Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Irgendwann begannen die, in die Beete zu pinkeln“
Nachrichten Kultur „Irgendwann begannen die, in die Beete zu pinkeln“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:25 14.05.2018
„Mit Karneval können wir was anfangen“: Campino beim Auftritt der Band Tote Hosen auf einem Wagen des Rosenmontagsumzugs in Düsseldorf – mit dem Orden des Comitee Düsseldorfer Carneval.  Quelle: dpa
Hannover

Tote-Hosen-Sänger Campino startet zu einer neuen Tournee unter dem Titel „Laune der Natour“ – und spricht im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung darüber, was er vom aktuellen Rummel um seine Person hält.


Campino, am 1. Juni spielst du mit den Hosen auf dem Expo-Plaza vor 26.000 Fans. In euren ersten Jahren habt ihr hier ein legendäres Konzert in einem Partykeller gespielt. Erinnerst du dich noch daran?

Meinst du das UJZ Kornstraße? Das war auf jeden Fall ein heftiger Laden. Wir haben dort öfter gespielt und sind auch mal auf einem Festival in einem verlassenen Freibad aufgetreten. 


Das ist das „Bad“. Ich meine allerdings das Konzert bei den Albrechts 1986. Barthold, der Sohn des damaligen niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, hat euch zu seinem 18. Geburtstag in Burgdorf-Beinhorn als Band eingeladen. Seine Schwester, die heutige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, war auch dabei.

Wir haben im Laufe unserer Karriere immer wieder solche Wohnzimmerkonzerte gegeben. Fans konnten anrufen und uns wie eine Pizza bestellen. Dass einer dieser Anrufe aus dem Hause Albrecht kam, stellte sich aber erst kurz vor dem Auftritt raus. Wir hatten dann erst einmal eine lange bandinterne Diskussion, ob wir das überhaupt machen sollten. Irgendwann meinte aber einer „Was kann denn der Junge für seinen Vater?“. Also sind wir da angetreten. 


Es heißt, die Blumenbeete der First Lady hätten unter dem Auftritt stark gelitten und der Landesvater war wenig amüsiert.

Die Party ging komisch los, weil niemand so richtig wusste, was zu erwarten war, wurde aber schnell immer wilder. Aus Hannover kam ein Haufen Punks. Irgendwann begannen die, in die Beete zu pinkeln und die Sicherheitsbeamten, die um das Haus herumstanden, waren etwas überfordert. Jemand bot uns dann 500 Mark, wenn wir wenigstens woanders übernachten - aber im selben Bett zu schlafen wie Genscher, das wollten wir uns nun wirklich nicht entgehen lassen.

Campino – hier vor dem Auftakt der Tournee „Laune der Natour“.  Quelle: dpa


Wie ging es weiter?  Gab es Zoff?

Morgens hat es dann geknallt und wir sind rausgeflogen. Uns war die Geschichte eher unangenehm. Wir wollten nicht, dass es groß aufgehängt wird. Von den Albrechts wurde aber eine Pressemeldung herausgegeben, dass wir da aufgetreten sind und alles nett gelaufen ist. Also haben wir dann erzählt, wie es wirklich war.


Mit den Abstürzenden Brieftauben, den Boskops oder Bärchen und die Milchbubbies hatte Hannover damals ja auch eine bedeutende Szene. Gab es da Verbindungen?

Die ganze deutsche Punkszene damals war sehr solidarisch. Wenn zum Beispiel eine hannoversche Band wie Hans-a-Plast in Düsseldorf gespielt hat, dann ist man da hingegangen. Andersherum war es genauso. Wir hatten in der Kornstraße sehr lustige Momente. Als die Polizei in Hannover dann die berüchtigte Punker-Kartei anlegte, die ja schlussendlich auch zu den Chaostagen führte, war das natürlich auch für uns ein Thema.


Chaostage-Mitgründer Karl Nagel hat bei einer Theaterpremiere über die Chaostage etwas Interessantes geschrieben. „Die Zeiten, in den wir als eine Meute hemmungsloser Totalgestörter herausfordernd blinkende rote Knöpfe drückten, sind vorbei. Die Punks der frühen Achtziger hätten heute überall Hausverbot.“

Da ist viel Wahres dran. Mit dem Zeitgeist verändern sich eben auch die moralischen Ansprüche der Gesellschaft. Diese Regeln in Sachen Correctness, Einstellungen wie Straight Edge, das vorbildlich Politische, die saubere, klare Kante, das hat sich erst im Laufe der Achtzigerjahre entwickelt. Auch wir waren an schlechten Abenden keine netten Gäste. Man kommt sich frei vor, ist weit weg von zu Hause, feiert, dreht durch, nimmt Drogen, säuft. In so einem Zustand kann das Niveau schon mal in den Keller rutschen. Die Frage ist, ob man aus solchen Erfahrungen irgendwann eine Erkenntnis zieht und sich weiterentwickelt. Ich fände es peinlich, wenn wir uns heute noch so benehmen würden wie damals.


Gibt es ganz konkrete Dinge, die im Rückblick bedenkenswert erscheinen?

Vielleicht das Plakat unserer ersten Tour. Darauf war prominent eine nackte Frau abgebildet verbunden mit dem Slogan in Großschrift „Roswitha kommt!“ In ganz kleinen Buchstaben hatten wir aber darunter geschrieben „ ... nicht, dafür aber die Toten Hosen“. Das fand nicht jeder lustig. In Süddeutschland haben die Grünen das Plakat überklebt, weil sie es sexistisch fanden. Sie konnten unseren vielleicht etwas bescheuerten Humor nicht nachvollziehen. Da gab es damals schon reichlich Momente, wo man heute sagen würde: Die haben die Pfanne heiß.


Und nun wurdest du für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein hatte die Idee. Die Begründung lautet, dass deine Rede zur Echoverleihung, in der du judenfeindliche Textzeilen der Rapper Kollegah und Farid Bang kritisiert hast, dem „Antisemitismus im Pop, in der Kunst, in der Gesellschaft neue Grenzen gesetzt“ habe

An dem Abend habe ich lediglich das in Worte gefasst, was meiner Meinung nach gesagt werden musste. Ich weiß nicht, ob man das als „herausragend“ bezeichnen sollte. Ich freue mich, dass sich im Nachhinein Leute positiv über meine Rede äußern, aber bislang ist in Sachen Verdienstkreuz niemand offiziell an mich herangetreten. Die Schlacht, die jetzt in den Medien stattfindet, Abstimmungen, ob ich das verdient habe oder nicht – all das finde ich befremdlich. Man muss wohl als Person des öffentlichen Lebens damit klarkommen, dass man mal der August der Woche ist.


Es wäre ja nicht der erste Orden, der euch 2018 verliehen wird. Das Comitee Düsseldorfer Carneval hat euch für euren Geheimauftritt beim Umzug mit einem Karnevalsorden ausgezeichnet.

Ja, damit sind wir überrascht worden, als wir am Abend vor dem Rosenmontagszug unseren Wagen vorgestellt haben. Mit Karneval können wir was anfangen. Das Bundesverdienstkreuz hingegen hatte ich mir eher irgendwann zur Rettung der Fortuna erwartet... (lacht) Aber ohne Flachs: Ich werte die Aussage Herrn Kleins als Versuch, Respekt auszudrücken, aber ich beteilige mich nicht an Spekulationen. 2014 haben wir die Josef-Neuberger-Medaille von der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf überreicht bekommen. Das hat uns viel bedeutet. Mit Ehrungen gehen wir aber generell vorsichtig um. 


Ihr seid gerade zurück von euren ersten Konzerten in China. Jetzt steht der zweite Teil der „Laune der Natour“ bevor. Wie verbringst du diese Tage dazwischen?

Heute verbringe ich Zeit mit meinem Sohn und ab morgen geht’s in den Proberaum. Wir haben auf der Wintertour über 100 Lieder gespielt und gemerkt, dass es den Leuten Spaß macht, wenn wir die Stücke abwechseln. Das hat uns motiviert, weiter in unserer Diskographie zu kramen. Jetzt proben wir Anfänge, Enden oder arrangieren alte Stücke neu. Außerdem bereite ich mich durch Fahrradfahren und Muay-Thai-Boxen auch körperlich ein bisschen vor.


Du bist jetzt 55 Jahre alt. Gibt es da auf Tour Komfortaspekte, die du nicht missen willst?

Ich weiß nicht, ob das was mit dem Alter zu tun hat, eher mit Erfahrung. Früher haben wir wie Fußballmannschaften immer in Doppelzimmern geschlafen. Mit den Jahren hab ich für mich entdeckt, dass Stille auch mal gut ist, oder ein heißes Bad. Wichtig ist zum Beispiel auch, dass die 120 Mann Crew gut bekocht wird. Wenn du denen jeden Tag Pizza servierst, bekommst du schnell Probleme. Wir haben inzwischen sehr gute Köche mit auf Tour dabei.

Für das Konzert in Braunschweig am Sonntag, 20. Mai in der VW-Halle gibt es noch Karten unter tickets.haz.de und Telefon (0511)  1212 3333. Die Show auf dem Expo-Plaza in Hannover ist bereits ausverkauft. 

Von Mario Moers

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Dan Chaons neuem Thriller spielt das Erinnerungsvermögen der Menschen eine wichtige Rolle. „Der Wille zum Bösen“ (Veröffentlichungstermin: 14. Mai) erzählt von einem Mann, dessen Leben von zwei Mordgeschichten ruiniert wird. Eine ziemlich furchterregende Lektüre.

11.05.2018
Kultur Filmfestspiele in Cannes - Wie der Mensch tickt

Der Wettbewerb nimmt Fahrt auf: Zu Beginn überzeugen Filme von Asghar Farhadi und Kirill Serebrennikov in Cannes.

10.05.2018

Per Kirkeby gilt als bedeutendster Vertreter der dänischen Gegenwartskunst. Lange war Deutschland das Zentrum seiner Kreativität. Am Mittwoch ist der ehrgeizige Multi-Künstler mit 79 Jahren gestorben.

10.05.2018