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„Jeder findet sein Paradies woanders“

Oper „Jeder findet sein Paradies woanders“

Vier Dramaturgen für vier Sparten: Chefdramaturg der Oper, Klaus Angermann, Christopher Baumann von der Jungen Oper, Ballettdramaturgin Brigitte Knöß und Konzertdramaturgin Swantje Köhnecke sprechen mit der „Spielzeit“ über das Programm der kommenden Saison.

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Klaus Angermann ist der Chefdramaturg der Oper.

Hannover. Zum Auftakt ertönt meist ein kräftiges Startsignal: Womit eröffnen Sie in Ihren vier Sparten die neue Saison an der Staatsoper Hannover?

Klaus Angermann: Wir eröffnen am 2. Oktober mit „Tosca“, der vielleicht modernsten Oper von Giacomo Puccini, in ihrer Härte, in ihrer Knappheit, nach der lyrischen „Bohème“ ein überraschender Knaller. Obwohl das Stück ursprünglich während der napoleonischen Befreiungskriege spielt, ist es äußerst aktuell, denn es geht um ein totalitäres System: Wie verhält man sich unter solchen politischen Umständen? Welche Rolle spielt dabei die Kunst? Wird man als Künstler politisch, oder kann man einfach naiv für die Kunst leben? „Tosca“ ist bis heute ein Stück, das man auf verschiedenste Verhältnisse der Gegenwart übertragen kann.

Brigitte Knöß: Das Ballett wiederum wendet sich in eine ganz andere Richtung, mit dem Künstlerdrama „Der Kuss - Rodin und Claudel“. Auguste Rodin ging es nicht um Politik, sondern um die Leidenschaft und um das Leben. Beides bringt er in seinen Skulpturen zum Ausdruck, und es kristallisiert sich in der Beziehung zu Camille Claudel, die fünfzehn Jahre bestand. Claudel war ehrgeizig, wollte als eigenständige Künstlerin anerkannt werden. Als Frau war das schwierig - vor allem an der Seite eines solchen Mannes.

Christopher Baumann: In der Eröffnungspremiere der Jungen Oper im Ballhof, „Die Hoffmann Show“, herrscht TV total. Dieses Projekt machen wir mit dem Ensemble der Jungen Oper und 20 Jugendlichen aus Hannover, die etwas zu sagen haben darüber, was die Medien mit uns machen. Was passiert, wenn man vor eine Fernsehkamera tritt? Wie werden die Gefühle von Akteuren und Zuschauern manipuliert? Frei nach Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ geht es auch um das Selbstbild und das Bild, das man von anderen hat, um das Bild von der Liebe und seine Enttäuschungen. Die Jugendlichen tragen mit Gitarre, E-Bass und Schlagzeug auch ihre eigene musikalische Welt mit hinein, ebenso wie HipHop oder Breakdance als tänzerische Ausdrucksformen.

Swantje Köhnecke: Auch das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektorin Karen Kamensek startet mit einem klaren Zeichen in die Konzertsaison, mit einer Art Zeitzeichen. 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal, und das Programm des 1. Sinfoniekonzerts reflektiert das Jahr 1914 aus europäischer Perspektive: als dramatischer Auftakt ein sterbender Soldat in der Tondichtung „Fieber“ von Franz Lehár; dann die 5. Sinfonie des Dänen Carl Nielsen, den in seinem neutralen Heimatland die Grausamkeiten des Krieges tief, bis in seine Musik hinein, erschüttert haben. Und eine französische zweite Hälfte mit Werken von Maurice Ravel: sein Klavierkonzert für die linke Hand, das er für einen kriegsversehrten Pianisten geschrieben hat, und die Tondichtung „La Valse“ als Untergang des Walzers, als Abgesang des 19. Jahrhunderts, als Kulturdämmerung.

1914 - das ist offenbar auch ein gutes Stichwort für die zweite Ballettproduktion: ein Auftragswerk an den italienischen Choreografen Mauro Bigonzetti zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, der 1914 entstanden ist.

Knöß: Genau. Es ist eine Uraufführung und deshalb heute schwer zu sagen, wie es im März 2015 auf die Bühne kommen wird. Selbstverständlich ist Franz Kafkas „Prozess“ eine starke Vorgabe. Mauro Bigonzetti ist uns als Choreograf bekannt, der auf die Gefühlsebene zielt. Kafkas Josef K. ist ein anderer Typ, als die Figuren, die wir aus Bigonzettis bisherigen Balletten kennen. Was wird er aus dieser Vorlage machen? Die Richtung ist durch den Roman angelegt, aber das Ziel ist noch offen.

Mit literarischen Vorlagen beschäftigt sich auch die Oper, nach dem Ballett „Wahlverwandtschaften“ geht es in dieser Saison noch zweimal um Goethe.

Köhnecke: Das stimmt. Goethe begegnet uns einmal mit Jules Massenets „Werther“ in der Inszenierung eines Regisseurs, der in Hannover bislang für seine Musicalabende geschätzt ist: Bernd Mottl. Den „Faust“ hingegen erleben wir konzertant: Arrigo Boitos „Mefistofele“ wird den deutschen Leser überraschen: Neben „Faust I“ vertont Boito auch Auszüge aus „Faust II“, sehr eng am Text, aber die Musik trägt viele geflügelte Worte in ganz andere Sphären.

In der Jungen Oper steht auch ein Klassiker auf dem Spielplan: Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“.

Baumann: Eine wunderbare Geschichte: Zwei Freunde finden darin eine Kiste, auf der „Panama“ geschrieben steht, und das weckt in ihnen das Fernweh. Sie machen sich auf den Weg und denken am Ende ihrer Reise, sie hätten von einem Baumwipfel aus Panama gesehen. Doch dann entdecken sie, dass es ihre eigene Hütte am Fluss ist, und stellen fest: Das Reisen war wichtiger als das Ankommen in „Panama“.

Köhnecke: Auf eine Reise wird auch das Konzertpublikum im 2. Sinfoniekonzert geschickt: Zum ersten Mal steht ein Gastorchester auf der Bühne unseres Opernhauses, das Orchestra della Toscana aus Florenz, mit einem schön gemischten Programm aus Zeitgenössischem, Wiener Klassik und einem ganz spätromantisch-süffigen Schönberg. Es gibt eine Partnerschaft zwischen beiden Orchestern, 2016 wird das Niedersächsische Staatsorchester Florenz den Gegenbesuch abstatten. Und die Konzertabonnenten können ihr eigenes Orchester beim 3. Sinfoniekonzert dann wieder mit neuen Ohren hören.

Knöß: In unserem letzten Ballett, „Paradiso“, geht es im weitesten Sinne auch um eine Reise, denn das Paradies ist immer das verlorene Glück, nach dem man sucht. Aber jeder findet sein Paradies woanders. Mit Italien hat es auch zu tun, nicht zuletzt, weil die Musik von Giovanni Sollima stammt. Dessen Werke verwendete Jörg Mannes bereits in früheren Choreografien. Dieses Mal wird es unter anderem eine Neukomposition speziell für diesen Abend geben.

Sieben Uraufführungen hat Intendant Michael Klügl im Vorwort des aktuellen Spielzeitheftes angekündigt. Warum musste eine davon verschoben werden?

Angermann: Hin und wieder passiert es, dass ein Stück nicht rechtzeitig fertig wird. So geschah es mit der geplanten Opern-Uraufführung „Lot“, die um ein Jahr verschoben wird. Als Ersatz ist erst kurz vor den Ferien „Caligula“ von Detlev Glanert auf den Spielplan gekommen, als erste deutsche Neuproduktion nach der Uraufführung 2006. „Caligula“ ist ein politisches Stück, in dem es um einen extremen Tyrannen geht. Die Vorlage von Albert Camus aus den 1930er-Jahren war ein Reflex auf den Stalinismus und Faschismus, aber Camus behandelt dieses Thema auf eine philosophische, existenzialistische Art. Er zeigt einen Menschen, der durch die Konfrontation mit einem traumatischen Erlebnis, dem Tod einer geliebten Person, die Sinnhaftigkeit des Lebens in-frage stellt und sich in verzweifelter Hybris zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt. Doch Caligula hat nicht begriffen, dass man auch sich selber zerstören muss, wenn man alles zerstört. Ich finde das eine spannende Art, mit diesem Thema umzugehen. Und Glanert hat eine wahnsinnig sinnliche, zupackende Musik dazu geschrieben.

Baumann: In der Jungen Oper sind von vier Produktionen drei Uraufführungen. Das ist eine wichtige Grundlage unserer Arbeit: Werke in Auftrag zu geben, neues Repertoire für junge Leute zu schaffen und nicht immer wieder dasselbe zu recyceln. Da geht es immer wieder um das Erzählen an sich. Die Erfindungsgabe, die Fantasie hebt das Leben über den Alltag hinaus. In der letzten Uraufführung erleben wir mit Münchhausen den Lügenbaron, dessen Geschichten auf der Bühne gegenwärtig und durch die Musik „wahr“ werden.

Knöß: Im Ballett sind Uraufführungen ja fast an der Tagesordnung, in dieser Saison alle drei Produktionen. Das ist für die Beteiligten spannend, auch für das Publikum, das sich nicht darauf einstellen kann, was es erleben wird. Das ist wie frisches Brot: man muss es probieren.

Eine letzte Frage: Worauf freuen Sie sich am meisten in den kommenden elf Monaten?

Baumann: Auf das Musical „How to Succeed in Business Without Really Trying“ von Frank Loesser, ab 25. Oktober im Opernhaus: mit einer neuen deutschen Übersetzung, einer temporeichen Textfassung und einem in Hannover sehr bekannten und beliebten Regisseur: Matthias Davids. Nicht zu vergessen das brandaktuelle Thema: Jemand arbeitet sich an die Spitze, ohne kompetent zu sein!

Angermann: Sehr gespannt bin ich auf „Die Fledermaus“. Eine der besten Operetten, finde ich, inszeniert von Martin G. Berger, der ein intelligenter Entertainer ist. Und diese Verbindung von Intelligenz und Entertainment ist genau richtig für diese doppelbödige Operette.

Knöß: Auf unsere erste Produktion „Der Kuss“ bin ich besonders neugierig: Jörg Mannes wird zum ersten Mal musikalisch ganz neue Wege beschreiten, mit Musik von Michael Nyman, John Adams, Sergei Rachmaninow. Interessant, was das choreografisch bewirken wird.

Köhnecke: Also, wenn ich ein Konzert herausgreifen soll, dann nehme ich das 4. mit seiner Klammer von Rossinis vergnüglicher „Wilhelm Tell“-Ouvertüre und Schostakowitschs 15. Sinfonie. Sie ist der Schlussstein eines gewaltigen sinfonischen Œuvres, das wie kaum ein anderes das sowjetische Jahrhundert widerspiegelt und zugleich viele Schlaglichter in die europäische Musikgeschichte wirft. Davor Janáeks Suite aus seiner Oper „Das schlaue Füchslein“, im Alter von 70 Jahren mit neugierigem Geist und ganz eigener Sprache geschrieben, die weit in die Moderne hineinweist.

Angermann: Es ist wirklich schwer, sich zu entscheiden! Wenn man einen Spielplan macht, ist die erste Frage: Was möchte ich selbst gerne sehen und hören? Dann erst folgen pragmatische Überlegungen. Ich glaube, uns ist ein vielfältiges Programm gelungen, und wir schauen mit großer Vorfreude auf alles, was da kommt.

Die ersten Premieren und Konzerte

Donnerstag, 2. Oktober, 19.30 Uhr:

Tosca

Oper von Giacomo Puccini

Sonntag, 12., und Montag, 13. Oktober:

1. Sinfoniekonzert

Werke von Franz Lehár, Carl Nielsen, Maurice Ravel

Sonnabend, 25. Oktober, 19.30 Uhr

How to Succeed in Business Without Really Trying

Musical von Frank Loesser

Sonnabend, 16. November, 19.30 Uhr, Ballhof Eins

Die Hoffmann Show

Jugendprojekt nach Jacques Offenbach, ab 14 Jahren

Sonnabend, 22. November, 19.30 Uhr

Der Kuss – Rodin und Claudel (Uraufführung)

Ballett von Jörg Mannes

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