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Kultur Sagenhaft: „Die Edda“ Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur Sagenhaft: „Die Edda“ Schauspiel Hannover
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00:15 19.03.2018
So beginnt alles: Die Weltesche Yggdrasil wird aufgestellt. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

 „Mit einem Erdbeben beginnen – und dann langsam steigern“ lautet ein bekannter Hollywood-Rat an angehende Drehbuchautoren. Den haben sich offenbar auch die beiden Isländer Thorleifur Örn Arnasson und Mikael Torfason zu Herzen genommen, die am Schauspiel Hannover ihre Version der isländischen Göttersaga „Edda“ präsentieren. Sie beginnen mit einem großen Monolog über das Ende (und auch den Anfang) der Welt, den die wunderbare Schauspielerin Susana Fernandes Genebra in einer gigantischen Nebelkammer hält, und enden mit Ragnarök, dem Untergang der Welt der Asen, der hier gleichzeitig eine Geschichte vom Ende des Theaters und auch eine sehr persönliche Geschichte vom Sterben des Vaters des Autors Mikael Torfason ist. Und in der Zeit dazwischen – vier Stunden dauert das göttliche Schauspiel insgesamt – gibt es viele verblüffende Bilder, wunderbare Lieder, starke schauspielerische Momente und, ja, auch das: tiefe Einsichten. 

Die „Edda“ ist eine ziemlich wilde Sammlung von Geschichten; es gibt die „Lieder-Edda“ und die „Prosa-Edda“ des Snorri Sturluson. Wer jemals die Geschichten, die Snorri Sturluson im 12. Jahrhundert zu Papier gebracht hat, während eines Skandinavien-Urlaubs gelesen hat, weiß, dass es noch etwas Öderes gibt als schwedische Fernstraßen zur Ferienzeit: Die „Prosa-Edda“ ist ein einziges Hauen und Stechen, ein einziges Betrügen und Provozieren. Es ist, als suchten die handelnden Personen vor allem eines: Streit! Gegessen wird natürlich reichlich, und die Krieger kommen stets in einen anderen Himmel als diejenigen, die das Alter hinwegrafft. Es sind Geschichten aus dunklen nordischen Nächten. Und sie wiederholen sich.

In der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnassson aber sind sie plötzlich gar nicht mehr langweilig. Sie haben etwas mit uns zu tun. Es geht um uns. Um unser Leben, um unser Sterben.

Autor und Regisseur präsentieren nicht die schönsten Geschichten der „Edda“, ihr Stück ist keine Trailershow der besten Episoden. Nein, sie versuchen einen Bogen von der Welterschaffung zum Weltuntergang zu spannen und dabei so viel aus der „Edda“ einzubringen wie eben möglich. 

Manche Geschichte wird dabei nur angerissen, aber so, dass vieles am Ende wie eine Traumerinnerung bleibt. Das Stück ist voller Geschichten, Anspielungen, Bezügen zu anderen Geschichten. Es ist unmöglich, alles verstehen, aber man bekommt durchaus ein Gefühl für diesen Sagenstoff, der uns eher fremd ist. 

Regisseur Arnasson gelingt es, ein Theater zu präsentieren, das gleichzeitig sehr reich und ganz arm ist. Er arbeitet aus dem Geist der Improvisation, aber mit den Mitteln eines hochprofessionellen Theaterbetriebs. Das Schauspiel Hannover zeigt hier, was es alles kann. Über der Bühne (von Wolfgang Menardi) hängen Leuchtstoffröhren an fast 50 bühnenbreiten Stäben, die sich wellenförmig bewegen, absenken (in der Zwergenwelt), hochfahren (am Weltenende) und zu Wänden formieren lassen. So entstehen fortwährend neue Räume. Nach der Pause steht ein Gerüst auf der Drehbühne und ein Fahrzeug, das an den Thespiskarren und an die Anfänge des Theaters erinnert.

Hier entwickelt sich viel allein aus der Sprache (Hagen Oechel erzählt die Geschichte des alkoholkranken Vaters von Mikael Torfason) und aus Musik (die Gabriel Cazes live beisteuert).

In diese Produktion hat das Schauspiel Hannover besonders viel investiert: Die Probenzeiten waren deutlich länger als sonst, viele Statisten, viele Bühnentechniker wirken mit. Und das Ensemble ist groß: Johanna Bantzer, Sarah Franke, Sophie Krauß, Christoph Müller, Wolf List, Maximilian Grünewald und Andreas Schlager stehen auch als Götter, Riesen oder Zwerge auf der Bühne. Sie alle agieren hervorragend miteinander.

Die Investition hat sich gelohnt. Trotz vier Stunden Spieldauer ist diese „Edda“ nie langweilig, sondern immer spannend und berührend.

Die Kandidaten für das diesjährige Theatertreffen in Berlin, bei dem stets die „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der Saison eingeladen werden, stehen schon fest. Aber für die nächste Ausgabe des Festivals sei den Juroren ein Besuch in Hannover dringend empfohlen. 

Gut vier Stundendauert „Die Edda“ am Schauspiel Hannover. Darum beginnen die Vorstellungen etwas eher als üblich. Die nächsten Termine sind am heutigen Sonnabend (18.30 Uhr), am Sonntag, 1. April (17 Uhr), Freitag, 13. April (18.30 Uhr) und Sonnabend, 21. April (18 Uhr). 

Von Ronald Meyer-Arlt

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