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Kultur Urban Priol rechnet im Theater am Aegi mit 2017 ab
Nachrichten Kultur Urban Priol rechnet im Theater am Aegi mit 2017 ab
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12:14 14.01.2018
Urban Priol bei seinem satirischen Jahresrückblick „Tilt!“ im Theater am Aegi.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Erstmals, so konstatiert der Mann mit dem wilden Haarkranz und dem wirren Hawaii-Hemd, sitze im Bundestag eine offen rassistische Partei, die SPD gehöre jetzt auf die Rote Liste bedrohter Arten, die CDU fahre das schlechteste Wahlergebnis seit 1949 ein – und regiere trotzdem weiter. Mehr muss man vielleicht gar nicht wissen, um zu verstehen, warum Urban Priol seit 2002 jährlich neue Beispiele dafür findet, warum das jeweils neue Jahr nach seinen Worten tatsächlich „noch bescheuerter“ als das alte geworden ist - wie er stets am Ende seines Rückblicks prognostiziert.

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Theater am Aegi: Urban Priol mit dem Jahresrueckblick Tilt

Aber das Publikum des komplett ausverkauften Theaters am Aegi will es wie gewohnt ausführlich. „Ich habe meine Sondierungunterlagen dabei“, sagt Priol in Anspielung auf die langwierige Koalitionsbildung, „und wenn ich bis Mitternacht nicht fertig bin – dann mach ich den Lindner.“ Wie stets geht es auf Mitternacht zu, bis der Abend mit dem mittlerweile 56-jährigen vorüber ist, womit sich Priol erneut als würdiger Nachfolger von Dietrich Kittner erweist, der stets für sich beansprucht hatte, „der Wagner unter den Kabarettisten“ zu sein. Priol teilt allenfalls etwas gleichmäßiger in alle Richtungen aus, wofür er im vergangenen Jahr allerdings auch allenthalben Anlässe findet. „Was für eine Welt“, ruft er aus, „Psychopathen in Pjöngjang und in Washington, neue Nationalisten und alte Egomanen in West und Ost – das lässt Merkel ja geradezu als Anker der Verlässlichkeit erscheinen!“

Da applaudiert ein einzelner im Publikum offenbar nur der Kanzlerin. „Wenn’s bei der Wahl bloß auch nur einer gewesen wäre“, versetzt der Mann auf der Bühne – und löst damit allgemeinen Applaus aus. Klar, Kabarett richtet sich traditionell gegen das Establishment, weiß Priol, gegen „die da oben“. „Aber auch da gibt es eine neue Unübersichtlichkeit.“ Wenn sich Trump mit seinem Schuhputzer einige, gegen „die“ Elite zu sein, greife offenbar große Wirrnis um sich. Und wenn Alexander Dobrindt eine „konservative Revolution“ gegen die Mächtigen ankündige, dann, sagt Priol, frage er sich: „Ja, lebe ich denn seit zwölf Jahren in einer Räterepublik?“

Nein, seit 2005 regiert Angela Merkel gleichsam als „Lady Pattex“, was auch am Versagen der „nur noch in Spurenelementen“ Profil zeigenden SPD liege. Martin Schulz habe sich bloß als der „Buchhändler aus Würselen“ präsentiert statt mit seiner europäischen Kompetenz. Statt starker Europäer mache Merkel zu EU-Kommissaren Leute wie Günter Oettinger, den „Albtraum jedes Logopäden“. Kathrin Göring-Eckardt habe sich in den Jamaika-Gesprächen als „Merkels Flokati“ angedient, Cem Özdemir habe sich schon als Außenminister gewähnt. „Er ahnte nicht, wohin die Kanzlerin ihn als erste geschickt hätte – nach Ankara!“ Und Reformationsjubiläum und Bildungsnotstand rückt er mit der Jugendlichen abgelauschten Begeisterung übers Lutherjahr zusammen – „Klasse, endlich mal an Halloween frei!“ 

Doch was kann das Kabarett mehr bieten als eine Chronik der laufenden Absurditäten, wenn die Wirklichkeit selbst zur Karikatur, die Realität zur Satire wird? Nun, Urban Priol, bietet dazu gleich mehrere kleinere und größere Kabinettstückchen: Als er im Radio von Rücktritt, gar von Exil hört, denkt er an Seehofer, bis er kapiert, dass von Mugabe die Rede ist. „Na“, fügt Priol hinzu, „auch ein Schwarzer.“ Eine Debatte über ein aus CSU-Sicht viel zu großes Naturschutzgebiet im Spessart lässt ihn ein Szenario neuer Wildnis mit Tigern und Elefanten im heimatlichen Spessart entfalten. Und aus den durchaus möglichen Folgen von Vulkanausbrüchen in Island entwickelt er die Vision einer europäischen Eiszeit, die neue Fluchtbewegungen übers Mittelmeer auslöst – diesmal in südlicher Richtung und mit Obergrenzendebatten in Libyen. 

Kein Wunder, dass es am Ende dieses mehr als dreistündigen Abends langen Applaus gibt, auch weil Priol da noch die großen Blochschen Fragen aufgeworfen hat. „Wo kommen wir her? Wohin gehen wir, zitiert er fast wörtlich aus dem „Prinzip Hoffnung“ des Philosophen. „Und wenn der Weg das Ziel ist – wieviel Maut wird er uns kosten?“

Man merkt: Wenn auch 2018 bescheuerter als 2017 wird, wenn die Realität die Satire überholt, bleibt immer noch die Surrealsatire – und dafür ist Urban Priol schon ganz gut präpariert.

Von Daniel Alexander Schacht

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