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Routiniert beklatscht und bodenlos traurig

Verdi-Oper „Die Macht des Schicksals“ Routiniert beklatscht und bodenlos traurig

Tönende Traurigkeit: Frank Hilbrich inszeniert Verdis „Die Macht des Schicksals“ an der Staatsoper Hannover. Und erzählt die Geschichte zweier Liebender, die eher aus Versehen töten.

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Was von der Liebe übrig bleibt: Leonora (Brigitte Hahn) auf der Flucht.

Quelle: Landsberg

Hannover. Grün ist die Hoffnungslosigkeit. Zumindest ist kaum etwas abweisender als diese Bühnenwand in der deprimierenden Farbe ausgemusterter Polstermöbel einer sinnlosen Behörde. Doch wer sollte sich hier daran stören? Die ganze Szenerie dieser Produktion von Verdis „Die Macht des Schicksals“ an der hannoverschen Staatsoper wahrt ja viel Distanz: Was immer geschieht, geschieht auf einer drehbaren, eckigen, abstrakten Spielfläche ein gutes Stück vom Abgrund des Orchestergrabens und weit, weit vom Publikum entfernt.

Dazu kommen all die abgenutzten Bilder vom Schrottplatz des Regietheaters: der vermüllte Einkaufswagen für den Heimatlosen, die Mäusemasken für den enthemmten Chor, das weiße Kleid für die Unschuld, der ballonseidene Trainingsanzug für den fremden Helden. Regisseur Frank Hilbrich und seine Ausstatter Volker Thiele (Bühne) und Gabriele Rupprecht (Kostüme) haben viel Wert darauf gelegt, den Zuschauern die abenteuerliche Geschichte eines sinnlosen Rachefeldzug nicht zu nahe kommen zu lassen. Und doch tropft unerbittlich Traurigkeit aus jedem Moment dieser kalten, klugen Inszenierung.

Die Geschichte der beiden Liebenden, die eher aus Versehen den Vater töten, der sich gegen die Beziehung sperrt, und dafür vom rachsüchtigen Bruder verfolgt werden, erzählt Regisseur Hilbrich als einen bitteren Entwicklungsroman ins Nichts. Er beginnt den Abend mit einem stummen Vorspiel in der Kindheit der Figuren. Schon hier löst sich der verhängnisvoller Schuss, der das Leben von Leonora, ihrem Geliebten Alvaro und ihrem Bruder Don Carlo fortan bestimmen wird. Da macht es auch keinen Unterschied, dass der Vater sich vielleicht sogar selbst tötet, als er das Paar beim Fluchtversuch überrascht und die Waffe aus der demütig ausgestreckten Hand seiner Tochter empfängt, statt sie wie sonst vom Liebhaber mit derselben fatalen Folge vor die Füße geschleudert zu bekommen.

Altern im Zeitraffer

Einmal aufs Gleis gesetzt, bewegen sich die Figuren - Menschen zu zeigen, versucht Hilbrich in diesem Scherenschnitttheater gar nicht erst - gemächlich auf den geriatrischen Showdown zu. Ihre Haare sind da längst grau geworden und die Bewegungen mühsam. Doch die Zeit ist vergebens verstrichen: Die Erlösung, die man in einer Oper erhoffen könnte, die zu erheblichen Teilen in einem Kloster spielt, fällt aus. Es gibt die zwei Toten, die es von Beginn an geben musste, und einen trostlosen Überlebenden, der keine Zukunft mehr hat.

Selten ist eine Oper so weit wie hier entfernt von der kulinarischen Unterhaltung, die sie auch sein kann und möchte. Der Abend ist lang, oft unansehnlich und so furchtbar unterkühlt, dass jeglicher Zwischenapplaus, zu dem das Stück an sich reichlich Gelegenheit bietet, schnell wieder einfriert. Und doch schimmert durch dieses Figurentheater die Einsamkeit und Trostlosigkeit der menschlichen Existenz hindurch wie schmerzhafte Wahrhaftigkeit.

Erstaunlicherweise ist genau das auch in einer Musik zu hören, die voller hitverdächtiger Arien und dramatischer Klangkulisse ist. Dirigent Stefan Klingele lässt die musikalischen Temperamentsausbrüche im Orchester wüten wie den Blitz in totem Holz: ein explosionsartiges, folgenloses Aufflammen, nach dem es nur umso kälter wird. So kann man spüren, wie ungeheuer zart und schutzlos Verdis Musik oftmals ist. Schon in der Ouvertüre tönen die vorsichtig aufblühenden Melodien furchtbar einsam und stets bedroht von unbarmherzig voranschreitenden Blechakkorden. Klingele zielt sehr effektvoll auf Extreme und verlangt dabei auch den Sängern teilweise erhebliche Lautstärkeanstrengungen ab.

Hier gibt es Karten

Wieder am 4., 12. und 16 Februar sowie am 4. und 15. März, Karten unter Telefon: (05 11) 99 99 11 11.

Cocktailkleid statt Tarnanzug

Kein Problem ist das für Xavier Moreno, der alle Hürden und Spitzentöne in der mörderischen Partie des Alvaro mit Kraft und Leichtigkeit meistert. Dem spanischen Tenor, der als Gast in Hannover zu hören ist, gelingt auch szenisch der weite Weg vom lächerlichen jungen Hüpfer zum ehrwürdig-behäbigen Greis überzeugend. Etwas schwerer tut sich Brigitte Hahn als Leonora. Man ahnt bereits die Grenzen, die ihrem nicht sehr großen, aber noch immer klarem Sopran in Höhe und Tiefe und dynamischen Extremen gesetzt sind. Trotzdem gelingt ihr ein recht intensives, klug organisiertes Rollenporträt. Souverän präsentiert sich Brian Davis als manischer Rächer, und auch die meisten Nebenrollen sind mit Sängern wie Shavleg Armasi und Monika Walerowicz bestens besetzt.

Der von Dan Ratiu sicher vorbereitete Chor bildet die Folie, vor dem sich das eigentliche Drei-Personen-Stück entfaltet. Die kriegslüsterne Masse trägt hier Cocktailkleid statt Tarnanzug, verschachert aber umso hemmungsloser ihre Kindern. Und statt um Nahrung erfleht das ausgehungerte Volk vom Priester vergebens Inhalt für ihr sinnentleertes Leben. Auch diese Figuren wahren stets die abstrakte, distanzierte Form, die den ganzen Abend kennzeichnet. Erst durch den Umweg über den Kopf kommt einem diese am Ende eher routiniert beklatschte, bodenlos traurige „Macht des Schicksals“ gefährlich nah.

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