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Kultur Tod in Venedig
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22:09 02.06.2011
Keine katholische Kirche, sondern Kunst in Venedig: Sakrales nach Schlingensief im Deutschen Pavillon. Quelle: Roman Mensing, artdoc.de
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Wer die venezianischen Biennale-Gärten betritt, den Fuß auf Kieswege setzt, den Duft blühenden Jasmins einatmet, hat sie vielleicht wieder vor Augen: Christoph Schlingensiefs Pfahlsitzer von 2003. Es war einer der heißesten Sommer seit Biennale-Gedenken, also seit 1895. Die modernen Säulenheiligen waren Teil von Schlingensiefs Kampagne „Kirche der Angst“. Sie blickten von knorrigen Hochsitzen auf die Besucher herab. Man wusste nicht recht, ob das improvisierte Pfahlsitzen Teil des offiziellen Programms war oder eine Guerilla-Aktion.

So war das immer bei Schlingensief. Der Regisseur und Aktionskünstler setzte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen alle Stühle. Seine Ernennung zum Deutschland-Repräsentanten auf der 54. Biennale durch die Kommissarin Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst Frankfurt, stieß nicht auf einhellige Begeisterung. „Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir Tausende Künstler“, hatte gleich nach Bekanntgabe der betagte Malerstar Gerhard Richter geschimpft. Andere hingegen lobten Schlingensief als würdigen Erben von Künstlergrößen wie Joseph Beuys oder Rainer Werner Fassbinder.

Seit August 2010 ist der Opern-Wüstling, Romantiker und Aktionist tot. Anfang 2008 war bei ihm Lungenkrebs festgestellt worden. Seine Kritiker schweigen heute. Die Freunde und Weggefährten trauern. Und auch als Besucher des Deutschen Pavillons der Biennale, die am Wochenende für die Allgemeinheit öffnet, ist man traurig. Die posthume Präsentation ist spürbar aus der Hilflosigkeit von Hinterbliebenen heraus entstanden. Die Hauptfigur, der vor Energie sprü­hende charismatische Künstler, fehlt schmerzlich. Doch selbst noch die Kulissen entfalten eine ungeheure Intensität.

Statt „Germania“ steht auf dem Deutschen Pavillon „Ego“. Im Innern des ungeliebten Säulentempels, der seinen letzten Schliff in der Nazizeit erhielt, glaubt man sich in eine katholische Kirche versetzt. Man nimmt auf Kirchenbänken Platz und blickt in einen Altarraum mit Kruzifix, ausgestopftem Hasen (als Hommage an Beuys), Krankenhausbett und Lungenröntgenbildern. Dazu brennen ewige Lichter, ein Beichtstuhl lädt mit rötlichem Schein dazu ein, Sünden zu bekennen. Fehlt bloß noch der Weihrauch.

Die Kirchenkulisse ist Teil des Bühnenbildes von Schlingensiefs Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ von 2008, das der Künstler im Wissen um seine Erkrankung erarbeitete. Ein dumpfer Sound, Rezitation und ritualhafte Filmszenen im Stil von Fluxus und Aktionskunst gehören dazu: eine sonderbare Prozession, eine Kreuzigungsszene. Als Höhepunkt, zu Wagner-Klängen, sieht man über dem Altar im Zeitraffer Bilder eines verwesenden Hasen. Die Verwesung birgt unheimliches Bewegungspotenzial.

„Eine beeindruckende Installation“, hörte man ergriffene Besucher urteilen. Tatsächlich fällt Schlingensiefs Hinterlassenschaft durch die Radikalität, mit der hier letzte Fragen angesprochen werden, die jeden Menschen bewegen, aus dem Rahmen des Kunstüblichen. Manches Bild mag den Eindruck ketzerischer Kommentierung der christlichen Tradition erwecken, im Kern aber, und das ist eine wirkliche Herausforderung fürs Kunstpublikum, ist Schlingensiefs Sakralkunst unironisch.
In Venedig soll der vor allem im deutschen Sprachraum bekannte Künstler einem internationalen Publikum nahegebracht werden. Auch sein Operndorf für Afrika wird vorgestellt (das Hannoveraner schon von den Kunstfestspielen Herrenhausen 2010 bestens kennen). In einem Kinoraum laufen frisch restaurierte Schlingensief-Filme, darunter „Egomania“ (1985), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) und „Terror 2000“ (1991/92)

Die Installation im zentralen Raum entstammt teils dem Fundus der Ruhrtriennale, teils der Privatsammlung von Francesca von Habsburg – der Reliquienhandel hat bereits begonnen.
Bei der Eröffnungsfeier am Mittwoch wurde Kommissarin Gaensheimer für ihren „Mut“ beglückwünscht, an dem Künstler festgehalten zu haben. Wirklich mutig, auch in finanzieller Hinsicht, wäre freilich gewesen, tatsächlich dessen Pläne umzusetzen.

Schlingensief hatte davon geträumt, den Deutschen Pavillon in ein afrikanisches Wellnesscenter samt Sauna, Schwimmbad und Massagekabinen zu verwandeln. Vor dem Gebäude – das hätte Skandalpotenzial gehabt – wollte er Afrikaner in einer Art „Menschenzoo“ zeigen: beim Computerreparieren oder Bilder im Stil von Gerhard Richter malend.

Obwohl verglichen mit solchen Ideen museal, ist die In-memoriam-Schau ein heißer Kandidat für den diesjährigen Goldenen Löwen. Auf der Biennale, die ganz der Gegenwart verschrieben ist, erscheint sie so fremd wie das Sandkorn in einer Muschel. Sie ist aber nicht ohne Vorbild. Vor acht Jahren hat es schon einmal eine posthume Schau gegeben. Damals war im Deutschen Pavillon eine Station von Martin Kippenbergers „World Metro“ installiert: Aus einem ­sieben Meter langen Gitterrost drangen gelegentlich kühler Wind und U-Bahn-Rauschen. Es war das Jahr von Schlingensiefs Pfahlsitzaktion.

Deutscher Pavillon, Gärten der Biennale in Venedig, 4. Juni bis 27. November. Begleitbuch mit Beiträgen unter anderem von Jonathan Meese, Boris Groys und Carl Hegemann (29 Euro).

Johanna di Blasi

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