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Tod im Traum

Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“ Tod im Traum

Man kann leicht die Übersicht verlieren in Philipp Himmelmanns neuer Inszenierung der beiden kompakten Eifersuchtsdramen „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“ an der Staatsoper Hannover. Aber die Verwirrung ist Programm.

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„Glaube nicht, dass ich das noch schaffe“

Santuzza, die sich hier über ihre tote Rivalin Lola beugt, und sie offenbar am liebsten noch einmal erstechen würde.

Quelle: Jörg Landsberg / Staatsoper Hannover

Hannover . Wann genau geht es hier eigentlich los? Wenn der Regieassistent das Publikum daran erinnert, die Handys auszuschalten? Wenn der Sänger darauf hinweist, dass sich in dem folgenden Stück hinter den Masken und Kostümen auch noch Menschen verbergen? Oder doch erst, wenn sich zu den Klängen eines Vorspiels der Vorhang hebt und schon den Blick freigibt auf das Ende vom Lied? Man kann leicht die Übersicht verlieren in Philipp Himmelmanns neuer Inszenierung der beiden kompakten Eifersuchtsdramen „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“ an der Staatsoper Hannover. Aber die Verwirrung ist Programm: Schließlich wollten die Komponisten Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo in ihren Stücken die Wirklichkeit auf die Opernbühne bringen. Doch wo beginnt, wo endet die Realität im Theater?

Tatsache ist, dass Regisseur Himmelmann, der schon in der Ära Lehmann einen Monteverdi-Zyklus in Hannover gezeigt und hier zuletzt „Tannhäuser“ und „Idomeneo“ auf die Bühne gebracht hat, die beiden eigenständigen, aber traditionell zusammen gespielte Stücke eng verschränkt hat. Der Prolog, der vor der „Cavalleria“ erklingt, gehört eigentlich zum „Bajazzo“. Und manche Figur und Requisite aus der ersten Oper spielt hier auch im zweiten Teil eine Rolle.

In Hannover ist man an diese Herangehensweise schon gewöhnt: In der letzten Produktion des knapp dreistündigen Operndoppelpacks vor neun Jahren hatte Regisseur Calixto Bieito ein ähnliches Konzept verfolgt. Allerdings bediente sich der Katalane dabei der für ihn typischen drastischen Bilder und zog so den Unmut vieler Zuschauer auf sich. Himmelmanns eher zurückhaltende Inszenierung wirkt nun fast wie eine Korrektur bei gleicher Stoßrichtung – und wird am Ende einhellig bejubelt.

Man kann leicht die Übersicht verlieren in Philipp Himmelmanns neuer Inszenierung der beiden kompakten Eifersuchtsdramen „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“ an der Staatsoper Hannover.

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Ein Grund dafür ist sicher auch die musikalische Leistung des Ensembles: Robert Künzli brilliert als Bajazzo, Ricardo Tamura schlägt sich hervorragend in der Tenorpartie der „Cavalleria“. Stefan Adam ist in verschiedenen Rollen in beiden Stücken mindestens souverän, und Sara Eterno kann als Nedda mehr als zwitschern. Der Chor macht nicht nur szenisch einen starken Eindruck, und das Staatsorchester kann (trotz notorischer Intonationsprobleme an einigen Pulten) unter Karen Kamensek die Zurückhaltung eines deutschen Kulturorchesters ablegen und die Geigen auch mal leidenschaftlich schluchzen lassen.

Der Regisseur dagegen interessiert sich vergleichsweise wenig für die verzehrenden Leidenschaften, die die Protagonisten der Stücke antreibt. Wenn die Figuren mit heftigen Worten aneinandergeraten, sieht das bei ihm zumindest im ersten Teil aus wie ein beiläufiges Gespräch: marmorne Emotionen. Statt offene Konflikte zu illustrieren, legt Himmelmann lieber tiefere Beweggründe frei.

Wenn sich der Vorhang zur „Cavalleria“ hebt, sieht man eine Art Traumbild: eine Menschenmenge, die eine am Boden liegende Frau umringt. Etwas abseits steht eine andere Frau, die sich als Einzige in dem Tableau bewegt. Es ist Santuzza, die sich hier über ihre tote Rivalin Lola beugt, und sie offenbar am liebsten noch einmal erstechen würde. 

Die Künstlichkeit der Szene passt gut zur Musik des „Cavalleria“-Vorspiels, die entgegen den rustikal-realistischen Vorsätzen des Komponisten erstaunlich traumverloren klingt. Zu den ätherischen Klängen sieht man hier also etwas, was in der Handlung des Stückes gar nicht vorgesehen ist: An anderen Bühnen übersteht Lola das Eifersuchtsdrama unversehrt. Dafür versteht man in Hannover gleich, dass Santuzza, die von ihrem Geliebten für Lola verlassen wurde, als eine Art Racheengel das Geschehen befeuert.

Khatuna Mikaberidze wird dieser zentralen Aufgabe auch stimmlich gerecht: Ihr Mezzosopran klingt so offen, dass man geradezu in die verbittert-unerbittliche Seele ihrer Figur hineinhören kann. Bei dieser Kraft ist es nur konsequent, wenn Lolas gehörnter Ehemann am Ende nicht nur wie im Stück vorgesehen den Nebenbuhler, sondern auch Lola ersticht und damit den anfänglichen Traum zur (Bühnen-)Realität macht.

Diese eher symbolische als plastische Schilderung spiegelt sich auch im Bühnenbild. Für „Cavalleria rusticana“ hat Johannes Leiacker eine abstrahierte Piazza mit weißen Arkaden im Hintergrund eines schwarzen, weitläufigen Raums entworfen. Die einzige Farbe bringt die fesche Lola in diese strenge Umgebung: Sie trägt rote Schuhe.

Ungleich bunter geht es nach der Pause im „Bajazzo“ zu – allerdings im selben Bühnenbild, dessen strenge Formen nun warm und lebensprall erscheinen: Das Schwarz-Weiß ist einem satten Grün gewichen, das nun zwischen den steinernen Arkaden hindurchschimmert. Selbst die Stühle und Tische vor der angedeuteten Schenke am linken Rand sind nun aus warmen, braunen Holz. Hier hat das „Cavalleria“-Personal überwintert: Turiddus Mutter Lucia schenkt aus im „Bajazzo“ aus, und Sanduzza sitzt düster brütend vor dem Messer, mit dem auch im zweiten Stück ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau erstechen wird.

Für dieses Finale, bei dem der Schauspieler eines Wandertheaters während einer Vorführung zum Mörder wird, hat Himmelmann sich einen besonderen Clou ausgedacht: Er unterbricht scheinbar die Vorstellung, als sei nicht die Figur, sondern die Sängerin auf der Bühne zusammengebrochen. Der Vorhang fällt. Der Regieassistent vom Beginn eilt auf die Bühne und spricht die Worte, die auch in der Oper die letzten sind: „Die Komödie ist zu Ende“. Die restliche Musik erklingt dann bei bereits geschlossenem Vorhang.

Für den in der Partitur vorgesehenen finalen Mord an dem Geliebten bleibt auf diese Weise keine Zeit. Wenn im Spiel der Oper auch nur ein wenig Wirklichkeit steckte, dann hätte Himmelmann am Ende ein Menschenleben gerettet.

Wieder am 16., 26., und 29. Januar sowie am 4., 11. und 28. Februar. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.

CAVALLERIA RUSTICANA - DER BAJAZZO from Theater-TV on Vimeo.

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