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Kultur Thomas Quasthoff singt wieder
Nachrichten Kultur Thomas Quasthoff singt wieder
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07:35 26.11.2012
Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit Sabin Tambrea (Viola) und Thomas Quasthoff (Narr). Quelle: Thomas Eichhorn
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Berlin

Ihr seid das Volk / Ich nur der, / der euch verhetzt. / I am the fool / Das wird nicht übersetzt“, sagt der Narr zum Publikum im Berliner Ensemble. Diese Sätze, die Katharina Thalbach ihrer Inszenierung von Shakespeares „Was Ihr wollt“ am Berliner Ensemble hinzugedichtet hat, steht beispielhaft für die anarchische Kraft der Narrenfigur, die sich außerhalb der allgemeinen Regeln bewegt. In Shakespeares Komödien dreht der Narr den Mächtigen die Worte im Mund herum und stachelt die Schüchternen an, einander um den Hals zu fallen. Er wird ständig unterschätzt, woraus sich auch seine heimliche Macht speist.

Katharina Thalbach stellt in ihrer Inszenierung das Närrische ins Zentrum. Das ist insofern originell, als jüngere Inszenierungen eher nach dem Dunklen in Shakespeares Komödien suchen. Stefan Pucher etwa hat gerade im Hamburger Thalia Theater aus dem „Sommernachtstraum“ eine Melancholiestudie in schwarz-weißen Bildern gemacht.

Davon ist Thalbachs Inszenierung weit entfernt. Die üblichen Liebesverwirrungen sind für sie nur Beiwerk für eine Harlekinade, die die anzüglichen Anspielungen des Textes bis ins Groteske überdehnt. Das Stück wechselt zwischen obszönen Plaudereien, Slapsticknummern und Gesangseinlagen. Sehr lustig.Der in seine Herrin vernarrte Haushofmeister Malvolio etwa fischt eine vermeintliche Botschaft seiner Angebeteten aus dem Wasser und ruft aus: „Das ist ihre Handschrift. Ihr F, ihr O, ihr T, ihr Z, ihr E.“

Im Zentrum steht der Narr. Ihn spielt Thomas Quasthoff, der in Hildesheim geboren wurde und seine Karriere beim NDR in Hannover begann. Mit einem Schwimmreif um den Körper und einem Lorbeerkranz auf dem Kopf schwebt er in einer Szene auf einem überdimensionalen Regenschirm durch die Luft. Ein  wenig  erinnert er in seiner selbstironischen Haltung an den jüngst verstorbenen Spaßmacher Dirk Bach.

Anfang des Jahres hatte Thomas Quasthoff, der Star-Bariton und mehrmalige Grammy-Preisträger, wegen gesundheitlicher Bedenken seinen Abschied von der Konzertbühne verkündet. Doch im Berliner Ensemble singt er nun wieder: Mit seiner wunderschön warmen Stimme beschwört er in melancholischen Barockarien die Todessehnsucht – um im nächsten Moment nach Peter Fox zu grooven „Schüttel deinen Speck!“.

Der Contergan-geschädigte Quasthoff, der wegen seiner Behinderung einst von der Musikhochschule Hannover abgelehnt wurde, konterkariert allein durch seine Präsenz auf der Bühne den höfischen Kosmos. Die Herrschenden bilden sich ein, den Überblick zu haben, sind aber letztlich weniger weitsichtig als der kleine Mann.

Dieser gibt den Idioten. Dabei ist er ganz das Gegenteil. Shakespeares Stück ist voll von diesen Verhandlungen über die Maskeraden und Doppelidentitäten des Schauspielers und des gewöhnlichen Menschen. „Die ganze Welt ist eine Bühne“, lässt Shakespeare den Narren in „Wie es euch gefällt“ sagen: Das größte Theater ist das des alltäglichen Lebens.

Die Rolle der schiffbrüchigen Viola, die sich als männlicher Diener verkleidet, besetzt Thalbach mit einem Mann (Sabin Tambrea). Der verkörpert zugleich ihren Bruder Sebastian und turtelt mit Verehrern wechselnden Geschlechts. Violas Chef Orsino dagegen wird von einer Frau (Larissa Fuchs) gespielt. Dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel spielt auch auf die Schauspielpraxis zu Shakespeares Zeiten an, Frauen von Knaben mimen zu lassen. Auch andere zeitgenössische Regisseure sind schon auf diese Idee gekommen, was aber das Vergnügen der Zuschauer an dem Rollen- und Geschlechtertauschspiel im Berliner Ensemble nicht schmälert.

Momme Röhrbein ist ein sehr phantasievolles Bühnenbild gelungen: ein maritimes Zauberreich aus einer Drehbühne mit wogendem Wellenboden, auf dem ein runder Schiffsbug fährt, der seine zahlreichen Luken für seine schrägen Passagiere öffnet. Die überall herumstehenden Riesenmuscheln werden dann auch schon mal zum Phallus umfunktioniert.

In dieses Meerreich hat sich unverständlicherweise ein Heidi-Verschnitt (Traute Hoess) verirrt. Das Kammermädchen der von Orsino begehrten Gräfin Olivia (Antonia Bill) „kommt aus den Bergen“ – und der dreistündige Abend kommt ab und zu aus dem Tritt. Denn an manchen Stellen gerät er schlicht zu schrill. Nicht jeder Witz ist eben vom Witz des Narren beseelt.

Dem Publikum jedoch gefällt es, die Zuschauer quittieren jede Nummer mit Johlen und Applaus. Der ist nach jedem Lied von Thomas Quasthoff besonders stürmisch. Seine Stimme ist wohl vor allem das, was sie wollten.

Weitere Termine: 29. November, 6., 16. Dezember, Karten: (0 30) 28 40 81 55

Von Nina May

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