Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Das ist (k)ein gutes Bild!

Expertentreffen in Hannover Das ist (k)ein gutes Bild!

„Was ist ein gutes Bild?“ Dieser Fragen haben sich Experten in Hannover gestellt. Bei dem Treffen, das die  Hochschule Hannover und die Deutsche Gesellschaft für Photographie organisiert haben, schlugen sie überraschend Brücken zwischen Profis und Amateuren.

Voriger Artikel
Der Klassiker bleibt brandaktuell
Nächster Artikel
Eine Träne schadet nicht

Gute Story, gutes Foto? Christian Wakolbinger nutzt bei seiner preisgekrönten Aufnahme nicht nur die spektakuläre Landschaft. Das Abendlicht lässt die bretonischen Felsen warm erstrahlen, lange Belichtung macht die Brandungsgischt zum Schleier über den Wellen, und die Gruppe von Nonnen entrückt die Szene ins Transzendente.

Quelle: Christian Wakolbinger

Hannover. Scharfe Linien, klare Kontraste und das Motiv in der Mitte – so sehen Fotos aus, die Millionen Menschen mit Stolz präsentieren. Doch sind das schon die Zutaten für ein „gutes“ Bild? Die kurze Antwort könnte „schon möglich“ lauten – aber nur wenn mit den Bildern eine gute Geschichte verknüpft ist. Ausführlichere Antworten hat es jetzt an der Expo Plaza gegeben. Da haben sich Experten genau dieser Frage gestellt – und im „Planet MID“ scheinen zwar nicht Galaxien, aber doch Welten aufeinanderzutreffen: Auf der einen Seite sind da Forscher, die Fotografie als teils durchaus avantgardistische Kunstform betrachten. Und auf der anderen Seite Foto-Dienstleister, mit deren Hilfe Millionen Menschen Fotoalben, Festplatten und nicht zuletzt das Internet mit den mehr oder minder guten Ergebnissen ihrer fotografischen Streifzüge füllen können.

Aber was heißt schon gut? Diese Frage steht im Zentrum des Treffens, das die  Hochschule Hannover und die Deutsche Gesellschaft für Photographie organisiert haben. Dabei erschüttert Karen Fromm, Professorin für Fotojournalismus und Dokumentarfotografie, mit einem Ausflug in die Geschichte des  Fotodokumentarismus erst einmal konventionelle Qualitätskriterien.  „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“, lautet ein Satz von Frank Capa, dem legendären Gründer der Fotoagentur Magnum. Dass er ihn selbst beherzigt hat, dokumentiert sein berühmtes Foto  von 1936 aus dem Spanischen Bürgerkrieg: „Tod eines loyalen Milizionärs“ zeigt einen getroffenen Kämpfer im Sturz, seine Füße und das ihm entgleitende Gewehr sind angeschnitten – Capa war ganz gewiss nah dran. Aber bietet sein Bild Schärfe, Kontrast, zentralen Aufbau? Nichts davon. Trotzdem ist das Foto ein Klassiker, es macht Komplexes verständlich, konzentriert die Bildaussage aufs Wesentliche.  Und geringe Schärfe und grobe Körnung schaffen eine Aura des Authentischen.

„Gerade Unschärfe macht den Reiz solcher Bilder aus“, sagt Karen Fromm. Diese „Unschärferelation“ schlage sich in gegenwärtigen Dokumentarbildern teils noch stärker nieder: Die Fotos der „eingebetteten“ Journalisten aus dem Irak-Krieg von 2003 bieten statt realitätsgetreuer Abbildung nur vage Schemen. „Suppige Farben, unscharfe Konturen, visuelle Auflösung: Das weckt gerade wegen der damals zunächst nur zu ahnenden Ereignisse ein Gefühl der Echtheit“, sagt Fromm. „Statt Realität wird Realness geboten.“ Gerade, scharf, zentral – das schafft eben nicht unbedingt das, was die Professorin den „Mythos vom guten Bild“ nennt.

Spontan als gutes Bild einstufen würden viele eher Christian Wakolbingers Aufnahme des Leuchtturms von Ploumanac.  Immerhin hat es das Bild unter  44 000 Bewerbern zum Sieger des Fotopreises von Cewe  geschafft. Dieser Foto-Dienstleister hat jenseits solcher Wettbewerbe ganz eigene und doch nicht eigenwillige Qualitätskriterien: Er bietet eine automatische Auswahl der Fotos an, die er für seine Kunden in Alben zusammenfügt. Knapp ein Drittel der europaweit sechs Millionen Kunden nutzt diese Automatik. Die selektiert Fotos anhand von Datum und anderen messbaren Eigenschaften. Sie schließt aber aus der Häufigkeit von Motiven auch darauf, wie wichtig dem Kunden das fotografierte Objekt ist.

Von einem „Geist in der Maschine“ sei man noch weit entfernt, räumt der Informatiker Philipp Sandhaus ein, der an der Uni Oldenburg und bei Cewe an Selektionsalgorithmen arbeitet. Zu schaffen macht ihm das „Semantic Gap“, also die Bedeutungskluft zwischen objektiven Eigenschaften eines Bildes und dessen subjektiver Wertschätzung. Denn die kann auch ein technisch missratener Schnappschuss genießen –  etwa weil er das einzige Bild eines geliebten Menschen ist. Solche Vorlieben kennt ein Auswahlalgorithmus ebenso wenig wie künstlerische oder journalistische Kriterien. Ohne Vorwissen über das Spanien von 1936 oder den Irak von 2003 erschiene mancher Klassiker der Fotografie dem Betrachter nur als technisch unzulängliches Bild. „Die Antwort auf die Frage nach dem guten Bild ist abhängig vom Kontext“, sagt Karen Fromm. „Man muss eine Geschichte zu erzählen haben“, lautet ein Satz des Fotografie-Lehrmeisters Bernd Becher, den sein Schüler Elger Esser im „Planet MID“ zitiert.

Wahre Fotokunst oder nur ein Schnappschuss – das Urteil über ein Bild hängt davon ab, wie gut und wie bekannt die Geschichte dazu ist. Kein Wunder übrigens, wenn Millionen privater Fotos Cewes virtuellen Assistenten ratlos lassen: Die Geschichten, die diese Fotos für ihre Eigentümer zu guten Bildern machen, liefern die Einsender nicht mit.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Pur auf der Gilde Parkbühne

Pur auf der Gilde Parkbühne.