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21:17 30.03.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Schrott oder Kunst? Für Timm Ulrichs 1966 nur eine Frage des richtigen Rahmens. Quelle: Karin Blüher
Hannover

„In Hannover steigt man nicht aus“, sagt Timm Ulrichs. „Sondern um.“ Starker Tobak aus dem Munde eines Mannes, der seit 55 Jahren, wenn auch mit Unterbrechungen, in dieser Stadt lebt. Aber Timm Ulrichs ist eben ein Mensch im Übergang, ein Weltenbummler zwischen Kunst und Wirklichkeit, einer, der nicht zuletzt sein eigenes Leben zur Kunst macht. Denn dazu, genauer: zum „ersten lebenden Kunstwerk“ weltweit, hat sich der selbsternannte „Totalkünstler“, ein Wegbereiter der Konzeptkunst und würdiger Dada-Erbe in der Schwitters-Stadt Hannover, bereits 1961 erklärt. Da war er 21 Jahre. Heute ist er 75. Und immer noch viel unterwegs.

Ein kleines Kunststück ist es deshalb, ihn überhaupt in Hannover anzutreffen. Am Wochenende hat er im westfälischen Arnsberg sein Werk „Blitzableiter“ installiert. Heute, an seinem 75. Geburtstag, ist er in Berlin, wo seine Frau wohnt. Dazwischen war er kurz in Hannover, zum Umpacken in seiner bahnhofsnahen Wohnung („Ich miete immer nur dicht am Bahnhof, damit ich schnell weg kann“).

Doch was heißt da Wohnung? Es ist eher ein Lager von Kunstwerken und dem Gedenken daran, jedenfalls so weit es dabei um Timm Ulrichs geht. Nur schmale Gänge führen darin um die Stapel von Kunst und Büchern, Katalogen und Postkarten, weshalb Ulrichs inzwischen auch die Wohnung gegenüber und den Keller zum Kunstdepot gemacht hat.

Weit in die Vergangenheit, bis 1980, als Ulrichs hier eingezogen ist, reichen die Materialhaufen zurück, die sich hier im Wortsinn zur Kunstgeschichte aufschichten. In der Zukunft könnte dies eine reiche Fundgrube für Timm-Ulrichs-Forscher werden. Zusammen mit weiteren Kunstdepots, als die Ulrichs ein Lager in Ricklingen und eine - bahnhofsnahe - Wohnung in Münster nutzten, wo er von 1972 bis 2005 Kunstprofessor war.

„Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“

In Hannover aber hat er seine ersten künstlerischen Schritte unternommen. Hat, statt brav Architektur zu studieren, über Dada, Konstruktivismus und Bauhaus gelesen, obwohl das noch nicht schick war. Hat, ganz in der Dada-Tradition, 1961 seine erste Ausstellung „Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“ mit sich selbst in einer Glasvitrine gezeigt. „Marina Abramovic tritt ja als Urgroßmutter der Performance auf“, spottet Ulrichs und fügt hinzu: „Was bin ich denn dann?“

Er ist zweifellos der ältere Performer, ein Künstler, der von der hausgroßen Außeninstallation über Malerei und Grafik, Fotografie, Film und Künstlerbuch bis zu bissigen Bonmots und Spielarten konkreter Poesie eine wirklich seltene mediale Vielfalt aufbietet. Er tritt immer wieder mit (selbst-)ironischen Persiflagen, Paradoxien und Sprachspielen hervor. „Ceci n’est pas une pipe de Magritte“ nennt er ein Werk, das tatsächlich eine echte Pfeife und nicht Magrittes Werk zeigt. Er hat Michelangelo persifliert und Mondrian zitiert. Und sich nicht zuletzt immer wieder selbst inszeniert. Er hat 1969 eine „Kunstpraxis“ eröffnet („Sprechstunden nach Vereinbarung“), ist 1975 beim Kölner Kunstmarkt mit Brille, Blindenstock und dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ aufgetreten. Hat sich eine Zielscheibe auf die Brust und „The End“ aufs rechte Augenlid tätowieren lassen. Für die Ausstellung „Optische Poesie“ hat er 1966 eigens einen Bilderrahmen vom Landesmuseum entliehen, um auf einem Schrottplatz aus dem Rahmen zu treten - was HAZ-Fotografin Karin Blüher damals festgehalten hat.

Künftige Kunsthistoriker, die in Ulrichs’ Materialflut zu ertrinken fürchten, müssen sich nur an seine Werke halten, um darin einen roten Faden aufzuspüren. Der „Blitzableiter“ zum Beispiel heißt im Untertitel „Objekt für potentielle Naturschauspiele“. Erst ein Blitzeinschlag bringt dieses Kunstwerk also zur Vollendung. „Die Potenzialität ist das Spannende, nicht die Realität“, sagt der Künstler. „Der Blitz ist abwesend und durch meinen ,Blitzableiter’ doch imaginär anwesend.“ Und diese „Anwesenheit der Abwesenheit“ mache für ihn bei seiner künstlerischen Arbeit den Reiz aus.

Ulrichs nennt gleich noch ein Beispiel: „Auf der Unterseite der Erdoberfläche“ (1992) heißt ein Werk, das er im April - nach der Rückkehr aus Berlin und dem Umsteigen in Hannover - beim Begräbnis des Künstlers Werner Runau in der Künstlernekropole Kassel in Augenschein nehmen wird. Da wartet nämlich auch sein eigenes Grab auf ihn - ein Bronzeabguss seines Körpers, der kopfüber senkrecht im Boden versenkt ist und durch eine Glasscheibe auf den Füßen Einblick in den Hohlkörper gewährt. „Da kommt dann meine Asche rein“, konstatiert der Künstler, „eben in die Unterseite der Erdoberfläche.“ Noch ist er dort abwesend, doch die Hohlform seines Körpers verweist schon auf seine künftige, zum Kunstbestandteil geadelte Anwesenheit.

Timm Ulrichs - Künstler und Kunstwerk

Frühe Jahre: Ulrichs, geboren 1940 in Berlin, aufgewachsen in Bremen, ist ab 1959 als Architekturstudent in Hannover eingeschrieben.
„Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus“: Ulrichs startet 1961, parallel zum Studium, die „Selbstausstellung“.
Kunstbund mit Anna Blume: Ulrichs publiziert 1967 per Zeitungsanzeige die Heirat mit der Schwitters-Kunstfigur Anna Blume.
„Der Künstler ist anwesend“: 1969 ist dies erstmals ein Ausstellungstitel – für eine Timm-Ulrichs-Schau in Köln.
Lehrauftrag: Ulrichs erhält 1969 eine Gastprofessur an der HBK Braunschweig.
Professur: Ulrichs wird 1971 Kunstprofessor in Münster.
Zielscheibe: Ulrichs lässt sich 1974 über dem Herzen eine Zielscheibe tätowieren.
Nackt im Stein: Ulrichs lässt sich 1981 unbekleidet in einen Findling einarbeiten.
Streit mit Sinsheim: Erst 2015 endet der Streit um die Ausführung einer Installation, für die er den Kunstpreis der Stadt bekommen hat. „Ich bin der erste und letzte Preisträger.“
Ausstellungen: Die Kunstvereine Cuxhaven, Buchholz, Springhornhof Neuenkirchen, das Museum Buxtehude und die Kunststätte Bossard veranstalten eine Ausstellungsreihe zu Timm Ulrichs.

Die wird aber mit seiner körperlichen Abwesenheit in der wirklichen Welt einhergehen, auf die er sich längst vorbereitet. Wie fühlt es sich an, wenn man selbst zur Kunstgeschichte wird? Wenn einem gleich fünf Kunsthäuser im Norden zum 75. Geburtstag Ausstellungen widmen? „Reenactment nennt man das wohl“, konstatiert der Künstler sarkastisch. Und berichtet, wie er ganze Kunstgeschichten aus seinen Depots in Hannover abzutragen gedenkt. In Kassel besucht er nicht nur die Künstlernekropole, er liefert auch „ein paar Bananenkisten“ mit Dokumenten im Documenta-Archiv ab. Das Sprengel-Museum hat schon große Teile seiner Druckgrafik. „Und meine Pornos kommen ins Stadtmuseum München.“

Zieht er dann zu seiner Frau nach Berlin? „Ich habe so viel Material“, wendet er kopfschüttelnd ein und fügt noch eine Liebeserklärung an Hannover hinzu: „Ich bin ja hier eingekerkert.“ Und doch nimmt sich Timm Ulrichs die Freiheit, auch für das Leben nach dem Tode Sorge zu tragen, in seinem Falle also für den Nachruhm. Wenn „The End“ dauerhaft auf seinem Augenlid zu lesen ist, so habe er es seiner Frau aufgetragen, dann dürfe sie keine Todesanzeige schalten. „Wenn die Deutsche Presseagentur trotzdem über meinen Tod berichtet - dann habe ich’s geschafft.“ Damit erst ist die Inszenierung des Gesamtkunstwerks Timm Ulrichs perfekt.

Bis dahin aber gilt es, den Appell auf seinem 1969 gefertigten Grabstein zu beherzigen: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ Schwer genug.

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