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"Ein wunderbarer Coup"

Werke des Fotokünstlers Umbo im Sprengel-Museum "Ein wunderbarer Coup"

Das Sprengel-Museum erhält gemeinsam mit dem Bauhaus Dessau und der Berlinischen Galerie den Nachlass des Fotokünstlers Umbo, der nach dem Krieg in Hannover lebte. Insgesamt geht es um 540 Arbeiten, davon kommen 431 nach Hannover. „Ein wunderbarer Coup“, sagt Sprengelmuseumschef Reinhard Spieler.

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Starker Eindruck: Umbos "Träumende" von 1929.

Quelle: Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG BILD-KUNST

Berlin. Seine Ausschnitte sind ungewöhnlich, die Schlagschatten hart, die Blickachsen oft gekippt: Mit so expressiver Bildsprache hat sich Otto Maximilian Umbehr, kurz Umbo, bei seiner fotografischen Arbeit von der neusachlichen Hauptströmung der Zwanzigerjahre abgesetzt. Fotografie galt damals nicht als kunstwürdig, und es dauerte noch Jahrzehnte, bis Lichtbilder als Kunstwerke in Betracht kamen. Doch wer heute deutsche Fotografie aus dem Jahrzehnt vor dem Sieg des Nationalsozialismus würdigen will, muss außer den Werken von August Sander, Albert Renger-Patzsch oder Karl Blossfeld eben nicht zuletzt die von Umbo wahrnehmen.

Genau dazu wird künftig in Dessau, Berlin und Hannover umfangreich Gelegenheit sein. Denn traditionsreiche Kunstinstitutionen an diesen drei Orten haben sich zusammengetan, um gemeinsam den Umbo-Nachlass zu erwerben. Vorangetrieben wurden die Pläne durch Phyllis Umbehr, die Tochter des Künstlers, die Berliner Galerie Kicken und die Kulturstiftung der Länder. Finanziert wurde der Ankauf in einem Volumen von 3,4 Millionen Euro durch 14 Förderer und Sponsoren, darunter das Kulturstaatsministerium, die Kulturstiftung der Länder sowie die Berliner Lotto- und die Siemens-Stiftung. In Hannover zählen zu den Unterstützern auch die Stadt Hannover und das Land Niedersachsen, die Fritz-Behrens-Stiftung, die Stiftung Niedersachsen und der Verein der Freunde des Sprengel Museums. Die Verhandlungen über den Ankauf dauerten sieben Jahre, unter anderem deshalb, weil das Konvolut aus drei Sammlungen erworben werden musste.

„Dass es gelungen ist, diese drei Sammlungen zusammenzuführen, ist eine versöhnliche Entwicklung“, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) jetzt bei der Präsentation des Umbo-Nachlasserwerbs in der Berlinischen Galerie gesagt, „versöhnlich für Umbo, aber auch für die deutsche Geschichte.“ Auf diese Weise seien „Bilder von ikonischem Stellenwert“ gesichert worden, betonte dort Isabel Pfeiffer-Poensgen von der Kulturstiftung der Länder. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) erinnerte daran, dass Umbo bis ans Ende seines Lebens auf Anerkennung warten musste, weil Fotografie erst spät als Kunst betrachtet wurde, und betont: „Hoffentlich sind wird bei der Wahrnehmung neuer Kunstformen heute sensibler.“ Und Sprengel-Museumschef Reinhard Spieler, der sich schon Anfang Februar 2014, an seinem ersten Arbeitstag als Direktor des Hauses, für den Umbo-Ankauf einzusetzen begonnen hat, betont zwar, dass der Umbo-Nachlass trotz des hohen Anteils für das Sprengel-Museum „gleichwertig“ verteilt sei, spricht aber dennoch von „einem wunderbaren Coup“ für Hannover und fügt hinzu: „Für Umbo ist das natürlich auch eine Art Heimkehr.“

In der Tat. Denn Otto Maximilian Umbehr (1902-1980), erst Bauhaus-Schüler, dann Fotograf in Berlin, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Hannover niedergelassen. Von ihm ist hier beispielsweise ein Foto der noch vom Krieg gezeichneten Goseriede überliefert, auf dem die Zerstörungen fast surreal mit einer Sonnenbadenden im Vordergrund kontrastieren. Schon zuvor, in Dessau und Berlin, waren urbane Landschaften und die Melancholie der Großstadt Umbos große Themen, denen er sich mit dem vom Bauhaus propagierten, unkonventionellen „Neuen Sehen“ widmete. Umbo schuf sensible Porträts wie etwa das des Schweizer Clowns Grock, verstand sich aber nie nur als Dokumentarist. In seiner Fotocollage „Der rasende Reporter“ (1926) setzte er dem großsprecherischen Egon Erwin Kisch (1885-1948) gleich zwei Megaphone ans Haupt, schnallte ihm eine Kamera vor und verpasste ihm einen Schreibroboterkörper.

An seine frühen Erfolge konnte Umbo in Hannover nicht mehr anknüpfen. Er schlug sich bis in die Siebzigerjahre als Bürobote, Lagergehilfe, Packer und auch als Kassenwart der Kestnergesellschaft durch. Eine erste Ausstellung seiner Bilder gab es hier erst 1979, ein Jahr vor seinem Tod, in der Spectrum-Photogalerie, die die Fotografen Peter Gauditz, Joachim Giesel und Heinrich Riebesehl 1972 gegründet hatten.

Grund genug also, diesen Fotografen und die Netzwerke seiner Kollegen gründlicher zu erkunden. Dabei wollen die drei Museen eng zusammenarbeiten. Ein Kooperationsvertrag sichert den gleichberechtigten Zugang zu den Werken für deren Präsentation und Erforschung, für die freilich bislang keine zusätzliche finanzielle Förderung vorhanden ist. Erste Ergebnisse der Forschung sollen nach den Plänen der drei Museen in einer Ausstellung zu besichtigen sein, die im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 zunächst ab Februar in Hannover und danach in Berlin und Dessau gezeigt werden soll.

Von Daniel Alexander Schacht

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