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Kultur Vor 150 Jahren wurde Gustav Mahler geboren
Nachrichten Kultur Vor 150 Jahren wurde Gustav Mahler geboren
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20:42 06.07.2010
Der Komponist Gustav Mahler im Schicksalsjahr 1907, dem Todesjahr seiner Tochter. Quelle: dpa

Herr Bozic, sehen Sie gerne „Tatort“?
Zwischendurch gern einmal. Warum?

In den Folgen aus Münster hing hinter dem Schreibtisch von Jan Josefs Liefers‘ Gerichtsmediziner lange ein großes Foto von Gustav Mahler. Daraus kann man doch wohl schließen, dass dieser Komponist in Deutschland sehr populär ist ...
Er ist in den vergangenen Jahrzehnten wieder populär geworden. Aber eigentlich erstaunlich ist doch etwas anderes: Warum war Mahler zwischendurch überhaupt weg? Das ist eine schwierige Frage – zumindest, wenn man sie nicht nur politisch mit der Missachtung seiner Musik durch die Nazis erklären will. Zu Lebzeiten war Mahler ja mindestens genauso erfolgreich wie Richard Strauss. Beide haben sowohl als Komponisten wie auch als Dirigenten Maßstäbe gesetzt.

Man spricht ja noch heute von der Zusammenarbeit des Dirigenten Mahler mit dem Künstler Alfred Roller an der Wiener Hofoper. Mahler hat offenbar ein besonderes Gespür für Musiktheater gehabt – ohne je eine Oper komponiert zu haben. Gehört es vielleicht zum Erfolgsrezept, dass auch seine Sinfonien etwas Theatralisches haben?
Tatsächlich hat seine Musik einen starken Drang, die menschliche Stimme einzubinden. Insofern gibt es da schon eine Verbindung. Und sicher kann man dieser stark expressiven Musik eine gewisse Theatralik nicht absprechen – die dann allerdings immer wieder auf eine stille Innerlichkeit zurückgeführt wird. Von einer intensiven Beziehung zum Theater kann man aber sicher ausgehen – man darf nicht vergessen, dass Mahler pro Jahr weit mehr als hundert Opernvorstellungen dirigiert hat.

Ist seine Musik nicht sogar selbst eine Art Lebenstheater, das seine Biografie abbildet? Man hört ja oft von den Eheproblemen mit seiner Frau Alma oder den antisemitischen Vorwürfen, die schließlich seinen Rückzug aus Wien provozierten.
Ich glaube, seine Musik geht weit über den direkten Kurzschluss mit der Biografie hinaus. Manchmal ist das auch ganz einfach zu belegen: Mahler hat zwar tatsächlich ein Kind durch Krankheit verloren – aber die „Kindertotenlieder“ hatte er da schon längst komponiert. Trotzdem spielt manches sicher eine Rolle: Mahler hatte zum Beispiel viele Geschwister, ich glaube 13, und bis auf zwei sind alle vor ihm gestorben. Der Tod war ein Kindheitserlebnis für ihn. Das gilt auch für das Empfinden von Schmerz. Zugleich gibt es bei Mahler immer die Hoffnung auf ein Weiterleben. Darum ist auch der Choral am Ende der zweiten Sinfonie weniger Frömmigkeit als eine Art Postulat: Du musst auferstehen!

Zu diesem Choral gibt es ja auch eine konkrete Geschichte: Angeblich hat er ihn während eines Begräbnisses gehört und sofort die Idee dieses Satzes vor Augen gehabt.
Und doch hat er den Klopstock-Choral nicht eins zu eins verwendet. Das dauernde Bearbeiten und Verarbeiten ist bei Mahler Prinzip. Es gibt keine Reprise, bei der auch nur ein Stein auf dem anderen bleibt. Mahler hat sein musikalisches Material unglaublich stringent genutzt. Das betrifft auch die vielen Märsche, die er verwendet hat – niemand außer ihm hat diese Militärmusik so doppelbödig komponiert. Da kann es schon sein, dass das Kindheitserinnerungen aus dem Regimentsstädtchen sind, in dem er aufgewachsen ist.

Überhaupt gibt es viele folkloristische Elemente in seiner Musik. Ist das etwas typisch Österreichisches?
Mahler hat gesagt, in Wien sei er der Böhme, in Deutschland der Österreicher und auf der ganzen Welt der Jude. Ich glaube nicht, dass das Koketterie war, er hat schon ein Gefühl von Heimatlosigkeit empfunden. Auf der anderen Seite hat jemand wie Adorno in Mahlers Musik die von aller Dumpfheit des Heimeligen gereinigte Wiederkehr des Österreichischen erkannt. Wenn man das ein bisschen einfacher ausdrücken will, finden sich eben bei ihm viele volkslied­nahe Elemente – ohne Schnörkel, dafür mit Verfremdungen.

Mahlers Musik gilt gemeinhin als großformatig und laut. Sie dagegen nennen sie stringent und schnörkellos.
Die Musik ist keinesfalls immer gigantomanisch. Sie ist manchmal auch ganz zurückgenommen. Trotz des sehr großen Orchesterapparats klingt sie oft sehr klar und raffiniert.

Ist das ein Grund, warum Komponisten wie Schönberg und Webern Mahler immer wieder als zukunftsweisenden Komponisten bezeichnet haben?
Genau, es ist eben gerade nicht die Opulenz des Jugendstils, die diese Leute zur totalen Hingabe an diesen Komponisten gebracht hat. Mahler kann groß sein, acht Trompeten und ein wilder Chor. Aber es ist nie überwuchert von Ornamenten. Seine Musik ist effektvoll, aber der Effekt ist Ergebnis einer Aussage. Wenn man allein die Instrumentation anschaut: Sie ist sauber und immer durchhörbar. Dazu kommt, vor allem in den beiden letzten Sinfonien, eine Harmonik, die die Grenzen der Tonalität verlässt und die Tür zur Zwölftonmusik öffnet. Mahler gehört damit heute zum unumstrittenen Kanon der bürgerlichen Musikwahrnehmung. Bei Webern oder Alban Berg trifft das leider noch nicht zu – ihre Musik gilt oft immer noch als zu modern. Das ist eigentlich völlig verrückt.

Können Sie sich vorstellen, dass der Schritt von Mahler zu Schönberg jetzt, da die Mahler-Renaissance im Zenit steht, endlich auch vom Publikum nachvollzogen werden kann?
Das wäre wünschenswert, und ich könnte mir das auch absolut vorstellen. Mahler steht ja schon an der Schwelle – und Schönberg, Berg und Webern sind nur ein Stückchen weitergegangen. In der Musik orientieren wir uns inzwischen ja leider vor allem rückwärts, bei der Musik unserer eigenen Zeit sind wir noch gar nicht angekommen. Wir haben noch ein ganzes Jahrhundert aufzuarbeiten.

  • Wolfgang Bozic stammt wie Gustav Mahler aus Österreich. Der 62-Jährige ist Generalmusikdirektor in Hannover. Zum Amtsantritt hat er sich 2006 mit der fünften Sinfonie von Mahler vorgestellt, beim Abschied 2011 steht die zweite auf dem Programm.

Interview: Stefan Arndt

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