Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Britisches Multitalent Etchells präsentiert Hörstück

Kunstverein Braunschweig Britisches Multitalent Etchells präsentiert Hörstück

Der britische Künstler Tim Etchells ist aktuell mit einem hörakustischen Stück im Kunstverein Braunschweig zu erleben. Das Werk "Together Apart" füllt auf faszinierende Art die Ausstellungsräume der Villa mit improvisierten englischen Redewendungen.

Voriger Artikel
„Toni Erdmann“: Noch einmal Zähne zeigen
Nächster Artikel
Aufschreiben, wie es ist

Viel Resonanzraum: Etchells-Installation im Braunschweiger Kunstverein.

Quelle: Stark

Braunschweig. So viel Leere bei so viel gedanklicher Fülle war nie im Kunstverein Braunschweig. Sie verdanken sich dem britischen Multitalent Tim Etchells. Der Künstler, geboren 1962, hat sich als Theaterautor, Performer, Schriftsteller und Regisseur einen Namen gemacht. Bekannt geworden ist er aber vor allem als Gründer und Leiter der Performancegruppe Forced Entertainment, die mit klugen Stücken, mutigen Improvisationen und berührenden Slapsticks seit mehr als 30 Jahren das zeitgenössische Theater bereichert. Sie war in der Vergangenheit mehrfach auf den Theaterformen-Festivals in Braunschweig und Hannover zu Gast.

Aktivierte Zuhörer

Etchells Auftritt ist großartig. Die 15 Ausstellungsräume der Villa Salve Hospes macht er in fulminanter Weise zum Resonanzraum eines von ihm improvisierten und gesprochenen Hörstücks. Betritt der Besucher den ersten Raum, herrscht ihn aus einem der überall verteilten, streng und anthropomorph wirkenden, schwarzen Lautsprecher die Stimme des Künstlers an: „Go with your head“ – Mach, was dein Verstand dir sagt. Tim Etchells wiederholt den Befehl mehrfach, wobei er ihn unterschiedlich rhythmisiert und betont. Das lädt ihn in beinahe musikalischer Manier immer wieder neu mit Gefühl und Bedeutung auf.

Tim Etchells: „Together Apart“ ist noch bis zum 14. Mai im Kunstverein Braunschweig (Lessingplatz 12) zu erleben.

Aus einem benachbarten Lautsprecher tönt der genau entgegengesetzte Befehl „Go with your ­heart“ – Folge deinem Herzen. Die widersprüchlichen, sich akustisch übereinanderlegenden Imperative formieren sich zum Konflikt, zum Wertedrama. Sie wandern in den Kopf des Besuchers, wo sie von ihm durchdacht werden. Sie machen, dass Etchells Performance nicht bei ihm bleibt, sondern im aristotelischen Sinne zur Sache seines Zuhörers wird. So aktiviert sie ihn ähnlich intelligent und unwiderstehlich, wie es auch die theatralische Praxis von Forced Entertainment auszeichnet. Sprechen heißt in Braunschweig, im Sinne der Sprechakttheorie mit Worten Handlungen zu vollziehen.

Das machte gleichfalls die Performance des Künstlers zur Eröffnung deutlich. Hin und her laufend wie jene griechischen Philosophen, die im Gehen dachten, findet er zu seinen improvisierten Sätzen. Erst gemessenen Schritts, dann immer schneller und ekstatischer rennend. Als wollte er zeigen, wie stark Bewegung und Denken, Erleuchtung und Tat miteinander zusammenhängen. „Moving words“ – Wörter bewegen: Etchells’ erster Satz demonstriert seine Kunststrategie und macht in einer zweiten Lesart deutlich, wie sehr Wörter uns zu bewegen vermögen. Er nennt weitere Gangarten, die das Ganze unserer Existenz in den Blick nehmen; darunter „It’s touch and go“ oder „Dance“.

Für die Sentenzen seines Hörstücks hat der Künstler Redewendungen der englischen Sprache gewählt, die in metaphorischer Weise mit dem Körper arbeiten. Wir werden durch sie sprachlich fragmentiert, und das Kunststück besteht darin, trotzdem zur Einheit zu finden. Nichts anderes meint auch der paradoxe Titel des Werks „Together Apart“ – Getrennt zusammen. Eine sprachliche Verbindung aus „Pull yourself together“ – Reiß dich zusammen – und dem von Tim Etchells erfundenen „Tear yourself apart“ – Reiß dich auseinander. In der widersprüchlichen Allianz liegt Hoffnung. Nicht nur für das Schicksal Einzelner, sondern vielleicht auch für das ganzer Gesellschaften.

Von Michael Stoeber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Knust, Kanten, Scherzel: Was sagt man wo zum Anfang und Ende vom Brot?

Knust oder Kanten, Knäppchen oder Knietzchen, Kruste oder Scherzel: Was sagt man wo zum Anfang und Ende vom Brot? Sprachwissenschaftler haben einige interessante Begriffe zusammengetragen.