen, rechtzeitig als Künstler aufzuhören. Das ist mir gelungen, und darauf bin ich sehr stolz.

Interview: Stefan Arndt

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