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Vom Theatergeschäft in die Stiftungsarbeit

Interview mit Lavinia Francke Vom Theatergeschäft in die Stiftungsarbeit

Erst befand sie sich als Geschäftsführerin des Festivals Theaterformen in der Rolle der Kulturproduzentin. Nun ist sie zu den Kulturförderern gewechseln - in die Stiftung Niedersachen. Ein Interview über den Seitenwechsel mit Lavinia Francke.

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Quelle: katrin ribbe

Früher haben Sie als Geschäftsführerin des Festivals Theaterformen bei Stiftungen um Geld angefragt, nun leiten Sie selber eine renommierte Stiftung. Wie fühlt sich der Seitenwechsel an?

Das Stiftungsgeschäft ist für mich nicht neu. Bevor ich Geschäftsführerin des Festivals Theaterformen war, habe ich neun Jahre lang in leitender Position bei der Kulturstiftung des Bundes gearbeitet. Ich gehörte ab 2001 zum Gründungsteam der Stiftung. Wir waren damals in Berlin in der besonderen Situation, eine Institution inhaltlich, organisatorisch und personell neu aufbauen zu dürfen. Die Stiftung Niedersachsen gibt es seit fast 30 Jahren, und ich habe hier in der Geschäftsstelle fertige und gut funktionierende Strukturen vorgefunden. Das ist natürlich etwas ganz anderes. Ich kann aber sagen, dass ich beide Seiten kenne: die der Kulturproduzenten und die der Kulturförderer.

Das heißt: Sie wissen auch, wie das ist, wenn man mit Taschen voller Geld bei den Bedürftigen auftaucht?

Ja, ich kenne natürlich diese Situation, auch wenn ich nicht von ,Bedürftigen’ sprechen würde. Es gehört zur Professionalität von Kulturleuten, den Kontakt zu den Repräsentanten von Stiftungen zu suchen.

Die machen das ja auch nicht zum Spaß. Für viele Kulturinstitutionen in Niedersachsen ist die Förderung durch die Stiftung Niedersachsen lebensnotwendig.

Genau. Und dieser Verantwortung sind wir uns hier auch alle bewusst. Wir betreiben nachhaltige kulturelle Standortförderung in Niedersachsen. Dabei sehen wir uns durchaus als europäische Regionalstiftung. Wir wollen einerseits dafür sorgen, dass Kunst und Kultur aus Niedersachsen in die Welt geht, andererseits aber auch dafür, dass die Welt nach Niedersachsen kommt.

Das klingt so, als ob man sich in den kulturellen Leuchttürmen des Landes jetzt ganz besonders freuen kann. Was ist mit der kleinen Kultur, die im Schatten der Leuchttürme steht?

Diese Stiftung ist vor fast dreißig Jahren mit einem klaren Bekenntnis zur Exzellenzförderung und zur Verbundenheit mit den Leuchttürmen des Landes und ihren großen Projekten angetreten. Unter meinem Vorgänger Joachim Werren ist die Kulturförderung der Niedersächsischen Lottostiftung dann auf die Stiftung Niedersachsen übertragen worden. So kam es zu einer Erweiterung des Aufgabenspektrums. Seitdem gehören auch Freies Theater und Soziokultur zu unseren Förderschwerpunkten. Das heißt: Die Stiftung Niedersachsen kümmert sich gleichermaßen um die Leuchttürme und um die kleinen freien Initiativen. Es ist ein Paradies der Vielfalt, das ich hier vorfinde.

Die einen nennen es Paradies, andere würden vielleicht von einem schwierigen Spagat sprechen.

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich empfinde es als große Bereicherung. Denn beides gehört zusammen, das eine kann es nicht ohne das andere geben, beide Seiten lernen und profitieren voneinander.

Und die einen haben das Gefühl, im Schatten der andern zu sein. Neben den Leuchttürmen fallen die kleinen Initiativen vielleicht gar nicht weiter auf.

Offen gestanden halte ich das für eine ideologische Kontroverse von gestern. Die Unterscheidung von bürgerlicher Hochkultur auf der einen und Soziokultur auf der anderen Seite kommt aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, sie ist in dieser Form heute nicht mehr zeitgemäß. Schauen Sie sich nur die großen Museen und die Staatstheater an: Sie bemühen sich, neue Publikumsschichten zu erschließen und machen durchaus sozialkritische Projekte. Das Freie Theater ist inzwischen kein Gegentheater mehr, viele der Themen und Formate von dort haben Eingang in die großen Kulturinstitutionen gefunden. Das Theater der Experten des Alltags, das Rimini Protokoll als freie Gruppe entwickelt hat, hat längst auch die Stadt- und Staatstheater erreicht. Ein künstlicher Antagonismus zwischen bürgerlicher Kultur und Offkultur hilft aus meiner Sicht nicht weiter.

Wenn eine Stiftung wie die Stiftung Niedersachsen schaut, was jeder braucht, und das dann auch gibt, übernimmt sie Aufgaben staatlicher Kulturförderung. Entlassen Sie da nicht den Staat aus seiner Pflicht, sich um die Kultur zu kümmern?

Das tun wir nicht. Allein schon deswegen, weil wir dafür das Geld nicht haben. Das niedersächsische Kulturministerium hat derzeit einen Jahresetat von gut 200 Millionen Euro. Wir geben im Jahr etwa 4,5 Millionen Euro für Förderungen aus. Das heißt: Das, was wir tun können, ist immer nur additiv. Es dient dazu, dass die bestehenden Institutionen ihren Radius erweitern, vielleicht ein besonderes Thema aufgreifen oder ein neues Format ausprobieren können. Wir versuchen dabei, schnell, flexibel und serviceorientiert zu agieren und den Antragstellern beratend zur Seite zu stehen.

Denken Sie über neue Ansätze der Kulturförderung nach? Also vielleicht darüber, eher Youtuber zu fördern als Theaterleute?

Natürlich denken wir darüber nach. Aber Neues in der Kultur entsteht eben auch in den bestehenden Institutionen. Ein schönes Beispiel für eine Förderung, die Altes und Neues gleichermaßen umfasst, ist das „Kabinett der Abstrakten” von El Lissitzky. Da haben wir den Ankauf des Nachlasses und eine Buchpublikation gefördert sowie eine App zum Thema, die am Graduiertenkolleg in Braunschweig entwickelt wurde. Das ist eine Kombination, die mir sehr gut gefällt. Wir müssen natürlich darauf achten, dass wir nicht aktionistisch irgendwelchen Moden hinterherlaufen.

Wenn Ihnen die Nachhaltigkeit der Förderung wichtig ist, wie wichtig ist Ihnen denn die Nachhaltigkeit der Geldanlage? Wie sind die 60 Millionen Stiftungskapital angelegt?

Die sind sehr gut und eher konservativ angelegt. Mit dem Stiftungskapital generieren wir Erträge von etwa 1,3 Millionen Euro im Jahr. Damit allein könnten wir unsere Aufgaben also nicht erfüllen. Hinzu kommen aber die Mittel aus der Glücksspielabgabe in Höhe von 4 Millionen Euro jährlich, die uns gesetzlich zugewiesen sind.

Damit finanziert die Stiftung auch einige eigene Projekte, wie den Violinwettbewerb, den Spectrum-Fotopreis oder das Best-Off-Theaterfestival. Es ist ja eher ungewöhnlich, dass eine Stiftung auch als Kulturveranstalterin auftritt.

80 Prozent unserer Mittel fließen in Projekte, die wir auf Antrag fördern, 20 Prozent gehen in eigene Initiativen, die wir Programme nennen. Diese Programme der Stiftung gibt es zum Teil schon sehr lange. Den Joseph-Joachim-Violinwettbewerb etwa veranstaltet die Stiftung schon seit fast 25 Jahren. Der Wettbewerb trägt den Namen eines Ausnahmekünstlers aus Niedersachsen in die Welt, und er ist im Land sehr präsent und beliebt. Insofern kann er beides: Er hat Glanz und überregionale Ausstrahlung, und wir nutzen ihn für Projekte der Musikvermittlung und kulturellen Bildung in ganz Niedersachsen. Darüber hinaus gibt es aber auch jüngere eigene Programme im freien Theater und in der Soziokultur - wie das Festival Best OFF, das vom 21. bis 23. April zum dritten Mal stattfinden wird, im neu renovierten Kulturzentrum Pavillon.

Wird es weitere eigene Projekte der Stiftung geben?

Vor einer ganzen Weile gab es in der Stiftung den Versuch, stärker an gesellschaftspolitischen Standortbestimmungen teilzunehmen. So etwas in der Art würde ich gerne wieder aufnehmen. Ich finde es wichtig, dass wir uns im gesellschaftspolitischen Bereich und an den Grenzen von Kunst und Wissenschaft stärker engagieren.

Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Sehr gut gefällt mir der Studiengang ,Musik.Welt’ an der Universität Hildesheim. Hier wird interkulturelle Musikpädagogik vermittelt. Von den 30 neuen Studierenden, die wir dort im vergangenen Jahr aufgenommen haben, hat mehr als die Hälfte einen sogenannten Migrationshintergrund. Hier legt die Stiftung Niedersachsen ganz praktisch die Wurzeln für kulturelle Teilhabe in der Zukunft.

 

Zur Person: Lavinia Francke

Lavinia Francke ist seit November 2015 Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen. Sie wurde 1967 in Köln geboren, hat in Gießen, München und Montpellier Jura und Theaterwissenschaft studiert, war von 2001 bis 2009 bei der Kulturstiftung des Bundes und von 2010 bis 2015 Geschäftsführerin des Festivals Theaterformen.

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