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Die Klugheit der Kippfigur

Toulou Hassani im Sprengel-Museum Die Klugheit der Kippfigur

„Minus Something“: Das Sprengel-Museum würdigt die Malerei von Sprengel-Preisträgerin Toulou Hassani. Am Freitag wird die Ausstellung der persischen Künstlerin eröffnet. Hier ist nichts wie es scheint.

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Sprengel-Preisträgerin Toulou Hassani.

Quelle: Florian Petrow

Hannover. Auf den ersten Blick glaubt man da eine Leinwand zu sehen. Monochrom rot ist sie eingefärbt, merkwürdig auf einen seltsam verbauten Keilrahmen gespannt, bis hin zu den feinen Oberflächenhärchen scheinen die textilen Strukturen erkennbar. Erst aus der Nähe offenbart sich, dass dies ein Relief aus rotem Epoxidharz ist.

Die Ausstellung

„Toulou Hassani: Minus Something“. Bis 5. Februar 2017. Preisverleihung und Eröffnung am Freitag, 25. November um 18.30 Uhr im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz.

Alles ist Täuschung, nichts ist, wie es scheint. Das gilt ganz allgemein für Kunst, die ja stets ein Spiel mit Vorspiegelungen ist. Das gilt aber in besonderem Maße für die Arbeiten von Toulou Hassani, die wie nur wenige Künstlerinnen die malerischen Mittel reflektiert, die für solche Vorspiegelungen zur Verfügung stehen - in diesem Fall mit dem Keilrahmen, der Leinwand und der Farbe als Minimalausstattung.

„Statt auf große malerische Gesten konzentriert sich diese Künstlerin auf geradezu grafisch genaue Ausdrucksformen“, sagt Carina Plath, die stellvertretende Direktorin des Sprengel-Museums. „Sie zielt dabei auf die Eingrenzung der umfangreichen und komplexen Aufgabe, ein Bild zu machen.“ Plath ist auch Vorsitzende der Jury, die Toulou Hassani den von Niedersachsens Sparkassenstiftung verliehenen Sprengel-Preis zugesprochen hat. Außer dem Preisgeld von 12 500 Euro ist damit eine Kunstschau verknüpft, die heute bei der Preisverleihung im Sprengel-Museum eröffnet wird.

Quer zur malerischen Tradition

„Minus Something“ heißt die kleine Kabinettsausstellung in einem Raum der oberen Sammlung. Darin sind zwar nur zwölf Arbeiten von Hassani zu sehen, doch die lassen schon deutlich werden, dass diese Künstlerin zwar das traditionelle Handwerk der Malerei souverän beherrscht, sich aber ebenso souverän quer zur malerischen Tradition stellt.

Traditionell hat die Kunst stets versucht, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu verbergen, um deren Wirkung umso größer geraten zu lassen - damit der gemalte Apfel echt scheint, das Architekturgemälde räumliche Tiefe, das Porträt abbildliche Qualitäten gewinnt. Hassani legt statt dessen Rechenschaft über das eigene Handwerkszeug ab, und das genauso minutiös. Dabei erstaunt die textile Anmutung ihrer Kunstharzreliefs noch am wenigsten: Die haptischen Qualitäten einer gespannten Leinwand entstehen einfach deshalb, weil es sich hier um den Abdruck einer realen Holz- und Leinwandkonstruktion handelt, die Hassani außer für ein rotes auch für ein schwarzes Relief verwendet hat.

Textile Eindrücke als bloße Abdrucke? Nicht nur: Von fern scheinen auch andere Werke Hassanis an textile Strukturen irgendwo zwischen Nessel, Leinen oder Jute zu erinnern. Doch beim Nähertreten ist dann ein architektonisch anmutendes Zickzack zu entdecken, minimalistisch kolorierte Streifen zwischen minutiös gezogenen Linien, ein großes grafisches Muster, das sich als geometrische Fläche ebenso wie als feingestufte Architektur wahrnehmen lässt, als Trabantenstadtlandschaft aus lauter Treppen.

Wie hier mit der ersten Anmutung einer textilen Oberfläche spielt Hassani in einer anderen Arbeit mit dem Eindruck eines mangelhaften Plotterausdrucks - und erst aus der Nähe stellt man fest, dass all die Schräg- und Rückstrichzeichen zwischen den schrillen Farbverläufen sorgsam von Hand gemalt sind. Man merkt: Diese Künstlerin arbeitet durch und durch analog. Das gilt selbst für eine wandgroße Collage aus Kopiererfehlbelichtungen, die Hassani nicht einfach als Kunstprodukte des Zufalls, sondern sorgsam umformatiert präsentiert.

Hassani lehnt Ethnisierung ihrer Kunst ab

Oft schon - und auch jetzt bei der Präsentation der Ausstellung wieder - wurde auf Toulou Hassanis iranische Wurzeln und deren mögliche Einflüsse verwiesen. Toulou Hassani, eine persische Künstlerin, die letztlich aufgrund des lange Zeit geltenden Bilderverbots und der umso reicheren Ornamentik im Islam nichtgegenständlich arbeitet? Fragen danach lassen die Künstlerin lächeln. „Ich habe mich natürlich mit der Kultur meiner Eltern auseinandergesetzt, habe auch die kalligrafisch ziemlich anspruchsvolle persische Schrift gelernt“, sagt die 32-jährige, die an der HBK Braunschweig studiert hat und in Niedersachsen vor dem Sprengel-Preis schon das Villa-Minimo- und das New-York-Stipendium erhalten hat. Doch von einer Ethnisierung ihrer Kunst hält sie nichts. „Ich bin zwar im Iran geboren, aber seit meinem ersten Lebensjahr lebe ich in Deutschland.“

Mit orientalischer Ornamentik haben die Arbeiten dieser Künstlerin denn auch höchstens am Rande zu tun. Im Zentrum steht die Frage nach den Mitteln der Malerei, und da fallen Antworten von Toulou Hassani eher skeptisch aus. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild, das Medium ist die Message. Das wird hier besonders vielfältig und mit großer handwerklicher Raffinesse vorgeführt. Aber eigentlich wussten wir das schon.

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