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10:22 07.04.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Kleines Mädchen, große Welt? Juliane Fisch und – in der Projektion – Andreas Schlager vor dem Bühnenaufbau für „Das Mädchen Rosemarie“. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover:

Strauchelnd stöckelt sie aus der Kulisse, knickt fast von den Absätzen, schlenkert ungelenk die Arme, blickt sich unsicher um. Ein starker erster Auftritt von Juliane  Fisch, mit dem sie zeigt: Diese Figur will dabei sein, doch sie gehört nicht in die mondäne Welt, auf die sie schüchtern hinaufblickt – zum ebenso starken Bühnenbild der neuen Inszenierung „Das Mädchen Rosemarie“ im Schauspielhaus.

Als Auftrittsort hat der Bühnenbildner Moritz Müller da ein drehbares Doppelgeschoss gebaut – ein Bühnenbild als Sinnbild sozialer Spaltung: Oben ist ein Séparée, zu dem statt einer Treppe eine Rampe  führt, die den Aufstieg erschwert und den Abstieg beschleunigt. Unten ein  Hotelfoyer mit Nierentisch und Piano und einer Drehtür als gesellschaftlichem Ein- und Ausstiegskarussell.

Davor startet die Geschichte der 1957 ermordet aufgefundenen 24-jährigen Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Deren Tod hat damals erst den Zeitungen Schlagzeilen, dann Filmen, Büchern, Ausstellungen sowie einem Musical den Stoff geliefert – und nun also dem Theater. Will Regisseur Milan Peschel die Hintergründe dieses nie aufgeklärten Verbrechens ausleuchten? Das ist schon seinem Filmregiekollegen Rolf Thiele mit „Das Mädchen Rosemarie“  (1958) so wenig gelungen wie dem damaligen Drehbuchautor Erich Kuby. Der hat dazu noch einen Roman rund um Wiederbewaffnung und Wirtschaftsspionage geschrieben,  in dem mächtige Kunden und krumme Geschäfte für Rosemarie Nitribitt zum Verhängnis werden, darunter Prominente bis hinauf zum späteren Kanzler Kurt-Georg Kiesinger. 

Doch dieser nie erhärtete, den Stoff politisch trotzdem mächtig aufladende Verdacht bildet für Peschels Inszenierung nur die Folie. Davor wirft er die Frage nach dem sozialen Typus des  Aufsteigers auf, für  den diese Rosemarie ein Beispiel ist: Was treibt sie zum Aufstieg? Und welchen Preis zahlt sie dafür?

Es ist vor allem die Konfrontation mit einer abgründigen Männerwelt. Die verkörpern die Akteure im Schauspielhaus ebenso drall wie drastisch. Da macht man im Séparée erst schmutzige Geschäfte, dann ebensolche Sprüche. „Jetzt will ich ficken“, brüllt da einer. „Aber mit Niveau“, ein zweiter. „Niveau hab ich zu Hause“, kontert der erste. Saufend, rauchend und grölend geben Andreas Schlager, Henning Hartmann, Janko Kahle, Sebastian Kaufmane und Dominik Maringer in dieser Männer-Kombo wandelnde Herrenwitzfiguren, Karikaturen des männlichen Geschlechts.
Deftig inszeniert und stark stilisiert wird auch der gewerbsmäßige Geschlechtsverkehr. Da gerät eine Autotour zur Oralsexnummer. „Gib Gas“, stöhnt dabei Hartog (Henning Hartmann, der den Herrenreiter als Sensibelchen und damit wunderbar bigott gibt), „Gang wechseln, nicht so mechanisch!“ Da wird eine Massenszene nackter Männerhintern wie am Fließband abgefertigt. Und da nimmt bald das Geldzählen der Rosemarie mehr Zeit in Anspruch als die anspruchslose Triebabfuhr.

Gezeigt werden solche Szenen in Ausschnitten, die Jan Speckenbach mit der Livekamera wählt und die auf das Séparée oder eine Leinwand im Cinemascope-Format auf dem umgedrehten Bühnenbild projiziert werden. Darauf hält auch das Kolorit der fünfziger Jahre in alten Filmsequenzen Einzug. Wenn dann noch „La Paloma“ aus dem Piano träufelt (am Klavier: Juri Kudlatsch) oder „Lilli Marleen“ gesungen wird (von Carolin Eichhorst, die ansonsten die knallharte Unternehmerin gibt), wird die Inszenierung ganz zur Zeitgeistrevue, zum mit viel Spielfreude dargebotenen Potpourri. Dessen Unterhaltungswert steigert das geradezu akrobatische Übereinanderherfallen von Juliane Fisch und Henning Hartmann ebenso wie der Slapstick halsbrecherischer Zusammenstöße zwischen Zeitungsverkäufer (Oscar Olivo) und Hotelportier. Den spielt übrigens, wegen eines unfallbedingten Ausfalls bei der Generalprobe, auch Milan Peschel.

Wie umstandslos der Regisseur bei der Premiere in die zentrale Mittlerrolle des Portiers zwischen den sozialen Klassen dieser Theaterwelt schlüpft – das verdient Respekt. Genauso wie seine Version der Rosemarie. Die ist hier eine Frau, die auf „Selbstoptimierung“ setzt. Die ihren Luden (Thomas Mehlhorn und Sandro Tajouri, die später auch als klampfende Halbstarken-Verschnitte auftreten) den Laufpass gibt, um Souveränität über die eigenen „Produktionsmittel“ zu erhalten. Diese Rosemarie will mehr sein als nur Sexualdienstleisterin. Peschel stellt sich damit quer zu abgestandenen Moralbegriffen, macht seine Rosemarie zu einer ganz gegenwärtigen Figur. Denn muss nicht jeder sich prostituieren, was ja wörtlich zunächst nur „bloßstellen“ heißt, um sich für Geld verdingen zu können? „Ich bin die erotische Verkörperung von Zukunft als platonischer Idee“, formuliert Rosemarie, deren jäh erweiterter Wortschatz hier ziemlich unmotiviert präsentiert wird. Der fast akademische Bildungsjargon nützt ihr freilich nichts gegen ihre bis heute nicht entlarvten Mörder. „Erich Kuby hat mit einer Hure Geld verdient“, höhnt in der Inszenierung später noch der auch von Peschel gespielte Filmregisseur Thiele.

Wo geht es noch um Aufklärung, wo beginnt der Verrat durch den dabei stets mit bedienten Voyeurismus, lautet eine der spannenden Fragen, die diese Inszenierung aufwirft. Aber auch: Wo setzt sie ihre Mittel richtig ein, wo beginnt der Verrat an den Instrumenten des Theaters? Videotechnik kann kleine Kammerspielsituationen auf großer Bühne besser sichtbar machen. Aber die Kamera vergrößert nicht nur, sie begrenzt auch den Ausschnitt, schränkt die Schauspieler ein. Video kills the theatre star? Diese Klage ist nicht ganz neu, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Exzessiver Videoeinsatz nötigt Schauspieler auch dort, sich an die Kamera zu adressieren, wo sie sich ebenso gut direkt auf die Zuschauer orientieren könnten.

Deren Begeisterung hat das jedoch keinen Abbruch getan. Das Premierenpublikum spendierte den zwölf Akteuren Bravorufe, Füßetrampeln und minutenlangen Applaus – der nahtlos in die Premierenfeier überging.

Nächste Vorstellungen: 9. 19. und 26. April, 2. und 5. Mai, jeweils 19.30 Uhr.

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