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Kultur Uraufführung von „Trollmanns Kampf“ in Hannover
Nachrichten Kultur Uraufführung von „Trollmanns Kampf“ in Hannover
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18:52 02.05.2010
Von Rainer Wagner
Trollmanns letzter Kampf: Mit Schminke und Perücke gegen das Zigeunerklischee. Quelle: Katrin Ribbe (Schauspiel Hannover)

Wenn Sinti auf offener Bühne Zigeunerschnitzel mit Zigeunersauce essen, ist das dann Ironie? Oder servieren sie uns vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen die Einsicht, dass wir nicht einmal das von den Zigeunern wissen: ob ein Zigeunerschnitzel nun paniert wird oder nicht (die Kochbücher sind sich da nicht einig).

Im hannoverschen Ballhof waren die Schnitzel paniert, also halten wir künftig diese Variante für die richtige. Schließ­lich war die Schnitzeljagd Bestandteil eines zweiteiligen Theaterabends, der auch zwei Titel hat: „Trollmanns Kampf“. Und „Mer Zikrales“. Das stammt aus der Sprache der Sinti und heißt „Wir zeigen es“. Und was die deutschen Sinti zeigen wollten, das war nicht nur die Geschichte des Boxers und Sinto Trollmann, sondern eben auch, wie das ist mit den Sinti in Deutschland. Und wie das heute immer noch sein kann mit der Ausgrenzung. Also führen uns neun mehr oder minder junge Sinti in ihre Welt.
Aber sie erzählen auch (unterstützt durch drei Profischauspieler), wie das damals war mit dem hannoverschen Sinto Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann, der 1933 deutscher Boxmeister war und später im KZ ermordet wurde. Das war Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung und wurde vom Publikum (viel Politprominenz, noch mehr Sinti) mit großer Begeisterung aufgenommen.

Manchmal macht das Theater eben alles richtig – und doch ratlos. Zumindest den Theaterkritiker, der nicht nur beschreiben soll, was ist, sondern auch bewerten, wie es ist. Das Theater hat ein probates Mittel, seine Kritiker zu entwaffnen: Die Formel lautet Authentizität schlägt Ästhetik. Statt Schau-Spiel also Echtzeit. Dann berichten echte Arbeitslose, echte Hartz-IV-Empfänger, echte Alte von ihrem Schicksal. Oder eben echte Sinti, wie jetzt im Ballhof.

Damit das alles nicht zu thesenhaft ausfällt, haben die Autoren Björn Bicker und Marc Prätsch die Geschichtsstunde mit Perspektivwechsel gebrochen. Regisseur Prätsch hat sich von seinem Bühnenbildner Philipp Nicolai eine Art Tonstudio auf die Bühne bauen lassen: Wir erleben die Aufzeichnung einer Radiosendung, in der Sinti über sich erzählen, aber auch die Geschichte des Boxers Trollmann und seiner Familie. Im Hintergrund leuchten die grob gepinselten Zigeunerbildklischees, die so gut zum Gelsenkirchner-Barock-Einbauschrank passen. Es gibt „Gypsy Music“, bei der vor allem Gitarrist Kussi Weiss überzeugt, während die Jazz(?)-Sängerin Dotschy Reinhardt zwar ihre Autobiografie vorstellen darf, aber nur vage – in Wort und Musik – ihre Verwandtschaft zum legendären Gitarristen Django Reinhardt unter Beweis stellt.

Vor einem „DSDS“-Logo, das hier aber „Deutschland sucht den Super-Sinto“ bedeuten soll, schwärmen heutige Sintezza vom realen „DSDS“-Finalisten Menowin. Ist man jetzt in die Falle der Political Correctness getappt, wenn man froh ist, sein Urteil über diesen Sänger gefällt zu haben, ohne zu wissen, dass er Sinto ist?

Das alles tändelt zwischen Volkspädagogik und Daseinsbehauptung und lebt von der geborgten Authentizität der sympathischen Selbstdarsteller. Es ist ein nützlicher und tauglicher Theaterabend, vor allem für alle, denen die Geschichte fremd ist. Aber ein Theaterereignis ist er nicht. Und kommt dem doch noch nahe, wenn der Theaterabend nach der Pause in die entscheidende Runde geht. Wir verlassen den Ballhof, der in Nazi-Zeiten auch HJ-Heim war, und gehen hinüber in die Kreuzkirche. Gleich nebenan wohnten die Trollmanns einst.

Im Gotteshaus ist ein Boxring aufgebaut. Die Orgel (Axel LaDeur) braust pathetisch, wie es beim Aufmarsch der Gladiatoren üblich ist. Nein, es wird nicht wirklich geboxt in diesem Boxerdrama, aber dramatisch zugespitzt. Im echten Leben reagierte Trollmann, dem die rassistischen Nazi-Boxfunktionäre den rechtmäßigen Titel des deutschen Meisters aberkannt hatten, in einem letzten großen Kampf mit einem theatralischen Signal: Er kam weiß geschminkt und blond gefärbt in den Ring und wehrte sich nicht. Im Duell Boxen gegen Faust­kampf gewann die rohe Gewalt.

Jetzt stehen alle Akteure im Boxermantel, grell geschminkt mit blonder Perücke, und lauschen dem Sportreporter, der Nacherzählung und aktuelle Reflexion vermischt. Von der Kanzel spricht danach das ungetröstete Kind Trollmanns. Und der Chor der Sinti schließt mit den Worten des Kindes, die für das ganze Volk stehen: „Ich lebe weiter.“

Zum Schluss singen Akteure und Zuschauer alle zusammen noch ein Lied: „My Cherie Amour“ von Stevie Wonder (warum auch immer). Das klingt nicht besonders schön, aber anrührend. Zumal Manuel Trollmann, der Großneffe von „Rukeli“ Trollmann, dessen alten Meisterschaftsgürtel hereinträgt und zeigt.

They never come back? Manchmal kommen sie eben doch zurück, die alten Boxer. Zumindest ins Gedächtnis. Draußen vor der Kirche führt ein schmaler ­Johann-Trollmann-Weg Richtung Historisches Museum. Das ist keine Inszenierung: So authentisch ist die Wirklichkeit.

Wieder am 4., 9., 11. und 27. Mai und auch im Juni. Karten: 0511-99991111.

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