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Vom Taschenbuchverlag zur Premium-Marke

50 Jahre dtv Vom Taschenbuchverlag zur Premium-Marke

Im Sommer 1961 tauchen in vielen deutschen Großstädten und Buchhandlungen Plakate auf: „dtv – ein neuer Typ des deutschen Taschenbuches“ ist dort zu lesen. Neuartig wirkt tatsächlich einiges: Erstmals haben sich in der Bundesrepublik elf renommierte Verleger zusammengetan, um ihre Hardcover unter einem gemeinsamen Dach als ­Taschenbücher herauszugeben.

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Quelle: dpa

Neu an diesem Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) ist auch die selbstbewusste, großflächige Werbung, mit der sich das Unternehmen präsentiert.

Und progressiv ist die Gestaltung der Bücher: Der Schweizer Grafiker Celes­tino Piatti verpasst den Bänden ein einheitliches Erscheinungsbild. Weißer Deckel, farbige Zeichnung, schwarze Schrift – das erkennt fast jeder Leser bald als „typisch dtv“, und zahlreiche Leser haben noch heute viele jener weißen Taschenbücher im Regal stehen.

Gleich mit dem ersten Band, Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“, gelingt dem neuen Haus ein Erfolg. Mehr als eine Million Mal hat sich Bölls Reisebericht bis heute bei dtv verkauft. Es ist einer der vielen Erfolgstitel des Münchener Verlags, der in den Anfangsjahren hohe Auflagen mit Büchern von ­Siegfried Lenz und Ephraim Kishon, von Alfred Döblin und James Joyce erzielt.

Damals profitierte dtv davon, dass bei den elf Gesellschaftern – darunter der Hanser Verlag, Piper, Kiepenheuer & Witsch und C. H. Beck – renommierte Autoren erschienen, deren Titel sich in der Zweitverwertung als preiswerte Taschenbücher gut verkaufen ließen. Zumal der Verlag entschieden am Imagewandel des Paperbacks mitarbeitete. Als „Taschenbuch für Anspruchsvolle“ bewarb er seine Produkte etwas großspurig und präsentierte tatsächlich Literatur für den gehobenen Geschmack: Kurz nach Gründung gab dtv die ersten Ausgaben einer 45-bändigen Goethe-Gesamtausgabe heraus, erstmals erschien Goethe im Taschenbuch.

Von Anfang an legte der erste dtv-Verleger Heinz Friedrich das Programm breit an. Neben der Belletristik erschienen zum Beispiel die Reihe „dtv dokumente“ und Nachschlagewerke wie der berühmte „dtv-Atlas zur Weltgeschichte“ (Gesamtauflage dieser Originalausgabe: fünf Millionen), aber auch zweisprachige Ausgaben von Romanen, Gedichten und Erzählungen sowie Texte im Großdruck. Später kamen auch Kinderbücher bei dtv heraus.

dtv hat zahlreiche Leserbiografien geprägt. Die weißen Bände galten als Garant für solide, nicht unbedingt revo­lutionäre Titel. Die Taschenbücher der „edition suhrkamp“ in den sechziger, siebziger Jahren stießen wichtige Debatten an; und auch Rowohlt mischte sich mit innovativen Reihen wie „rororo aktuell“ oder „rororo neue frau“ in damalige Diskussionen ein. So gesellschaftskritisch war man bei dtv nicht.

An dem 50-jährigen Unternehmen lässt sich jedoch der Wandel der deutschen Verlagslandschaft ablesen. Mehrere der ersten Gründungsgesellschafter sind mittlerweile abgesprungen – zum Beispiel, weil sie aufgekauft wurden und ihre Titel seitdem in konzerneigenen Taschenbuchabteilungen verwerten. Aktuell sind nur noch Hanser, C. H. Beck, die Ganske-Gruppe, zu der Hoffmann und Campe gehört, sowie der Oetinger Verlag als Gesellschafter mit dabei. Die Hard­cover dieser Verlage erscheinen aber nicht automatisch als Taschenbuch bei dtv. „Wir müssen die marktüblichen Preise für Lizenzen zahlen“, sagt dtv-Sprecher Thomas Zirnbauer, „haben aber eine Art Vorkaufsrecht.“

Dennoch erscheint etwa Philip Roth, der in Deutschland bei Hanser heraus­gegeben wird, im Taschenbuch bei rororo, wo traditionell viel amerikanische Literatur verlegt wird. Zugleich kauft dtv auch die Rechte von Büchern ein, die nicht in einem der Gesellschafter-Verlage erstveröffentlicht sind.

Taschenbuchlizenzen machen bei dtv nur noch die Hälfte des Programms aus, die andere Hälfte bestreiten Original- und deutsche Erstausgaben. Die erscheinen in der „Premium“-Reihe, die Wolfgang Balk, seit 1996 Verlagsleiter, aufgebaut hat. Die Bände – hochwertig gemachte Paperbacks, die nicht mehr in Weiß gestaltet sind – zählen nach einigen Anlaufschwierigkeiten mittlerweile zu den Lieblingen der Buchhändler und Leser. Unter dem „Premium“-Label sind Bücher des Ungarn Antal Szerb erschienen, den dtv damit für Deutschland (wieder-)entdeckt hat, und auch Romane der Britin Marina Lewycka („Die Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“) oder der Französin Muriel Barbery („Die Eleganz des Igels“). Prächtig verkaufen sich auch die „Premium“-Autoren Dora Heldt und Jussi Adler-Olsen. Der Däne, dessen Krimis „Erlösung“ und „Schändung“ gerade ganz oben auf den Bestsellerlisten stehen, hat in Deutschland mehr als zwei Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. In Zeiten, in denen sich der Buchmarkt und die Käufer auf einige wenige Spitzentitel konzentrieren, ist solch ein Autor Gold wert.

Im vergangenen Jahr brachte dtv es auf einen Umsatz von 54 Millionen Euro; das Unternehmen beschäftigt 120 Mitarbeiter – in der mittelständisch geprägten Verlagslandschaft sind das sehr gute Zahlen.

Damit das so bleibt, versucht dtv, sich auf die Veränderungen des Buchmarkts einzustellen. Auch in dem Münchener Haus erscheinen wichtige Titel als E-Book, als elektronisches Buch. Außerdem experimentiert man bei dtv mit Möglichkeiten, das E-Book anzureichern. Diese sogenannten enriched oder enhanced ­E-Books bieten neben dem Text Filmeinspielungen, Autoreninterviews oder Verweise auf andere Titel. Ob sich diese angereicherten Bücher tatsächlich auf dem Markt durchsetzen, ist noch die Frage. Sicher aber scheint: Verpassen wird dtv solch eine Entwicklung kaum.

Martina Sulner

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