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Kultur Tod und Aufbruch
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21:11 27.09.2013
Im niedersächsischen Grethem zu Hause: Jugendschriftstellerin Anke Weber. Quelle: Busche
Hannover

Sand findet man hier auch – in der Gegend rund um die Gemeinde Grethem bei Schwarmstedt. Hier im idyllischen Aller-Leine-Tal, wo die niedersächsische Jugendschriftstellerin Anke Weber wohnt. Sand auf Feldwegen, Sand, vermischt mit jeder Menge Erde am Rand von Straßen, die immer schmaler werden, je mehr man sich Grethem nähert. Straßen, die mit Apfelbäumen gesäumt sind oder auch zwischendurch, völlig überraschend, eine kleine Allee aus lauter Birken bilden.

Aber mit dem Sand, den Weber in ihrem ersten JugendromanRegenbogenasche “ so eindrucksvoll beschreibt, hat dieser hier nichts zu tun. Zu einem „riesigen Dünengebirge“ türmt er sich in Webers Debüt an einer zentralen Stelle vor den beiden jugendlichen Helden, Rhina und Uncas, auf. Wüste erstreckt sich dahinter, die Weite der berühmten Namib-Wüste. Davor brandet in Wellen der Atlantik auf.

Fluchtpunkt Namibia: Der afrikanische Staat ist in Anke WebersRegenbogenasche“ eine Art Sehnsuchtsort. Dorthin reisen die 14-jährige Rhina und der zwei Jahre ältere Uncas in den Osterferien mit der Hilfsorganisation „Culture Namibia“, die Sozial- oder Umweltprojekte anbietet. Dort, weit weg von zu Hause, einem ländlich gelegenen Dorf, erhofft sich vor allem Rhina einen radikalen Neuanfang für ihr Leben.

Dass Weber all die Ungewissheiten, die Auf- und Umbruchstimmungen des Erwachsenwerdens mit dem Aufbruch in ein fremdes Land kombiniert, ist nicht neu. Übers Fernweh, über die Sehnsucht von Jugendlichen nach faszinierenden, fremdartigen Welten, sind schon einige gute Bücher geschrieben worden, nicht zuletzt 2010 Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“. Neu – und sehr erfrischend zu lesen – ist es aber, wie Weber diese Geschichte erzählt. Mit „Regenbogenasche“ ist der 46-Jährigen das Überraschungsdebüt des Herbstes im Bereich der Jugendliteratur gelungen. Die Journalistin, die im Brotberuf teils als Redakteurin bei ffn arbeitet, teils freie Texterin ist, schnürt in ihrem Roman zwei extreme Gegensätze zusammen: den Aufbruch ins (Erwachsenen-)Leben und den Tod. Kern der Handlung: Die Schülerin Rhina Norden will die Urne ihres verstorbenen Vaters auf dem Friedhof wieder ausgraben und seine Asche in Namibia verstreuen, an jenem Ort, den er viel mehr geliebt hat, als seine deutsche Heimat, – und an dem er eigentlich beerdigt werden wollte.

Schnoddrig, gleichmütig, ja fast schon unterkühlt, gibt sich Rhina, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, als sie ihrem Freund Uncas (der eigentlich Kevin heißt, diesen Namen aber für alle Unannehmlichkeiten seines bisherigen Lebens verantwortlich macht) zum ersten Mal von ihrem Plan erzählt. „Ich will nachher meinen toten Vater ausbuddeln. Du kannst mir helfen, wenn du willst.“ Mit diesen beiden so cool daherkommenden Sätzen beginnt die Geschichte eines Mädchens, das den Selbstmord des Vaters nicht verarbeiten kann. Sieben Jahre alt ist es, als er sich das Leben nimmt. Wenig später stirbt auch die geliebte Großmutter.

Rhina entwickelt sich zur „Undercover-Totengräberin“, die lässig auch noch den Tod der Uroma und den des Hamsters in eine Reihe mit ihren bisherigen „Leichen“ stellt und rotzig behauptet: „Sterben ist wie Kacken – hat was mit Loslassen zu tun und muss jeder machen.“ Aber so einfach ist es nicht. Je länger man Webers Buch liest, umso deutlicher wird, dass mit Rhinas Vater auch ein Teil von ihr gestorben – oder zumindest tief unter einer Schicht aus trotziger Abwehr von Erwachsenenmitleid verbuddelt worden ist. „Meine Kindheit verschwand in vollgeschnupften Taschentüchern. Was ich damals gefühlt habe, weiß’ ich nicht mehr. Error“, heißt es in dem so charakteristischen Rhina-Ton an einer Stelle.

Man merkt auch, dass Weber selbst Berührungspunkte mit dem Thema Tod gehabt hat. Sie beschreibt den Umgang mit Schmerz und Verlust so genau, wie man es vermutlich nur kann, wenn man so etwas selbst erlebt hat. Welche Rolle spielen also persönliche Erfahrungen für das Buch?

Dass es Parallelen gibt, springt einem beim Hausbesuch in Grethem sofort ins Auge. Oder besser: Es springt einen an, in Form eines verspielten Hundeungetüms, das einen schon im Garten freudig begrüßt und stark an den riesengroßen, pechschwarzen „Berliner“ aus „Regenbogenasche “ erinnert. Anke Weber ist alleinerziehende Mutter einer Tochter wie die Mutter ihrer Heldin. Auch sie hat im engeren Freundes- und Familienkreis Todesfälle erlebt, wurde damit konfrontiert, wie sehr man auch mit ganz konkreten Fragen wie der nach der angemessenen Bestattung überfordert sein kann. Solche Erfahrungen hat Weber für ihren Roman mit „viel journalistischer Recherche und mit einem riesigen Haufen Fantasie verquirlt“. Als ihr Manuskript entstand, habe es im Jugendbuchbereich zudem noch kaum Literatur zum Thema Tod gegeben, erzählt Weber: “Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, wo der Tod ja fast schon ein gängiges Thema in der Jugendliteratur ist.“

Es ist die überbordende Phantasie, die sich in immer neuen Kapriolen der Handlung und sprachlichem Reichtum niederschlägt und Webers Buch zu etwas Besonderem macht. Metaphernreich ist es, dazu voller Wortneuschöpfungen. Schon der Titel „Regenbogenasche“ ist so eine. Wunderschön fasst er zusammen, dass für Rhina ausgerechnet die Asche ihres toten Vaters auch eine Art Glücksversprechen enthält. Dass sie den Vater an den Ort bringt, an dem er beerdigt sein wollte, birgt auch für sie die Chance loszulassen, nicht mehr „ständig mit dem toten Vater im Bewusstsein“ zu leben. Bemerkenswert ist auch, wie Weber Erzählfäden mit einer Mischung aus Pragmatismus und Drastik vorantreibt.

So färben Rhina und Uncas die „Regenbogenasche“ mit Lebensmittelfarbe und schweißen sie in Tüten ein – angeblich für eine Knetaktion mit afrikanischen Kindern. Niemand soll merken, was für eine Fracht die Jugendlichen wirklich transportieren. „Als Rouge im Kosmetikdöschen kann man ihn ja nicht nach Afrika schaffen“, bemerkt Rhina an einer Stelle lapidar. Wie kommt man auf so schräge Ideen? „Umbetten wäre mir einfach zu langweilig gewesen“, sagt Jugendbuchautorin Anke Weber und klingt dabei in etwa so trocken wie ihre Heldin. Aber ihre blauen Augen strahlen.

„Surreal, skurril, unwahrscheinlich und trotzdem real“, so beschreibt Romanheldin Rhina Norden an einer Stelle ihr Leben. Surreal, skurril und trotzdem authentisch – so könnte man auch das Debüt der niedersächsischen Jugendbuchautorin Anke Weber charakterisieren. Man wünscht ihm viele Leser.

Anke Weber: „Regenbogenasche“. Ueberreuter. 253 Seiten, 12,95 Euro.

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