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Wie reformfähig ist der Oscar?

Verleihung des Filmpreises Wie reformfähig ist der Oscar?

Noch ist der Oscar der begehrteste Filmpreis der Welt. Nachdem aber wieder nur weiße Menschen für die Auszeichnung nominiert wurden, wächst der Unmut über die vielen weißen, alten Männer in der Filmakademie.

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Vorbereitung auf die 88. Oscarverleihung: Statuen vor dem Dolby Theatre in Hollywood (USA).

Quelle: PAUL BUCK/dpa

Los Angeles. Oscar hat sich einer Verjüngungskur unterzogen. Pünktlich zu seiner 88. Verleihung an diesem Sonntag kommt er im leicht abgewandelten Look daher. Der goldene Ritter auf seiner Filmspule orientiert sich einerseits nun wieder stärker an der Originaltrophäe von 1929, andererseits stammt das aktualisierte Modell aus dem 3-D-Drucker. So einfach lassen sich Tradition und Moderne verbinden – jedenfalls, wenn es um die rund 35 Zentimeter hohe und vier Kilogramm schwere Statue geht.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences dagegen, verantwortlich für den Oscar, hat größere Schwierigkeiten, sich im 21. Jahrhundert rundzuerneuern. Bereits im zweiten Jahr in Folge tauchen beim begehrtesten Filmpreis der Welt nur weiße Schauspieler und Regisseure auf den Nominierungslisten auf. Mancher fragt sich, wie viel unterschwelliger Rassismus da wohl im Spiel ist.

George Clooney reift zum Elder Statesman

Zwischenzeitlich wurde gar zur Revolte aufgerufen, sprich: zum Boykott. Aber jetzt bleiben wohl doch nur die Sitzplätze von Spike Lee, Will Smith nebst Gattin und ein paar anderen leer. Wer lässt auch schon ausgerechnet jenes Hochamt der Filmbranche ausfallen, für die Hollywoodstudios nach Schätzung der Zeitschrift „Variety“ bereit sind, bis zu zehn Millionen Dollar für Lobbyarbeit auszugeben, wenn ein Oscar in der Königskategorie „Bester Film“ herausspringen könnte? Da wird das Erscheinen für jede Fachkraft zur Pflicht.

Das Gegrummel seit der Kandidatenbenennung im Januar ist aber keineswegs verstummt. Längst wird auch nicht mehr allein die Unterrepräsentation von schwarzen Schauspielern gebrandmarkt. Genauso seien Latinos und Frauen die Leidtragenden, hat George Clooney beklagt, der nicht erst seit seinem Merkel-Besuch bei der Berlinale zum Elder Statesman heranreift. „Wir müssen das besser machen, wir waren schon mal besser“, so Clooney.

Mehr Frauen, mehr Minderheiten

Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs, einzige Afroamerikanerin im Vorstand, ist bereits dabei, es besser zu machen. Sie hat „historische Maßnahmen“ versprochen, um die Zahl von Frauen und Minderheiten bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Das bisherige lebenslange Stimmrecht der Mitglieder wird demnach zunächst einmal auf zehn Jahre beschränkt. Böse gesagt: Künftig sollen über die Preise weniger Greise abstimmen, die schon lange kein Kino mehr von innen und keine Kamera von vorn gesehen haben.

Bei der reichlich undurchsichtigen Berufung neuer Mitglieder soll das Augenmerk auf Minderheiten gerichtet werden. Bislang ist die Aufnahme in den exklusiven Klub stark an die Oscar-Nominierung geknüpft. Das hat Folgen: Werden nur wenige Vertreter von Minderheiten gepriesen, rücken auch nur wenige aus deren Reihen nach.

Die Grammys machen es vor

Ob die Reformen reichen? Bislang schweigt sich die Academy über ihre Zusammensetzung aus. Die „New York Times“ hat 2012 mal nachgerechnet: Nach ihren Recherchen sind von den rund 7000 Mitgliedern 94 Prozent weiß, 77 Prozent männlich, und das Durchschnittsalter liegt bei 62 Jahren.

Die Oscar-Vergabe scheint in Gefahr, den Anschluss an die heutige Gesellschaft zu verlieren, von der die aktuell interessantesten Filme erzählen – siehe das Journalistendrama „Spotlight“ oder die Wall-Street-Satire „The Big Short“. Die Grammys beispielsweise sind da weiter: Der Afroamerikaner Kendrick Lamar hat jüngst allein fünf Trophäen abgeräumt, was manch hämischen Seitenblick auf die Oscar-Vergabe nach sich zog.

Ritter aus einer vergangenen Epoche

Klar ist aber auch, dass die in die Kritik geratene Oscar-Show nur das Symptom einer grundlegenden Fehlentwicklung darstellt: Das eigentliche Problem seien die Studios, in denen weiße Männer über die Inhalte und die Besetzung von Filmen entschieden, hat der schwarze Regisseur Lee gesagt. Im Vorjahr bekam er den Ehren-Preis fürs Lebenswerk – keiner seiner Filme (zum Beispiel „Malcolm X“) ist je mit einem Oscar gewürdigt worden. In seiner Rede verteilte Lee ordentlich Salz in der Wunde: Es sei leichter, als Schwarzer US-Präsident zu werden als Boss eines Filmstudios.

Beinahe ebenso schwer scheint es zu sein, als Regisseurin angeheuert zu werden: Die „Los Angeles Times“ hat herausgefunden, dass 2014 nicht einmal fünf Prozent aller Studiofilme von einer Frau inszeniert wurden. Inzwischen untersucht die US-Gleichstellungsbehörde EEOC die Einstellungspraxis in Hollywood.

Noch verfügen die Oscars über eine ungebrochene Attraktivität. Es könnte aber gut sein, dass die bislang so reformresistente Academy gerade ihren Alleinvertretungsanspruch riskiert. Die Streamingdienste und auch die Fernsehsender sind bei der Besetzung ihrer Eigenproduktionen lange nicht mehr so männlich-weißhäutig wie die Hollywoodstudios. Der stolze Ritter steht für eine Epoche, deren Glanz stumpf geworden ist. Facelifting hin oder her.

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