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„Es kommt darauf an, sich nicht wegzuducken“

Siegbert Warwitz im Interview „Es kommt darauf an, sich nicht wegzuducken“

Sogar Abenteuerreisen sind organisiert und in jeder Hinsicht versichert. Mehr Mut zum Mut empfiehlt: Wagnisforscher Siegbert Warwitz im Interview mit HAZ-Redakteur Ronald Meyer-Arlt.

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Symbolbild

Quelle: dpa

Die Niedersächsischen Musiktage haben in diesem Jahr „Abenteuer“ zu ihrem Motto erkoren. Das Literaturfest Niedersachsen, das sich dem selben Thema widmet, hat Sie als Referenten eingeladen. Am 13. September sind Sie in Bad Essen zu Gast, um über den „Sinn des Wagens“ zu sprechen. Sie als Wagnisforscher werden wohl ein Loblied auf das Wagen singen. Oder?
Ja und nein. Wenn man Wagnis richtig versteht, dann singe ich ein Loblied. Denn ein Wagnis ist ethisch fundiert, hat wertvolle Zielsetzungen und kann die Entwicklung der Persönlichkeit fördern. Das ist das Positive. Kein Loblied werde ich allerdings auf die Gleichsetzung von Wagnis und Risiko, auf das pure Risikohandeln und den Nervenkitzel anstimmen.

Zur Person

Siegbert A. Warwitz ist Wagnisforscher. Der Experimentalpsychologe und Pädagoge befasst sich seit Jahrzehnten in Theorie und Praxis mit den Motiven, Sinnfragen und Konsequenzen von Risikohandeln und Wagnisverweigerung. Sein Credo: im Wagnis mehr die Chancen als die Gefahren sehen. Er ist Gast beim Literaturfest Niedersachsen, das sich in diesem Jahr dem Thema „Abenteuer“ widmet. Am Sonntag, 13. September, ist Warwitz beim Literaturfest zu Gast. Um 17.30 Uhr diskutiert er mit dem Schriftsteller Bruno Preisendörfer in Bad Essen über den „Sinn des Wagens“.

Wieso unterscheiden Sie zwischen Wagnis und Risiko? Schließlich gibt es doch kein Wagnis ohne Risiko.
Das ist richtig. Aber es sind zwei verschiedene Aspekte. So gibt es zwar kein Wagnis ohne Risiko, aber durchaus Risiko ohne Wagnis. Immer wenn eine menschliche Entscheidung dazukommt, ein Risiko einzugehen, wird es zum Wagnis. Das Wagnis hat zwei Aspekte: Es ist eine gefährliche Situation, in der man scheitern kann, aber es hat eben auch den menschlichen Aspekt: ob jemand überhaupt bereit ist, sich in eine solche Situation zu begeben.

Das kann auch sehr unvernünftig sein.
In der Tat. Vernünftig ist es nur, solange ich abwäge, ob es sinnvoll ist, diese gefährliche Situation einzugehen. Wagen hat mit abwägen zu tun. Ohne eine ethische Basis ist wagen wertlos. 

Derzeit ist es bei jungen Leuten beliebt, Risiko-Videos ins Netz zu stellen. Sie balancieren ungesichert auf Kranauslegern, machen Handstand an den Dachkanten von Hochhäusern oder zeigen per Helmkamera, wie es ist, als Vogelmensch durch Felsspalten zu fliegen. Wie finden Sie das?
Man muss zwischen Risikosport und Wagnissport unterscheiden. Beim Risikosport wird ums Glück und ums Leben gespielt. Wingsuitfliegen etwa ist kein Wagnissport mehr, sondern ein Risikosport. Denn der Springer, der zwischen zwei Felsen hindurchfliegen will, kann gar nicht abschätzen, ob ihm sein Vorhaben gelingt. Es braucht nur eine kleine Böe zu kommen, und er verunglückt. Er ist dem Schicksal ausgeliefert. Das Abwägen zwischen Gewinn und Verlust funktioniert hier nicht richtig.

Aber ist nicht der Kick, den der Flieger erfährt, besonders hoch, wenn auch das Risiko besonders hoch ist?
Das mag sein, aber ein Wagnis sollte man nur eingehen, wenn man sich in kleinen Schritten vorgetastet hat. Es ist ein Unterschied, ob ein trainierter Extremsportler etwas tut, oder ob ein Unerfahrener dasselbe tut. Ein Kick entsteht, wenn Anforderung und Leistung harmonieren.

Würden Sie angesichts der zunehmenden Zahl an Mutproben, die es im Internet zu sehen gibt, sagen, dass die Gesellschaft risikofreudiger geworden ist?
Nein, das sehe ich nicht. Einzelne junge Leute, die sich in unserer von Sicherheit geprägten Gesellschaft langweilen, tendieren sicherlich dazu, vermehrt Wagnisse einzugehen. Sie brauchen diesen positiven Stress, und sie brauchen den Flow. Aber es gibt ganze Gesellschaften – wie etwa die Griechen –, die sich schwertun, Reformen zu wagen. Ich möchte sagen, dass auch unsere deutsche Gesellschaft dem Risiko gegenüber eher abgeneigt ist. Man tendiert zur Sicherheit. Sogar Abenteuerreisen sind organisiert und in jeder Hinsicht versichert.

Ebenteuerlich: Musiktage und Literaturfest

Zwei Festivals, ein Motto: Am Sonnabend, 5. September, beginnen die Niedersächsischen Musiktage, vier Tage später startet das Literaturfest Niedersachsen. Beide Festivals widmen sich dem Thema „Abenteuer“.

Einer der populärsten deutschen Jazzmusiker, der Trompeter Till Brönner, eröffnet am 5. September im Dom zu Verden die Musiktage. Bis zum 4. Oktober gibt es rund 60 Konzerte in ganz Niedersachsen, einige davon auch in der Region Hannover: Die Schauspielerin und Musikerin Jasmin Tabatabai ist am 27. September mit dem David Klein Trio in Barsinghausen zu erleben. Das Concerto Köln kommt mit dem Programm „Über-Wunden“ am 17. September nach Hannover. Mit dabei ist Folkert Uhde als Sprecher. Zum Finale am 4. Oktober spielt das SWR Sinfonieorchester im hannoverschen Funkhaus.

Auch das kleiner dimensionierte Literaturfest Niedersachsen kommt nach Hannover: Zur Eröffnung am 9. September etwa präsentieren Charles Brauer, Christian Erdmann und der Hamburger Musiker WellBad unter dem Titel „Wilde Dichter“ eine Collage aus großen Abenteuerromanen der Weltliteratur. mia

Hat das auch etwas damit zu tun, dass ältere Menschen eher risikoscheu sind?
In der Tat: Die Jüngeren tendieren eher zur Wagnisbereitschaft. Sie sind dynamischer, sie wollen sich, ihre Grenzen und ihre Stärken kennenlernen. Deshalb machen schon Kinder Mutproben. Die Älteren wagen eher zurückhaltend, überlegter, weniger spontan, sie vermeiden Risiken oft aus Angst vor Misserfolgen.

Denen würden Sie aber wohl Mut zum Mut empfehlen?
Genau. Gerade Senioren empfehle ich, sich immer wieder Situationen zu stellen, in denen sie gefordert sind. Es gibt täglich viele Möglichkeiten, um Zivilcourage zu beweisen. Es kommt darauf an, sich einzumischen und sich nicht wegzuducken. Man kann täglich beweisen, dass man wagnisbereit ist. Das hat auch einen ganz konkreten Sinn: Eine Persönlichkeit reift erst, wenn sie sich der unsicheren Realität stellt. Wir sind noch keine Persönlichkeit mit der Geburt, wir müssen uns dazu erst entwickeln. Dazu gehören Mut und Wagnisbereitschaft, und zwar in jedem Alter.

Wie könnte man Menschen zum Mut ermutigen?
Man muss ihnen klarmachen, dass sie ein verkürztes Leben leben, wenn sie von bestimmten Dingen nur träumen und nicht versuchen, ihre Träume zu realisieren. Anders gesagt: Wenn ich mich nie traue, mich aufzurichten, dann werde ich immer am Boden kriechen.

Sie selbst bemühen sich offensichtlich, nicht am Boden zu kriechen: Sie sind Bergsteiger und Pilot.
Ja, ich habe schon seit früher Jugend die Neigung, mich lohnenden Herausforderungen zu stellen.

Gab es dabei auch gefährliche Situationen, in denen Sie sich gewünscht haben, dieses Risiko besser nicht eingegangen zu sein?
Ja, die gab es. Ich bin zweimal abgestürzt, einmal mit dem Gleitschirm und einmal mit dem Hängegleiter. Beide Unfälle sind durch Fremdverschulden passiert, denn andere haben die Vorflugregeln nicht beachtet. Das hätte auch im Straßenverkehr geschehen können. Aber ich hatte mich abgesichert und hatte ein Rettungssystem dabei. Und beide Male hat der Fallschirm funktioniert. Das Fliegen ist hoch bereichernd, und es lohnte sich für mich, das Wagnis Fliegen auch danach weiter zu betreiben.

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