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Triennale der Photographie öffnet die Tore

Zehntägiges Fotofestival Triennale der Photographie öffnet die Tore

Am Freitag hat die Triennale der Photographie in Hamburg eröffnet. Das Festival dauert zehn Tage bis zum 28. Juni. Unmassen an Bildern gibt es dort zu sehen und über allem steht die Frage nach der Relevanz einzelner Fotos in Zeiten der Bilderflut.

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Bilderberge zeigt die Arbeit „24 HRS in Photos“ von Erik Kessels.

Quelle: Christian Charisius

Hamburg. Manchmal kann das Leben so einfach sein. „Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest“ heißt es am Eingang der Halle 3 im Hamburger Oberhafenquartier.

Hier, in der rauen Gegend zwischen altem Hauptbahnhof und neuer Hafencity, lädt die Ausstellung „Snapshot“ ein, sich selbst zu fotografieren. Man kann ein Selfie machen, das dann - „wir machen den Rest“ - den üblichen Weg nimmt: Ab damit in die (digitale) Welt!

Die Menschen fotografieren mehr als je zuvor, und die am Freitag eröffnete Triennale der Photographie in Hamburg umkreist die Frage, was das mit dem Menschen und dem Medium macht. Bis zum 28. Juni läuft das nach Ansicht von Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler „wohl wichtigste deutsche Fotofestival“. Mit rund einer Million Euro an öffentlichen Mitteln unterstützt die Hansestadt das Fest. An 59 Orten - darunter acht Museen - befragt die Triennale unter dem Titel „The Day will Come“ in Ausstellungen, Diskussionen und Workshops Gegenwart und Zukunft des Mediums. Das Festival dauert zehn Tage, doch nahezu alle Ausstellungen laufen bis zum Herbst.

Die Zahl der Ausstellungsorte kann man genau benennen, die Zahl der gezeigten Bilder jedoch nicht. Zwar hat die Triennale durchaus klassische Ausstellungen im Programm - etwa historische Aufnahmen aus Norddeutschland im Altonaer Museum. Doch die Masse an Fotos, die auf dem Festival über Bildschirme laufen und die Besucher auf iPads und Computer herunterladen können oder die zu Videos kompiliert sind, ist nicht bezifferbar. Einen sinnlichen Eindruck von der Masse der Bilder hat der Künstler Erik Kessels geschaffen. Der Niederländer hat alle Fotos ausgedruckt, die innerhalb von 24 Stunden auf dem Bildsharing-Dienst Flickr hochgeladen wurden. Jetzt sind in der Oberhafen-Halle 3 zwei ziemlich hohe Bilderberge zu sehen. Beeindruckend wirkt das, aber auch erschreckend: Man fragt sich, welchen Stellenwert angesichts dieser Menge eigentlich die eigenen Fotos haben. Ganz abgesehen davon, dass viele Fotos das Immergleiche zeigen: Katze und Baby, Mittagessen und Urlaub.

Bei dieser Triennale, so der künstlerische Leiter Krzysztof Candrowicz, gehe es vor allem um das Teilen von Bildern. Explizit widmet sich das Museum für Kunst und Gewerbe unter dem Titel „When we share more than ever“ diesem Aspekt. Die Kuratorinnen Esther Ruelfs und Teresa Gruber stellen historischen Aufnahmen aktuelle Bilder gegenüber. Fotografie hatte schon immer die Aufgabe „ein Leben aufzuzeichnen, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und Erinnerungen zu teilen“, so die Kuratorinnen. Und tatsächlich wundert sich der Besucher in dieser großartigen und nachdenklich machenden Schau mehr über die Konstanten als über die Veränderungen. Ausgestellt sind zum Beispiel historische Aufnahmen von Turnvereinen. Eine Gruppenchoreografie der modernen Art stammt von Natalie Bookchin: Die New Yorkerin hat Youtube-Clips von Menschen, die zu Hause vor der Webcam tanzen, zu einem Gruppentanz zusammengestellt. Egal, ob früher oder heute: Man sieht Sportler, die sich stolz präsentieren.

„Eine Gruppe teilen“ heißt dieser Ausstellungsteil, ein anderer „Die Welt teilen“. Da gibt es Fotos aus dem Japan des späten 19. Jahrhunderts - und Bilder aus Jens Sundheims Serie „100100 Views of Mount Fuji“. Der Dortmunder, Jahrgang 1970, hat dafür Aufnahmen der Webcam, die alle paar Minuten ein neues Bild des Berges aufnimmt, fotografiert. Das Ergebnis ist verblüffend: Der immergleiche Fuji sieht, je nach Tages- und Jahreszeit, unterschiedlich aus - manchmal bedrohlich, manchmal nahezu unwirklich.

Man muss aufpassen, sich bei der Triennale angesichts der Menge an Ausstellungen nicht zu überfordern und sollte sich genau überlegen, welche Museen oder Galerien man besuchen möchte. Phillip Toledanos Arbeiten in den Deichtorhallen sollten dazugehören. Es ist die erste große Toledano-Ausstellung in Europa, und hier ist ein berührendes Werk zu sehen. In einer frühen Serie zeigt der Fotograf, geboren 1968 in London, aber schon lange in New York ansässig, Bilder seines Vaters. Toledano hat den greisen, dementen Mann bis zu dessen Tod mehrere Jahre gepflegt. Ausgehend von dieser Erfahrung ist eine Serie entstanden, in der der Fotograf seine Zukunft als alter Mann inszeniert. Da ist Toledano, aufwendig geschminkt und fotografiert von einem Assistenten, als übergewichtiger, grauhaariger Alter zu sehen, als siecher Rollstuhlfahrer im Museum oder auch als abgerissener Kerl. Diese Serie „Maybe“, Vielleicht, ist ein grandioses Spiel mit Möglichkeiten.

Die Toledano-Schau besticht nicht durch die Quantität der Fotos, sondern durch deren Qualität, durch das Konzept, durch die Innigkeit, Gefühle und Gedanken, die die Serien transportieren. Angesichts solcher Fotos muss man sich um die Zukunft des Mediums, das sich permanent verändert, keine großen Sorgen machen. Zumal einiges auch bleibt: Als Triennale-Sprecherin Kathrin Luz die Kuratoren und Künstler zum gemeinsamen Foto bittet, sagt sie den altbekannten Satz: „Und jetzt alle mal lächeln!“

Zahlreiche Ausstellungen sind auch nach dem Ende des Festivals am 28. Juni zu sehen. Infos unter www.phototriennale.de.

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