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Kultur Turbostaat im Café Glocksee
Nachrichten Kultur Turbostaat im Café Glocksee
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00:19 19.04.2018
Turbostaat im Café Glocksee Quelle: Gadegast
Hannover

 Marten Ebsen hat sich ein gemütliches Eckchen Heimat auf der Bühne des Café Glocksee eingerichtet. Als Gitarrist, Songschreiber und Texter der Flensburger Band Turbostaat baut er komplexe musikalische und narrative Welten, deren Niveau weit über dem liegt, was unter dem abgegriffenen Label „Deutschpunk“ zu erwarten wäre. Warum sollte er also beim Konzert nicht auf einem kleinen Teppich stehen, seine Gitarrenpedale vor sich in einem antiken Köfferchen, die Verstärker hinter sich in roh gezimmerten, mit Plastikblumen geschmückten Holzkisten?

Turbostaat

 Über das letzte Album „Abalonia“, das die Band vor zwei Jahren im Café Glocksee vorstellte, sagte Ebsen einmal, man sei bei der Entwicklung der Songs sehr gelassen gewesen, habe es sich gut gehen lassen. Im nächsten Jahr feiert die wohl innovativste deutsche Punkband ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Längst saugt ihre Musik immer mehr Einflüsse aus Independent Rock und Post-Punk. Und auch den Fans scheint es egal zu sein, ob das noch Punk ist. Turbostaat besteht aus klugen, leidenschaftlichen Querdenkern, Geschichtenerzählern und Alltagshinterfragern.

 Die sind längst Familienväter, aber in ihrer Musik steckt noch jenes unzufriedene Lauern auf mehr. Da ist es auch egal, ob Sänger Jan Windmeier unter seiner Lederjacke ein grob kariertes, bis oben zugeknöpftes Hemd trägt oder nicht. Es geht um Verlorensein und Durchhalten. Die Musik scheint dabei merkwürdig aufgebrochen, ein Stapel aus Klangteppichen, der Stimmungen stabil trägt. Turbostaat könnte spielend auch größere Räume füllen als das Café Glocksee. Entsprechend schnell waren die 300 Tickets ausverkauft. Wer jetzt hier ist, gehört zu den treusten Fans.

 „Jetzt wissen wir auch wieder, warum wir hier spielen wollten“, sagt Ebsen hochzufrieden nach den ersten Stücken. Die Stimmung im Publikum ist euphorisch und familiär zugleich. Eigentlich bastelt die Band gerade an Songs für ein neues Album, sechs oder sieben sind schon fertig. Aber an diesem Abend schaut sie noch einmal zurück. Im Mai wird sie drei Abende lang in Leipzig ein Live-Album aufnehmen, das im kommenden Jahr zum Jubiläum erscheinen soll. Ihre sorgsam ausgewählten Clubtermine zuvor spielt sie, um wieder in Live-Stimmung zu kommen.

 Das gelingt ihr bereits mit den ersten Zeilen des Abends. In „Ruperts Grün“ singt Windmeier: „Im Rennen streckte sie die Hände aus. Er nahm eine und ließ sie nicht mehr los.“ Mit wenigen Worten beschwört er fast filmische Bilder herauf, von Sehnsucht und melancholischem Optimismus, von einer Sekundengemeinschaft, die sich unmittelbar auf sein Publikum überträgt. Turbostaat spielt keinen No-Future-Punk für Gesellschaftsverweigerer. Es geht vielmehr um leises Zweifeln und Verzweifeln, um Idealismus und das ungläubige Klammern an Lebensentwürfe.

 Dass die Bandmitglieder ursprünglich aus Husum kommen, merkt man. Küste und Meer bleiben spürbar, ein Gefühl für Weite und Horizont. Auch Ebsens kraftvolle, wortkarge Prosa erinnert an den Norden. Er bricht sie in atemlose Halbsätze auf. Windmeier übersetzt das in lauernden, eindringlich artikulierten Gesang, ein offenes Ende nach jedem Wort andeutend.

Am Ende des Abends singt er in „Insel“ über die Heimat: „Ein Tag vergeht, verzichtet auf die Sonne. Ihr Lachen schön, wie am ersten Tag. Hier war also einmal dein Zuhause?“ Bei den letzten Worten des Textes stimmen die Fans wie mit einer Stimme ein: „Husum, verdammt!“

 Am Freitag, 20. März, spielen im Café Glocksee bei der Komplex-7-Jubiläumsfeier ab 20 Uhr Surma, Frère und Staring Girl.

Von Thomas Kaestle

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