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Kultur Unsicherheit ist gar nicht so übel
Nachrichten Kultur Unsicherheit ist gar nicht so übel
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10:23 07.06.2012
Herrenhäuser Gespräche im Rahmen der Kunstfestspiele. Thema: „Fragiles Gleichgewicht - wie gehen wir mit Unsicherheiten um?“ Quelle: Baader
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„Die Welt ist sicherer geworden.“ Um in unserer Öffentlichkeit mit dieser Aussage Gehör zu finden oder ernstgenommen zu werden, muss man schon als ausgewiesener „Katastrophensoziologe“ auftreten können. Rüdiger Dombrowsky, den das „Stakkato der Apokalypse“ nervt, stellte klar: Die Katastrophen mögen, in absoluten Zahlen gemessen, zugenommen haben, wenn man diese aber in Beziehung setzt zum Wachstum der Weltbevölkerung, der Energieproduktion oder des Verkehrsaufkommens ergibt sich ein anderes Bild. Mit der Verwundbarkeit sei auch die Widerstandsfähigkeit gewachsen.

So kam keine rechte Untergangsstimmung auf, als in der Orangerie bei dem 14. Herrenhäuser Gespräch das besorgt klingende Thema „Fragiles Gleichgewicht - wie gehen wir mit Unsicherheiten um?“ besprochen wurde. Moderator Stephan Lohr konnte zu dieser bewährten Gemeinschaftsveranstaltung von Volkswagenstiftung und NDR neben dem Katastrophensoziologen den Physiker Jan-Michael Rost, den Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe und die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung befragen.

Und die machte sich die gelassene Einschätzung Dombrowskys zu eigen. Am Beispiel der Energiewende (sie will lieber von Politikwende sprechen) sehe man aber, wie in den Medien Ängste und Zweifel an ihrer Machbarkeit geschürt würden. Hier sieht sie Lobbyisten am Werk, die Strompreiserhöhungen etwa fälschlicherweise auf die neue Energiepolitik zurückführten.

Auch wenn nach der Katastrophe von Fukuschima die hierzulande weit verbreitete Angst eine Rolle bei dieser Politikwende spielte, sieht Dombrowsky hier nichts Irrationales am Werk. Im Gegenteil. Mit der Umstellung auf erneuerbare Energien ergeben sich neue ökonomische Chancen durch neue Technologien - allerdings würden solche „Großexperimente“ auch Risiken bergen.

Das sei aber nur normal. Mehr noch: Für Rost bietet gerade ihre Fragilität komplexen Systemen besondere Chancen zur Anpassung an unvorhersehbare Probleme. Wenngleich er nicht unterschlug, dass auch die Manipulierbarkeit zunehme. Während in den Naturwissenschaften neue Einsichten von der Forschergemeinschaft schnell übernommen werden, müssen bei gesellschaftspolitischen Fragen Menschen überzeugt werden. Zudem, wäre zu ergänzen, gibt es für die Lösung gesellschaftlicher Probleme ohnehin keine eindeutigen und schon gar keine interessenfreien Lösungsvorschläge. Dombrowsky macht auf den großen Einfluss des Lobbyismus aufmerksam, der ohnehin das gesellschaftliche Gleichgewicht verschiebe. Damit sich Vernunft durchsetze, müsse für vernünftige Lösungen politisches Gewicht gesammelt werden.

Noch brisanter freilich ist die Aufgabe, Menschen die Angst vor notwendigen und produktiven Unsicherheiten zu nehmen. Kann da vielleicht die Kunst helfen? Loebe zeigte sich zuversichtlich, dass gerade die Theater „Wärmespender“ sein können und sich für die Stärkung humanitärer Denkweisen eigneten.

Aber wird man sie auch lassen? Der Frankfurter Opernintendant, der an diesem Abend für die landesüblichen düsteren Prognosen zuständig war, sah ein „Massensterben“ bei Theatern, sogar ein „Ende der Hochkultur“ voraus. Gehe es nach sparwütigen Politikern, dann müsse sich heute alles rechnen. Es wird sich noch zeigen, ob die heute gängigen betriebswirtschaftlichen Rezepte, volkswirtschaftlich oder gar gesellschaftspolitisch gesehen, Teil der Lösung oder des Problems sind.

Das Gespräch wird am 10. Juni ab 20 Uhr auf NDR Kultur gesendet.

Karl-Ludwig Baader

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