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Kultur „Trautmann“ – Fußball, Fußball über alles
Nachrichten Kultur „Trautmann“ – Fußball, Fußball über alles
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06:00 11.03.2019
Sie nannten ihn Bert: Bernd Trautmann (David Kross) hält sein Tor sauber. Quelle: Foto: Square One
Hannover

Zumindest für einen sekundenkurzen Augenblick sickert das reale Grauen in diesen Spielfilm ein: Die deutschen Kriegsgefangenen in England werden verdonnert, sich Aufnahmen von ausgemergelten Leichen anzuschauen. Aufgenommen sind die dokumentarischen Bilder in einem Konzentrationslager, wohl in Bergen-Belsen. Sie sollen den Soldaten die Augen öffnen über die Verbrechen, die Deutsche im Zweiten Weltkrieg begangen haben – falls die Gefangenen nicht sowieso daran beteiligt waren.

Der echte Trautmann war drei Jahre lang Soldat an der Ostfront

Schweigend blicken die Männer in Marcus H. RosenmüllersTrautmann“ auf die ruckeligen Szenen – und wir Kinozuschauer blicken ihnen gewissermaßen über die Schultern. Dann wendet sich der Kamerablick schnell wieder ab von der provisorisch in einem Kriegsgefangenenlager nahe Manchester aufgebauten Leinwand. Soweit zur Wirklichkeit.

Das Einzige, was wir darüber hinaus in „Trautmann“ von den Verbrechen der Deutschen zu sehen bekommen, ist diese Spielszene: Ein Wehrmachtssoldat irgendwo an der Ostfront will einen ukrainischen Jungen hinterrücks erschießen, um ihm einen Fußball abzunehmen. In Rückblenden erinnert sich Bernd Trautmann (David Kross), der später gefeierte Torhüter und momentane Kriegsgefangene bei Manchester, wieder und wieder an dieses traumatische Erlebnis. Er stand ein paar Meter daneben.

Kann man hier von etwas anderem als von einer Verniedlichung der Historie sprechen? Der echte Trautmann war drei Jahre lang Soldat an der deutschen Ostfront. Der Auftrag seiner Einheit lautete, die Versorgungswege der sowjetischen Armee zu unterbrechen. Er dürfte nur wenig mit fußballspielenden Kindern zu tun gehabt haben.

Rosenmüllers Loblied auf die völkerverbindende Kraft des Sports

Man muss es wohl Feigheit vor der Vergangenheit nennen, wie Rosenmüller hier die deutschen Verbrechen verharmlost. Der Regisseur will uns Kinozuschauern partout nicht die gute Laune verderben in seinem Film über einen deutschen Helden in England. Hier geht es schließlich um Versöhnung.

Fortan singt Regisseur Rosenmüller, bekannt für moderne bayerische Heimatfilme („Wer früher stirbt ist länger tot“), ein Loblied auf die völkerverbindende Kraft des Sports. Da ist in Trautmanns Fall ja auch viel dran – auch wenn der Regisseur so viel Patina über sein Werk ausbreitet, als hätte er Rosamunde Pilcher als Koautorin gehabt. Bernd Trautmann, Träger des „Eisernen Kreuzes Erster Klasse“, steigt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Tor von Manchester City zum Fußballstar auf. Ein Todfeind als Torwartheld.

Eben noch muss der renitente Trautmann (David Kross) die Latrinen im britischen Gefangenenlager schrubben, da wird er auch schon von dem lokalen Fußballtrainer Jack Friar (John Henshaw) als Riesentalent entdeckt. Allen Widerständen in der Mannschaft und auch in der eigenen Familie zum Trotz stellt Jack den jungen Deutschen zwischen die Pfosten. Es gibt schließlich nichts Wichtigeres als den Kampf seiner Dorftruppe gegen den drohenden Abstieg. Fußball, Fußball über alles.

Herrlich amateurhaft sieht der Fußballsport aus

Rosenmüller lässt nicht den Hauch eines Zweifels zu: Dieser Trautmann ist ein guter Deutscher. Er hatte nur das Pech, in die falsche Zeit geboren worden zu sein und sich als 17-Jähriger freiwillig zur Luftwaffe gemeldet zu haben. Das sieht schließlich sogar des Trainers eben noch so abweisende Tochter Margaret (Freya Mavor) so: Sie ergibt sich dem jungenhaften Charme Trautmanns, der nur im Moment des Fußballspiels alles andere vergessen kann.

Bis zum Überdruss sehen wir Trautmann auf verschlammten Plätzen nach dem Ball hechten. Todesmutig wirft er sich anrennenden Stürmern in den Weg (was tatsächlich seine Spezialität war). Herrlich amateurhaft sieht der Sport aus (aber auch das war vermutlich so).

Dann schaut der Trainer von Manchester City auf dem Dorfplatz vorbei und lädt den Keeper zum Probespiel ein. Bernd Trautmann steigt zum Nationalhelden auf, geehrt von der Queen für die englisch-deutsche Verständigung durch Fußball und gefeiert von den Manchester-Fans als bester Spieler aller Zeiten. Der sportliche Höhepunkt: Trautmann führt sein Team 1956 mit gebrochenem Genick zum Pokalsieg. Wie ein Stehaufmännchen zwingt sich der schwer Angeschlagene immer wieder zu rettenden Paraden.

„Er bemüht sich, die Vergangenheit zu bewältigen.“

Regisseur Rosenmüller kehrt die Konflikte um den umstrittenen Deutschen nicht unter den Fußballrasen: Anfangs protestierten Tausende gegen den Torwart aus Deutschland („Traut the Kraut“). Doch dann beginnt hier der schier unaufhaltsame Aufstieg des Torwarts, und alles wird gut.

Was zählt, ist auf dem Platz. Und für alle, die es immer noch nicht begriffen haben, ruft Trautmanns Ehefrau bei einer Vereinsversammlung aus: „Er bemüht sich, die Vergangenheit zu bewältigen.“ Falls Bernd Trautmann das doch nicht ganz gelungen sein sollte: Rosenmüller holt es jetzt im Kino nach.

Von Stefan Stosch / RND

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