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So gut ist das neue Haarmann-Musical

Schauspiel Hannover So gut ist das neue Haarmann-Musical

Das Schauspiel Hannover plante ein Stück über den Massenmörder Fritz Haarmann. Die Aufregung war groß. Jetzt hatte Nis-Momme Stockmanns "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" Premiere. Und die Aufregung ist klein.

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Darf man das? Der dreifache Schriftsteller und der dreifache Intendant diskutieren.

Quelle: Kathrin Ribbe

Hannover. Ein Theater, das in der Stadt eine wichtige Rolle spielen möchte, muss seine Themen auch jenseits der Bühne zu inszenieren wissen. Das Schauspiel Hannover hat es darin in den vergangenen Wochen zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Klug getaktet gab es immer wieder Verlautbarungen über das nächste große Projekt des Hauses, das große Musical über den Massenmörder Fritz Haarmann. Mal suchte man Statisten, die als Haarmann-Doppelgänger auf der Bühne stehen sollten, mal ließ sich Intendant Lars-Ole Walburg im Sprengel Museum den berühmten Haarmann-Fries Alfred Hrdlickas zeigen, der dort im Depot verwahrt wird. Und immer gab es Berichte. Und Nachfragen, ob das denn wirklich sein müsse, das Haarmann singt und tanzt. Und ob ausgerechnet ein Musical die angemessene Form für den künstlerischen Umgang mit einem Serienmörder ist. Das Schauspiel Hannover hat im Vorfeld der Premiere von Nis-Momme Stockmanns Haarmann-Musical etwas geschafft, was ihm sonst eher selten gelingt: Es hat die Stadt ein bisschen aufgemischt. Es ist Stadtgespräch geworden.

Erste Fotos vom Musical über den Massenmörder Fritz Haarmann am Schauspielhaus Hannover. Es trägt den Titel "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso".

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Nun war die Uraufführung von „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ (der Titel erinnert Haarmanns Visitenkarten, das Detektivinstitut hat er als Arbietgeber angegeben) – und man fragt sich: Wozu eigentlich der ganze Rummel?

Im Zentrum der Revue steht nicht der Mörder Fritz Haarmann, sondern der Schriftsteller Nis-Momme Stockmann. Der diskutiert lange, sehr lange, sehr, sehr, sehr lange mit sich selbst, mit seinem Lektor und mit dem Intendanten, ob und wie man ein Stück über Fritz Haarmann schreiben kann. Es geht nicht um Haarmann, es geht nicht um Hannover (oder nur sehr wenig) es geht ums Theater. Warum man das überhaupt macht. Was man eigentlich sagen kann. Ob es ein Innen und ein Außen gibt. Die Kritik an diesem recht selbstreferentiellen Vorgang liefert Stockmann gleich mit.

Das klingt dann so: „Ich kann ihnen sagen: Ich bin gescheitert. An dem Musical zu Fritz Haarmann bin ich gescheitert. An dem Musical zum Scheitern am Musical zu Fritz Haarmann bin ich auch gescheitert.“ Der Intendant, der in dem Stück (wie auch der Dichter) gleich mehrfach auftaucht, sagt dem Dichter: „Deine Kulturkritik ist konstant davon bedroht eine selbstreferentielle Nabelschau zu werden, in der du dich mit nichts weiter auseinandersetzt als mit dir selbst. Und – keine Spitze – aber das ist jetzt wirklich nicht für jedermann interessant.“

Bie diesen Worten gab es Szenenapplaus. Kein gutes Zeichen.

Zwischen 1918 und 1924 hat Fritz Haarmann in Hannover mindestens 24 Jungen und Männer getötet.  Haarmann wurde auch „Vampir von Hannover“ genannt.

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Stockmann interessiert sich für Stockmann. Das ist sein gutes Recht. Und das passt auch auf die große Bühne – wenn ein gewitzter Reegisseur wie Lars-Ole Walburg die Sache in die Hand nimmt und mit hoch- und herunterfahrenden Podesten, mit Flugmaschinen, Bühnennebel und einem sanft sich senkenden Flittervorhang für visuelle Reize sorgt. Aber ein Musical braucht vielleicht doch mehr als Augenfutter. Es braucht auch mehr Emotionen als die Sorge eines Schriftstellers um seine Karriere oder das Leiden eines Theatermachers unter Sachzwängen. Es braucht mehr als die dünne These, dass im Theater auch mal bisher Ungehörtes formuliert werden soll.

Und es braucht ein paar gute Songs. Die liefern „Les Trucs“ hier leider nicht. Das, was die beiden Musiker des Ensembles beisteuern, klingt wie eine ganz, ganz harmlose Mischung von Kurt Weill und Abba, angerührt in den späten Achtzigern. Ausgesprochen harmlos.

Die Schauspieler (Jakob Benkhofer, Vanessa Loibl, Jonas Steglich, Beatrice Frey, Katja Gaudard, Silvester von Hösslin, Dominik Maringer) sprechen viel im Chor. Es sind immer viele Personen, die eine Figur spielen. Der unsicher wirkende junge Mann, als der der Schriftsteller hier auftritt, wird meist von den Damen, der deutlich robustere Intendant von den Herren gespielt. Ist das so richtig? Oder bedient das Theater hier nur dumpf irgendwelche Geschlechterklischees?

Man müsste mal ein Musical darüber schreiben.

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