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"Medea" zum Spielzeitauftakt im Schauspiel Hannover

Schauspiel Hannover "Medea" zum Spielzeitauftakt im Schauspiel Hannover

Keine Angst vor Volkstanzgruppen: Tom Kühnel Inszeniert zum Spielzeitauftakt Franz Grillparzers "Medea" im Schauspiel Hannover. Er spielt alle Stücke der Trilogie "Das goldene Vlies" - und er packt das Publikum.

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Hannover. Großen Geschichten ist meist nicht mit kleinen Ideen beizukommen. Manche große Geschichte fordert von denen, die sie erzählen, Risikobereitschaft, Wagemut und, ja, auch ein gewisses Maß an Irrsinn. Und natürlich Zeit. In 90 Minuten ist Franz Grillparzers „Medea“ nicht über die Bühne zu bringen, vor allem, wenn man auch die Vorgeschichte erwähnen will. Für die hat Grillparzer zwei weitere Stücke gebraucht: „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“. Zusammen mit „Medea“ bilden die Stücke die Trilogie „Das goldene Vlies“.

Darin ist der ganze Mythos ausgebreitet: wie das goldene Vlies nach Kolchis kam und wie der, der es gebracht hatte, getötet wurde. Wie Jason, ausgesandt, den Mord zu rächen, zusammen mit der Königstochter Medea das Vlies stiehlt. Wie Jason und Medea nach Korinth reisen und wie Medea in den Verdacht der Zauberei gerät. Wie Jason Medea verlässt, um Kreons Tochter Kreusa zu heiraten. Wie Medea Rache nimmt und die gemeinsamen Kinder tötet.

Regisseur Tom Kühnel, der unter dem Titel „Medea“ die ganze Geschichte vom goldenen Vlies (und dazu noch die von Pocahontas und von Maria Callas) erzählt, braucht drei Stunden dafür. Und am Ende folgen die Zuschauer höchst gespannt, fast atemlos der Geschichte, deren blutiger Ausgang (Kinder tot, Verzweiflung) ja allgemein bekannt sein dürfte. Tom Kühnel und seine Darsteller(innen) haben das Publikum gepackt.
Medea als Schwarzwaldmädel?

Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus. Die Geschichte in Medeas Heimat Kolchis beginnt zäh. Wir haben es mit einer archaischen Welt voller Zauberkraft zu tun. Wie kann die dargestellt werden? Kühnel entscheidet sich für Volkstanz. Die Darsteller treten in Trachtenkleidung auf. Medea als Schwarzwaldmädel? Besonders schlimm: Die Volkstanzgruppe beginnt eine Art Sirtaki zu tanzen.

Gesprochen wird frontal zum Publikum im hohen Deklamationston. Der Vlies-Dieb wird mit Dreschflegeln erschlagen. Die Volkstanzgruppe, die zuvor auch eine Art Beckenbodengymnastik präsentiert hat, schlägt kräftig zu.
Das wäre vielleicht der Punkt, abzuschalten, aber irgendetwas zwingt einen doch dranzubleiben. Hinter dieser Volkstanzästhetik verbirgt sich etwas Großes, Fremdes. Man spürt, wie schwer es ist, so eine archaische Welt in etwas Begreifbares zu übersetzen. Man versteht die Schwierigkeit. Und dann ist man drin in der Anstrengung, diesen Stoff zu fassen.

Und dann kommt „Pocahontas“. Kühnel fügt eine Liebesszene des vielfach verfilmten Mythos in die „Medea“-Geschichte ein. Und das passt. „Pocahontas“ ist wie „Medea“ auch eine große Erzählung vom Eindringen der modernen Gesellschaft in eine archaische Welt.

Später fügt er auf die selbe Art eine Szene mit Maria Callas ein und das passt auch. Die Callas hat in Pasolinis „Medea“-Film die Hauptrolle gespielt – und ihr Leben ist auch als Geschichte einer Disziplinierung zu lesen. Die großen mit ganz unterschiedlichen Mitteln erzählten Geschichten fügen sich wundersam zusammen. Auch der Volkstanz auf der Bühne findet ein Ende. Und plötzlich packt einen die Geschichte der großen Liebe und der großen Enttäuschung.

Tom Kühnel hat die Medea dreifach besetzt. Zuerst wird sie von Vanessa Loibl gespielt, dann von Carolin Haupt, am Ende von Katja Gaudard. Carolin Haupt zeigt die Verwandlung von der Kolcherin zur Griechin auf offener Bühne. Das Volkstanzgewand (die wunderbaren Kostüme hat Daniela Selig entworfen) wird ab-, die Tracht des Siegers (Hemdchen, Jeans, rote Sandalen) angelegt. Die Kinder spielen mit Bauklötzen, der Vater ist genervt. Das Drama ist in unserer Zeit angekommen – es ist ganz nah bei uns.

Grande Dame und Leidende

Jemand hat die Liebe verloren, jemand kämpft um die Liebe. Jemand wird jemandem sehr weh tun. Gefühle sind und bleiben die starke Währung des Theaters. Wie Carolin Haupt zusammen mit dem großartigen Philippe Goos (der als Jason Heldenmut mit jugendlicher Blödheit zu verknüpfen weiß) das Ende einer einst große Liebe spielt – das trifft und rührt an.

Mit seinen klugen Überschreibungen und Mythos-Zugaben bringt Tom Kühnel die Geschichte zum Leuchten. Sie funkelt wie ein Diamant. Die coole Bühne von Jo Schramm, auf der ein Vorhang von Spiegeln erstaunliche Räume öffnet, verstärkt diesen Eindruck noch. Wie ausgeklügelt. Wie schön.

Im letzten Drittel der Trilogie ist Katja Gaudard die Medea: Sie ist ganz Grande Dame und ganz Leidende. Manchmal ist sie gefährlich leise. Manchmal verengen sich ihre Augen zu Schlitzen.
Am Ende brandet im Schauspielhaus begeisterter Applaus auf, der lange anhält. Was für ein schöner Spielzeitauftakt.

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