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Ton Steine Scherben spielen im Capitol

Rio-Reiser-Band Ton Steine Scherben spielen im Capitol

Fast wie das Original: Die Rio-Reiser-Band Ton Steine Scherben startet mit ein Konzert im Capitol den zweiten Teil ihrer „Ding Ding Dang Dang“-Tour. Es ist die erste mit der verbliebenen Originalbesetzung von 1985.

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Mit Deutungshoheit übers eigene Erbe: Ton Steine Scherbern im Capitol.

Quelle: (Alexander Körner)

Hannover. Ein Traum von einem Ort, der Mensch und Tier Frieden bringt. Ein Traum von einem Leben ohne Angst, Gefängnisse und Waffen. „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?“, singt Nico Rovera im Capitol. „Dieses Land ist es nicht!“ Das singt er, weil es Rio Reiser mit Ton Steine Scherben 1972 so aufgenommen hat.

Rovera ruft den letzten Satz dann noch einmal laut, so kurz vor dem Feiertag zur Deutschen Einheit. Man darf annehmen, dass für Rovera Deutschland im Jahr 2015 nach Rio Reisers Definition genauso wenig ein Paradies ist, wie es das 1972 war, als Ton Steine Scherben „Der Traum ist aus“ aufnahmen. Ton Steine Scherben starteten am Mittwochabend in Hannover den zweiten Teil ihrer „Ding Ding Dang Dang“-Tour, die sie im Vorjahr schon in den Pavillon geführt hatte. Die Tour ist die erste mit der verbliebenen Originalbesetzung von 1985, die erste mit R.P.S. Lanrue, der gerne kongenialer Partner Reisers genannt wird und zusammen mit Bassist Kai Sichtermann verbliebenes Gründungsmitglied. Die neunköpfige Band ist zudem mit einigen jungen Musiker aufgefrischt. „Ach Mensch, vielleicht wäre der Rio ja heute auch wieder dabei“, sagt ein älterer Zuschauer im Capitol.

Am Kern des Erbes wird aber nicht gekratzt

Nico Rovera und Lanrues Tochter Ella- Josie Ebsen teilen sich Reisers Gesangspart. Der berlinernde Rovera ist stimmlich nah am Original, Ebsen eher Rockröhre. Mit Lanrue an Bord haben die Scherben wieder die Deutungshoheit über die Songs, das machten sie vor der Tour deutlich, und sie haben einige Stücke moderner arrangiert. Am Kern des Erbes wird aber nicht gekratzt.

Es braucht dennoch ein wenig, bis Band und Zuschauer zueinanderfinden an diesem Abend im Capitol. Die ersten Stücke, „Keine Macht für Niemand“ und „Warum geht es mir so dreckig“, verpuffen fast ein wenig. Skepsis liegt im Raum, so wie immer, wenn etwas da sein soll, was nicht mehr da sein kann. Einige Bands und Sänger haben in den vergangenen Jahren versucht, das Erbe Reisers hochzuhalten. Am eindrucksvollsten hat das wohl Selig-Sänger Jan Plewka auf seinen vielen Reiser-Konzerten gemacht. Und auch ein Teil der Band war zwischendurch als Ton Steine Scherben Family auf Tour.

Rio Reiser fehlt

Die Scherben der Siebziger- und Achtzigerjahre waren ein Bandkollektiv mit vielen Wechseln und einigen bemerkenswerten Figuren, etwa Manager Nikel Pallat, der einmal in einer Talkshow eine Axt in den Tisch rammte. R.P.S. Lanrue und Rio Reiser schufen ein ganzes Kompendium deutscher Rockmusik, darunter zeitlose Liebeslieder und Hymnen der Polit- und Hausbesetzerszene. Manche Geschichten sind längst Geschichte, so wie die der Hausbesetzung in Kreuzberg („Rauch-Haus-Song“). Die Themen aber sind weiter aktuell. Die Liebe aus „Schlaf bei mir“ oder „Halt dich an deiner Liebe fest“, der Protest im Alltag „Mensch Meier“ (das einige Fans im Publikum lange gefordert hatten) oder das ganzheitliche „Keine Macht für Niemand“.

Es spielt eine Band, die ihr Vermächtnis vor sich herträgt, mit Recht, aber auch mit ein wenig Staub. Der Auftritt ist toll und auch merkwürdig. So wie Queen mit Gastsänger Paul Rodgers. Original und Cover vereint. Rio Reiser jedenfalls, der fehlt. Und hätte in Deutschland im Jahr 2015 einiges zu sagen - auch wenn er bis heute nicht König von Deutschland wär’.

Von Gerd Schild

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