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„Unsere Theater stehen nicht zur Disposition“

Kulturministerin Heinen-Kljajic „Unsere Theater stehen nicht zur Disposition“

Der Streit um die "Freischütz"-Inszenierung an der Staatsoper Hannover hat die Politik erreicht. Nach der Kritik der CDU verteidigt Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) im Interview die Kunstfreiheit - und spricht über Konsequenzen aus dem „Freischütz“.

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Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) ist seit 2013 niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur. 

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Frau Ministerin, nach der turbulenten „Freischütz“-Premiere an der Staatsoper gibt es Forderungen, der Aufsichtsrat der Oper solle dafür sorgen, dass das Haus wieder mehr klassische Produktionen zeigt. Sie sind sind Vorsitzende des Gremiums: Können und wollen Sie jetzt etwas ändern?

Theater und Oper dürfen verstören. Sie sollen ungewohnte Perspektiven und ungewohnte Inszenierung klassischer Stoffe bieten. Das ist ihr Auftrag und dafür werden sie öffentlich gefördert. Man muss eine Aufführung nicht gut finden, und jeder darf und soll sogar öffentlich darüber diskutieren. Wer aber nach Zensur ruft, verabschiedet sich vom Verfassungsgrundsatz der künstlerischen Freiheit und verfällt in Reaktionsmuster, die einer offenen und liberalen Gesellschaft nicht würdig sind. Ich erwarte von Vertretern demokratischer Parteien, dass sie die künstlerische Freiheit verteidigen. Ich rate daher dringend zur Abrüstung. ( mehr zum Opernstreit lesen Sie hier)

Entgegen der ursprünglichen Einschätzung sei die aktuelle Inszenierung des „Freischütz“ nicht für Heranwachsende unter 16 Jahren geeignet.

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Bis vor Kurzen waren die Theater auch mit anderen Dingen beschäftigt. Sie haben gerade fast alle Akteure des niedersächsischen Kulturlebens erstmals gemeinsam zu einer Art Flüchtlingsgipfel in ihr Haus eingeladen. Was besprechen Sie dabei?

Es geht um die Frage, wie wir unsere Kultureinrichtungen auch für Migrantinnen und Migranten öffnen können. Das ist eine Standardanforderung, die wir an alle unsere Einrichtungen stellen. Angesichts der Flüchtlingswelle, die wir im Moment erleben, wollen wir dieses Thema aber noch stärker vorantreiben. Kultur ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält: Wenn aber eine Gesellschaft kulturelle Teilhabe verweigert, produziert sie unweigerlich sozialen Sprengstoff. Daher glaube ich, dass unsere Kultureinrichtungen wichtige Partner sind, wenn es darum geht, die vielen Menschen, die jetzt neu zu uns kommen, möglichst schnell zu integrieren.

Sie sprechen von der Verweigerung kultureller Teilhabe. Sehen Sie eine Tendenz dazu?

Nein, die Museen und Theater, die Einrichtungen der Kulturverbände - alle sind zurzeit mit vielen Maßnahmen für und mit Flüchtlingen sehr engagiert. Da gibt es überhaupt nichts zu kritisieren. Aber grundsätzlich haben die Einrichtungen der sogenannten Hochkultur schon jetzt eine deutliche Unterrepräsentanz an Menschen mit Migrationshintergrund im Publikum gemessen an deren Anteil in der Bevölkerung. Die demografische Realität eines Einwanderungslandes spiegelt sich im Publikum der großen Kultureinrichtungen noch nicht wider.

Wie kann man das ändern? Mit noch mehr Deutschkursen an den Theatern?

Wir erleben gerade eine Art Soforthilfe, bei der jeder versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten Angebote zu machen. Das kann aber kein Dauerzustand bleiben. Es würde das System der Ehrenamtlichkeit und über kurz oder lang auch die großen Kultureinrichtungen hoffnungslos überfordern. Man muss sich zwar vergegenwärtigen, dass ein Theater oder ein Museum eine Gesellschaft am Ende nicht wirklich verändern kann, aber Kultureinrichtungen können eine Plattform schaffen, um in gesellschaftlichen Umbrüchen eine Bühne zu bieten, auf der ausgehandelt werden kann, was eigentlich wer erwartet. Langfristig geht es darum, bei der Zusammenstellung des Programms von einer derzeitig eher angebotsorientierten zu einer nachfrageorientierten Herangehensweise zu kommen.

Was bedeutet das?

Wir können die Neuankömmlinge in unserer Gesellschaft nicht einfach an unsere Kulturgewohnheiten anpassen und ihnen eine Art Gebrauchsanweisung für die deutschen Kultureinrichtungen vermitteln. Wir müssen sie vielmehr in Gesprächen auf Augenhöhe danach fragen, was ihre Bedürfnisse sind und ihre Wünsche an solche Institutionen. Und wir müssen versuchen, diese Menschen nicht nur als Publikum zu gewinnen, sondern auch als künstlerische Akteure.  Das Theater in Osnabrück hat zum Beispiel gerade einen syrischen Flüchtling in seine Tanzkompagnie aufgenommen und ein anderer inszeniert dort gerade sein eigenes Theaterstück. Kultur lebt davon, dass sie Anstöße von außen bekommt.

Könnten wir also bald ein staatlich subventioniertes Orchester mit arabischen Instrumenten erleben?

Ich finde, man sollte keine Schranken im Kopf haben und jetzt schon definieren, was es nicht geben wird. Es ist auch nicht meine Aufgabe, als Ministerin vorzugeben, was genau passieren soll. Wir wollen mit der Frage Impulse setzen, was Zugewanderte bieten und was sie erwarten.

Wenn sich am Ende alle Konzerte mit Helene Fischer wünschen, würden Sie das fördern?

Bei staatlicher Subventionierung geht es ja nicht darum, möglichst massenkompatible Angebote zu machen. Auch in Zukunft werden die ästhetische und künstlerische Qualität bei Förderentscheidungen immer ausschlaggebend sein. Dennoch müssen staatlich geförderte Kultureinrichtungen realisieren, dass die demografische Realität eine andere ist als vor 20 Jahren. Deshalb ist es das ureigene Interesse von Theatern und Museen, neues Publikum zu gewinnen.

Die Theaterlandschaft selbst ist viel älter als 20 Jahre: Sie ist eine Hinterlassenschaft der feudalistischen Kleinstaaterei: Muss es in Niedersachsen wirklich noch in Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Osnabrück, Lüneburg und Oldenburg eigene Theater mit mehreren Sparten geben? Die hannoversche CDU hat ja schon verlauten lassen, dass man eine Oper mit Produktionen wie dem hannoverschen „Freischütz“ auch schließen könnte.

Unsere Kulturlandschaft ist etwas Gewachsenes, das niemand am Reißbrett umstrukturieren können wird. Es ist ein zentrales Merkmal deutscher Kultur, dass wir viele Theater haben. Wir können stolz darauf sein und sollten das bewahren. Nichtsdestotrotz werden wir uns immer wieder die Frage stellen müssen, welche Kultureinrichtungen wir halten können und welche nicht. Ich bin davon überzeugt, dass die städtischen und staatlichen Theater dabei nicht zur Disposition stehen.

Interview: Stefan Arndt

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