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Tom Kühnel inszeniert am Schauspiel Hannover „1917“

Theater Tom Kühnel inszeniert am Schauspiel Hannover „1917“

Geschichtsunterricht mit Kasperlefiguren: Am Schauspiel Hannover wird die Revolutionsrevue „1917“ von Tom Kühnel aufgeführt. Oft glüht in der Inszenierung nostalgisch ein Revolutionspathos, oft klingt es auch nach Telenovela.

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Hineingesprungen in die Revolution: Die hannoverschen Schauspieler tauchen in Eisensteins Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ auf.

Quelle: Karwasz

Hannover. Lenin winkt. In der einen Hand hält er den Hammer, in der anderen die Sichel. Beides bewegt die graue Leninfigur, die über dem Lenin-Mausoleum schwebt, mechanisch auf und ab. Eine Dampfwolke zischt über Lenins Haupt empor. Ab und zu blitzt es grellgrün aus seinen Augen. Aus dem Revolutionär ist ein Kinderschreck aus der Geisterbahn geworden, eine Schießbudenfigur, ein Papp(machée)kamerad. Aber das war er hier eigentlich schon die ganze Zeit.

Regisseur Tom Kühnel hat im Schauspielhaus eine Revolutionsrevue inszeniert. „1917“ heißt das Spektakel - das war das Jahr, in dem in Russland die Revolution erfolgreich war, und in dem Lenin in einem plombierten Eisenbahnwaggon von der Schweiz über Deutschland nach Russland gereist ist. In drei sehr langen Stunden verbindet die Revue Geschichtsunterricht mit Popmusik, Revolutionsromantik und Spekulationen über eine mögliche Rückkehr des Leninismus aus dem Geist des Internets.

Oft klingt es auch nach Telenovela

Tom Kühnel lässt Texte von Lenin, Trotzki, Sergei Netschajew, Slavoj Zizek und anderen sowie auch eigene Texte sprechen singen. Oft glüht da nostalgisch ein Revolutionspathos, oft klingt es auch nach Telenovela.

Die Revue beginnt ein paar Jahre vor der Revolution und zwar im Palast des Zaren. Nikolai II (Janko Kahle), seine Frau Alexandra Fjodorowna (Carolin Haupt) und Rasputin (Daniel Christensen) treten auf und singen. Sie singen nur. Ein Lied nach dem anderen. Mit Inbrunst und oft ziemlich schief. Die Songs (musikalische Leitung: Polly Lapkovskaja) klingen nach Abba und Andrew Lloyd Webber, einmal ist „Bloody Sunday“ von U2 zu hören, einmal auch „Imagine“ von John Lennon, und beim Auftritt von Rasputin singt das Ensemble - natürlich - zur Melodie von „Rasputin“ von Boney M. Soll das witzig sein? Niemand lacht.

Peinliches Kabarett

Die Akteure präsentieren die Zarengeschichte mit Pathos, aber auch mit Ironie. Doch wem gilt die eigentlich? Muss man sich über den Zaren lustig machen? Über die Revolution? Aber warum ist es dann nicht lustig? Und warum hören sie nicht auf zu singen?

Zwischen den Szenen werden auf zwei Leinwänden neben der Bühne Videos von Lenin und seiner Ehefrau Nadeschda (Katja Gaudard) eingespielt. Mit schwerem russischen Akzent kommentieren die beiden die Vorgänge in ihrer Heimat. Ach Herrje: Radebrechende Russen im Urlaub. Was für ein peinliches Kabarett.

Viel Technik, viel Nebel, viel Aufwand

Die Revue macht sich einerseits ganz klein (Geschichtsunterricht mit Kasperlefiguren) plustert sich andererseits aber auch mächtig auf: großes Theater, viel Technik, viel Nebel, viel Aufwand. Die Darsteller sind großartig zurechtgemacht: Lenin (Günther Harder), Stalin (Frank Wiegard) und Trotzki (Daniel Christensen) sind alle ganz leicht zu erkennen, die Maskenabteilung (Elisa Wimmer und Guido Burghardt) hat hervorragende Arbeit geleistet. Und erst das Bühnenbild: Das Lenin-Mausoleum schachtelt sich immer wieder neu auf und zusammen. Der Videoeinsatz (Kathrin Krottenthaler) ist beachtlich: Einmal wird das Theater sogar in einen Film hineinkopiert. Auf der Leinwand läuft die berühmte Treppenszene aus Sergei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“. Vor grüner Wand spielen die hannoverschen Akteure, die dann farbig im Schwarz-Weiß Film auftauchen. Immer wenn ein Krüppel die Treppe herunterstürzt, rutschen die Darsteller zur Seite. Oje.

So eine Filmüberschreibung wäre ja ein richtiger Ansatz. Das Theater fragt, wie Bilder der Revolution konstruiert werden. Hier ist es aber auch nur eine grelle Klamauknummer. Eine unter vielen.

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