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Kätzchen oder Mikroben?

Veganismus-Debatte im Literarischen Salon Kätzchen oder Mikroben?

Ist Fleischverzehr „gerecht“? Im Literarischen Salon diskutierten die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder und der geschäftsführende Vorstand der Albert-Schweiter-Stiftung Mahi Klosterhalfen über Veganismus. 

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Mahi Klosterhalfen und Ulrike Gonder (rechts) diskutierten über Veganismus. Durch den Abend leitete Doreen Jonas (links).

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Debatten um richtige Ernährung sind allgegenwärtig. Sie füllen Bücherregale, können zur Abwahl von Politikern führen, bündeln Welt- und Menschenbilder. Sie inspirieren Ideologien und spiegeln diese zugleich. Gesundheitsbewusst oder lustgesteuert essen, egoistisch oder ethisch begründet, so könnte man sich täglich fragen. Und auch: Fleischlich oder vegetarisch leben – oder sogar ganz ohne tierische Produkte, also vegan? Dieser Frage hat sich jetzt der Literarische Salon unter dem Titel „Veganismus: Zwischen Hipness und Systemkritik“ gewidmet. Und dabei vor allem nach der Motivation für oder wider diese Entscheidung gefragt.

Einig waren sich dabei die Podiumsgäste Mahi Klosterhalfen und Ulrike Gonder in gewissen Grundfragen: dass Intensivhaltung von Tieren abzulehnen sei, dass allzu sture Ideologien auf dem Weg zu einer bewussteren Ernährung nicht hilfreich seien – und dass der Diskurs erst an seinem Anfang stehe. Ulrike Gonder, Ernährungswissenschaftlerin und freie Publizistin, hob indes auch hervor, dass der Mensch nur als flexibler Allesfresser die Welt habe bevölkern können; dies sei für ihn „artgerecht“. Nirgends auf der Welt habe die Mehrheit der Bevölkerung sich dauerhaft vegan ernährt, Ernährung sei stets individuell und die jeweilige Kultur entscheide, was als Nahrung gelte. Letztlich sei es Teil eines ökologischen Kreislaufs, dass Essen ohne Leid und Tod nicht möglich sei.

Mahi Klosterhalfen hingegen, geschäftsführender Vorstand der Albert-Schweitzer-Stiftung, plädierte für eine Ehrfurcht vor dem Leben. Der Mensch könne sich heute nicht mehr einfach auf das Recht des Stärkeren berufen. Eine Ernährung ohne tierische Produkte sei nicht nur möglich geworden, sondern auch der einzige Weg in eine ethisch und ökologisch fortgeschrittene Gesellschaft. Und jeder einzelne Verbraucher könne durch sein Konsumverhalten Einfluss auf Politik und Industrie ausüben.

Die Wahl zweier gesprächsbereiter Referenten schuf Raum für Zwischentöne und Differenzierungen – für den ein Teil des Publikums sich ausdrücklich bedankte. Das Interesse, mit dem viele gekommen waren, war ebenso groß wie die Unsicherheit. Spätestens bei den Publikumsfragen zeigte sich die Komplexität des Themas. Emotionale Wortmeldungen der längst Überzeugten zeugten davon, dass eine konsequente Entscheidung für ein veganes Leben letztlich auch mit Abgrenzungen und Feindbildern zu tun hat. Ohnehin stößt das Bemühen um ausschließlich pflanzliche Ernährung auch an Grenzen: Wer etwa Sauerkraut isst, nimmt auch Milchsäurebakterien zu sich – und das sind keine Pflanzen. Doch das gerät ethisch motivierten Veganern vielleicht aus dem Blick. Um es mit Ulrike Gonder zu sagen: „Die meisten finden Kätzchen nun mal niedlicher als Mikroben.“

Thomas Kaestle

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Am 20. Oktober diskutieren im Literarischen Salon Stefan Aust und Dirk Laabs zum Thema „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie der NSU“. Weitere Termine des Literarischen Salons finden Sie unter www.literarischer-salon.de.

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