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Hannovers Problemviertel auf der Theaterbühne

Rechercheprojekt im Ballhof Hannovers Problemviertel auf der Theaterbühne

Vor dem Aufprall nach dem Sprung vom Hochhaus spricht der Lebensmüde unentwegt einen Satz: „Bis hierher lief’s noch ganz gut“. Diese schwarzhumorige Szene stammt aus „Hass“, einem Film, der in der Tristesse der Trabantenstädte rund um Paris spielt. Und der Satz liefert jetzt einem Rechercheprojekt im Ballhof den Titel.

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Aus den „Müllzonen der Vorstädte“:  Anke Stedingk, Jonas Steglich und Maximilian Grünewald (von links) im Ballhof.

Quelle: Ribbe

Hannover. Dabei geht es nicht um die Banlieue der französischen Hauptstadt, sondern um Problemviertel von Hannover. Um Mühlenberg und Garbsen, Vahrenheide und Roderbruch. Orte, wo Jugendliche angeblich „Jouuu“ oder „Ey“ sagen, „Diggä“ oder „Alter, was geht?“. Wo zwischen weißen Sneakern und Kappen mit geraden Schirmen ballonseidene Bomberjacken wehen und die Hosenbeine in die Strümpfe gestopft werden. Folgt damit auf den Film über die Vorstädte von Paris jetzt auf dem Theater die Wahrheit über Problemzonen rund um Hannover?

Ulrike Günther, die Regisseurin von „Bis hierher lief’s noch ganz gut“, spielt ziemlich souverän damit, dass die öffentliche Wahrnehmung von Prekariatssymptomen in unserer direkten Nachbarschaft erstaunlich stumpf ist: Die Klischees über Habitus, Jargon und Kleidung lässt sie von Mittelschichtjugendlichen erläutern, die Jonas, Andreas oder Johannes heißen. Diese deutschen Wohlstandskinder müssen allen Mut zusammennehmen, um sich als Rechercheure in die Randzonen der Gesellschaft vorzuwagen. Und begegnen dort statt neuen Einsichten doch nur den Abziehbildern ihrer Ängste. Wie sich in ihren Augen spielende Araberkinder in beißwütige Monster verwandeln, wie deren Mütter ihre Burkas ausbreiten und als Kampfhubschrauber abheben, wie ein Busfahrer zum vollbärtigen IS-Terroristen mutiert – das hat alle Qualitäten eines surrealen Albtraums.

Schade bloß, dass dieses Panoptikum deutscher Ängste im von zwei Zuschauertribünen umgebenen Bühnenraum des Ballhofs Zwei nicht gezeigt, sondern von drei Schauspielern im Wesentlichen nur erzählt wird. Anke Stedingk, Maximilian Grünewald und Jonas Steglich schlüpfen dabei zwar rasant in wechselnde Rollen. Vor allem aber tragen sie die Rechercheergebnisse vor, die sie mit Ulrike Günther zusammengetragen haben. Ihre Texte werden überdies mit Zitaten von Sozialarbeitern, Lehrern und Polizisten verschnitten, die als O-Töne aus Lautsprechern dringen.

Da erfährt man, dass es in Vahrenheide Wohnungen gibt, in deren Zimmern mehrere Migrantenfamilien wohnen – und jeweils auf nur einer Matratze lagern. Dass im Roderbruch Sozialarbeiter schlichtweg Angst vor den Jugendlichen haben, die sie betreuen sollen. Und dass Hauptschüler in Mühlenberg bei der Lehrstellenbewerbung vielleicht gern ihre Adresse weglassen würden, weil sie die allein schon als diskriminierend empfinden.

Solche und viele andere Fakten werden in der gut anderthalbstündigen Inszenierung oft noch mit einem Soundteppich aus Disco-Groove, deutschen Songs und Gangsta-Rap unterlegt, was das Ganze zu einer besonderen akustischen und nicht zuletzt textlastigen Herausforderung macht.  

Dabei hat „Bis hierher lief’s noch ganz gut“ seine inszenatorischen Stärken. Wie Jonas Steglich von Polizisten gefesselt und fast folterartig verhört wird, wie Maximilian Grünewald den hilflosen Jugendzentrumssozialarbeiter als altägyptischen Pyramidenwächter gibt, wie Anke Stedingk ein Mobbingopfer spielt, das in immer mehr Bomberjacken gezwängt wird – das führt die Nöte und Zwänge der Unterschicht geradezu zwangsjackencharakteristisch treffend vor Augen.

Stark ist auch das minimalistische Bühnenbild (Andreas Alexander Straßer): Ein Podest dient erst als Hochhausdach, von dem man sich herabstürzen könnte, und dann als übergroßes Prekariatsmatratzenlager, von dem aus zwei in Abfallcontainer verfrachtete Akteure in Schach gehalten werden.

Hat der französische Philosoph Jean Baudrillard recht, der aus Anlass des Films „Hass“ notierte, das Schlimmste an den „Müllzonen der Vorstädte“ sei, „dass wir selbst in Abfall verwandelt“ werden? Anke Stedingk entschlüpft am Ende den Bomberjacken und mutiert zur Mühlenberger Lehrerin, die beklagt, dass sie auch den intelligenten Migrantenkindern in den Problemzonen nicht gerecht werden könne. „Ja, in Kirchrode, da gibt es auch ein Flüchtlingsheim, aber da sind unter 19 Schülern gerade einmal zwei Flüchtlinge – die zu integrieren, das würde ich schon schaffen.“

Alles ganz schön schlimm – oder alles eine Verteilungsfrage? Die wirft Ulrike Günther mit diesem Stück postdramatischen Theaters jedenfalls wieder auf.
„Bis hierher lief’s noch ganz gut“. Wieder am 15. und 18. November sowie am 4. und 9. Dezember jeweils um 19.30 Uhr im Ballhof Zwei. Karten im HAZ-Ticketshop unter (0 511) 12 12 33 33.

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