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Freunde fürs Leben

Chaplin und Churchill Freunde fürs Leben

Sie sehnten sich beide nach dem Tod: Über die Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill hat Michael Köhlmeier "Zwei Herren am Strand" geschrieben. Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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Charlie Chaplin auf einem Bild mit Winston Churchill und anderen Gästen einer Hausparty.

Quelle: imago stock&people

Hannover. Diese Methode lässt sich vielleicht nicht immer anwenden, doch manchmal ist sie genau richtig. Zum Beispiel, als Winston Churchill seiner kleinen Tochter Mary eine jahrhundertealte, verwickelte Geschichte erzählt und anschließend aufschreibt. Das Kind habe ihn gezwungen, sich verständlich auszudrücken, das Narrative zu betonen und sich mit den Reflexionen zurückzuhalten, erklärte er später, nachdem er 1953 den Literaturnobelpreis bekommen hatte - „für seine Meisterschaft in der historischen und biografischen Darstellung“. So ist aus der Biografie über John Churchill, den ersten Duke of Marlborough, und seinen Kampf gegen Ludwig XIV. eher ein Roman als ein historisches Sachbuch geworden. Churchill hat den ein oder anderen Akzent verschoben, manches Detail mehr ausgeschmückt als ein anderes.

Auch Michael Köhlmeier erzählt nicht nur verbürgte Fakten in seinem Roman „Zwei Herren am Strand“, der heute erscheint. Die zwei Herren - das sind der britische Premierminister Churchill und Charlie Chaplin. Unendlich viel wurde über die beiden gesagt und geschrieben: einer der bedeutendsten Staatsmänner und Strategen des 20. Jahrhunderts und der weltberühmte Schauspieler.

Das Buch jedoch liest sich, als kümmere Köhlmeier das Übermaß an Informationen nicht. Ganz unaufgeregt setzt seine Geschichte ein: Ende der zwanziger Jahre lernen sich Churchill und Chaplin am Rande einer Party in Hollywood kennen. Am Strand treffen die zwei aufeinander, und es ist so etwas wie Zuneigung und Erkennen auf den ersten Blick: Jeder von ihnen spürt sofort, dass der andere ein verhinderter Selbstmörder ist, jemand, der unter Depressionen leidet und von Kindheit an darüber nachdenkt, wie er seinem Leben ein Ende setzen könnte. „Der schwarze Hund“ nennen sie einen Depressionsschub, und dieser „Hund“ ist fortan der Dritte im Bunde. Wenn Churchill und Chaplin sich treffen oder schreiben, geht es fast immer darum, wie sie dem „Hund“ entgehen können.

Das meiste, was Köhlmeier erzählt, ist tatsächlich geschehen. Zu Beginn des Romans fragt man sich manchmal noch, was wohl der historischen Wahrheit entspricht, und stöbert möglicherweise sogar in Lexika. Bald aber ist einem diese gewisse Unschärfe, ob das Erzählte nun vor Historikern Bestand hätte oder nicht, egal. Der österreichische Romancier schreibt schnörkellos und mit so viel Sympathie für seine Protagonisten, dass man den Figuren gern und gespannt folgt. Köhlmeier spart die bekannten großen Ereignisse - Filme Chaplins, politische Entscheidungen Churchills - nicht aus, und er bleibt zugleich, was das Privatleben der Männer angeht, ziemlich dezent - und doch hat der Leser das Gefühl, die beiden von einer neuen Seite kennenzulernen, sie zu entdecken.

Schon in früheren Romanen Köhlmeiers konnte sich der Leser nicht immer sicher sein, ob die Verstrickungen der Hauptfiguren in die Weltgeschichte den Tatsachen entsprechen können, wie etwa in „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, dessen Protagonist in die Wirrnisse und Absurditäten des Kalten Krieges verstrickt ist.

„Joel Spazierer“ ist im vergangenen Jahr erschienen. Zuvor hat der mittlerweile 64-jährige Köhlmeier bereits an die 30 Bücher geschrieben: Erzählungen, Romane, Kinderbücher - und er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. „Zwei Männer am Strand“ ist nominiert für den Deutschen Buchpreis; mit dem Roman ist der Autor zum Wettbewerb LiteraTour Nord eingeladen und wird im Januar 2015 in Hannover lesen.

Die Nominierung und die Einladung zur LiteraTour Nord sind verdient: Köhlmeier schildert weit mehr als die Krankheitsgeschichten zweier Berühmtheiten - er erzählt vielmehr von zentralen (kulturellen und politischen) Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Zudem reflektiert das Buch auf spielerische Art und Weise die Macht eines Erzählers, die Möglichkeiten von Literatur. Der Icherzähler des Romans - ein ehemaliger Lehrer, der als Clown auftritt - hat viele Erlebnisse zwischen Chaplin und Churchill von seinem Vater erfahren, der wiederum eine Brieffreundschaft mit dem Privatsekretär Churchills pflegte. Der Sekretär und sein Chef haben, ähnlich wie Chaplin, zu Lebzeiten reichlich Finten gelegt, um Widersacher zu täuschen.

An einer Stelle zitiert Köhlmeier den britischen Politiker und Autor: „Die Weltgeschichte, ..., sie ist nur die Kulisse ... Man kann nur Geschichten von einzelnen Menschen erzählen, Geschichte als solche lässt sich nicht erzählen.“ Ist das jetzt tatsächlich ein Churchill-Zitat? Egal, Köhlmeiers Geschichte wirkt an jeder Stelle echt. Und manchmal ist eine gute Lüge sowieso glaubwürdiger als die Wahrheit.

Michael Köhlmeier: „Zwei Herren am Strand“. Hanser. 254 Seiten, 17,90 Euro.

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