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Warum kaufen Männer Sex – und Frauen nicht?

Interview mit Autorin Warum kaufen Männer Sex – und Frauen nicht?

Die Schriftstellerin Nora Bossong ist tief ins Rotlichtmilieu eingetaucht, um herauszufinden, warum Männer Sex kaufen und Frauen nicht. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch mit der Autorin.

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Wie ist ein Bett als Arbeitsplatz? Nora Bossong bei der Recherche.

Quelle: Peter-Andreas Hassiepen

Frau Bossong, für Ihren Reportageband „Rotlicht“ haben Sie sich ins Erotikgewerbe begeben. Was hat Sie an Orten käuflicher Lust interessiert?

Zum Beispiel, dass es Orte sind, die mir als Frau verborgen sind. Das Erotikgewerbe ist nach wie vor davon geprägt, dass Frauen Dienste anbieten und Männer sie kaufen. Ansonsten ist dieser Bereich Frauen nahezu verschlossen. Das ist bemerkenswert. Immerhin wird dort ja nicht mit 1. FC-Köln-Trikots gehandelt, sondern mit etwas Essentiellem. Das Rotlichtmilieu löst zudem bei den meisten Menschen eigene Bilder, Vorstellungen aus. Es ist als Fantasieraum nahezu omnipräsent. Zugleich gibt es diese Berührungsangst, Scham. Das schien mir seltsam aus der Zeit gefallen.

Die Amerikanerin Emily Witt hat gerade das Buch „Future Sex“ geschrieben. Ein Titel von Margarete Stokowski heißt „Untenrum frei“. Beide sind Mitte 30, wie Sie. Warum interessieren sich Frauen Ihrer Generation so für Spielarten von Sex?

Ich denke, das Rotlichtmilieu ist für jede Generation interessant. Nehmen Sie Hubert Fichte. Der entstammte auch dem Schriftstellermilieu und erregte schon 1972 Aufsehen mit seinen „Interviews aus dem Palais d’Amour“. Der Unterschied ist: Heute schreiben Frauen darüber.

Warum?

Die Gleichberechtigung hat viel verändert. Aber das Rotlichtmilieu beherrschen noch dieselben Bilder wie vor 30 Jahren. Allein diese Stagnation ist interessant.

Sie sind für Ihre Reportagen sehr weit gegangen. Gab es eine extreme Erfahrung?

In einem Sexkino, in dessen Hinterräumen orgiastische Formen von Sex ausgelebt wurden, gab es Momente, in denen ich Angst um meinen Körper hatte, in denen ich dachte, selbst wenn ich hier Nein sage, komme ich nicht mehr heil heraus. Extrem fand ich aber auch, wie stark Frauen aus dem Gewerbe ihre Bedürfnisse negieren. Eine Prostituierte erzählte mir voller Stolz, dass sie selbst dann noch lacht, wenn sie eigentlich weinen muss. Sie lässt selbst schmerzhafte Sexualpraktiken widerstandslos über sich ergehen. Problematisch für sie schien es erst, wenn etwas ihren Mann eifersüchtig macht.

Was war Ihre überraschendste Erfahrung?

Ich hätte nie damit gerechnet, wie unangenehm mir der Prozess des Sex-Kaufens ist. Wir kaufen uns ja Dienstleistungen aller Art - und man kann auch fragen, ob es okay ist, jemanden dafür zu bezahlen, dass er eine fremde Toilette putzt. Es war eine bewusste Entscheidung, dass ich es war, die in einem Bordell für eine mögliche Stunde zu dritt mit einem Bekannten und einer Prostituierten 200 Euro auf den Tisch legte. Und es wurde mir in dem Moment bewusst, wie sehr es mir zuwider ist, eine Frau zu kaufen und sie damit zu zwingen zu tun, was ich will.

Sie beschreiben viele Ihrer Erlebnisse im Erotikgewerbe verstörend genau. Was in jenem Bordell zwischen Ihnen dreien passiert, lassen Sie weg. Warum?

Ja, stimmt. Die Tür fällt hinter uns zu und ich lasse offen, ob etwas passiert oder ob ich am Ende doch nur mit dem Aufnahmegerät dort sitze. Ich wollte eine Leerstelle schaffen, einen Raum, den der Leser mit seinen eigenen Bildern besetzt. Das ist das letzte Kapitel des Buches. Es erschien mir nur konsequent, der logische Schluss. Alles andere, das keinen Schleier mehr lässt, wäre Pornografie oder Nüchternheit gewesen.

Ungewöhnlich ist auch, dass Sie beschreiben, wie sehr Sie von Ihrer Recherche überfordert sind. Warum haben Sie nicht einfach abgebrochen?

Mein Lektor hat einen ganzen Ordner mit Briefen, in denen steht, dass ich abbrechen will. Was ich gesehen habe, hat auch mich, meine erotischen Bilder, stark verändert. Die Schriftstellerin Anais Nin hat einmal erzählt, wie sie für einen Auftraggeber pornografische Geschichten schrieb, die ganz eindeutig, zielgerichtet sein mussten. Sie hasste ihn dafür, dass sie dadurch ihre eigenen erotischen Vorstellungen zerstörte. Das ist auch mir vorübergehend passiert.

Warum haben Sie dennoch weitergemacht?

Ich wollte mich nicht so einfach in meine Wohlfühl- und Komfortzone zurückziehen. Die Frauen, die im Erotikgewerbe arbeiten, können das auch nicht.

Sie beschreiben Faszination, aber oft auch Abscheu, Ekel. Vielen Männer ergeht es anders. Sie kaufen Sex und genießen ihre Lust.

Dass Männer Sex kaufen, hat einfach eine lange Tradition. Es gilt in allen Schichten als selbstverständlich, nehmen Sie Marcel Proust, der über den Besuch bei Prostituierten schreibt oder einen beliebigen Handwerker, Büroangestellten, Doktoranden, der so eine Junggesellenparty feiert. Das macht das Überschreiten der Schwelle leichter. Männer haben oft auch das Gefühl, sie hätten ein Anrecht auf Sex. Mir hat ein Freier geschrieben, er habe gerade keine Freundin, also müsse er notgedrungen zu Prostituierten gehen. Man beachte die Wortwahl: notgedrungen. Er fühlte sich quasi in einer Opferrolle. Das Gefühl, dass sie sich einen Callboy kaufen müssen, wenn sie keinen Partner haben, ist Frauen fremd. Eher kennen sie Varianten, sich selbst zu befriedigen oder sie arrangieren sich damit, auf Sex zu verzichten. Sie bleiben im Notfall auch mal zehn Jahre allein.

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