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Warum wir mehr Migranten auf der Bühne brauchen

Vortrag von Hartmut El Kurdi Warum wir mehr Migranten auf der Bühne brauchen

Hartmut El Kurdi, Schriftsteller und Dramaturg, hat auf dem regionalen Interkulturforum „Cross Culture“, das in dieser Woche in Hannover stattfand, über Menschen mit Migrationshintergrund im Kulturbereich gesprochen. Eine gekürzte Version seines Vortrages.

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Autor und Kolumnist Hartmut El Kurdi.

Quelle: Uwe Dillenberg

Hannover. Irgendwann wurde mir klar: Das sagt den Kindern sonst keiner. Dass man deutsch UND türkisch sein kann. Oder deutsch UND arabisch. Oder Deutscher UND Muslim. Oft bekommen die Kinder das noch nicht mal von ihren meist anbetungswürdigen Lehrerinnen (an Grundschulen sind es ja meist Frauen) gesagt. Diese Lehrerinnen sind übrigens in der Regel tausendmal engagierter und herzlicher als das Lehrpersonal andernorts. An solchen Schulen, in solchen Vierteln wissen die Lehrkräfte nämlich, dass man den Kindern nur mit viel Einsatz und Zuwendung helfen kann. Nicht weil sie von Geburt an schwierig oder dumm wären, sondern weil diese stinknormalen Kinder - und nichts anderes sind sie: normale Kinder, mal netter, mal nerviger, mal klüger, mal dümmer - permanent vermittelt bekommen, dass sie ein Problem sind.

Sie kriegen mit, dass fast alles an ihnen schwierig sein soll: ihre Herkunft, ihre Religion, sogar ihre Zweisprachigkeit, die angeblich verhindert, dass sie richtig Deutsch lernen. So wird ja immer wieder behauptet, dass diese Kinder keine der beiden Sprachen richtig beherrschten. Erstens stimmt das in vielen Fällen nicht und zweitens - ja, meine Güte, selbst wenn es bei manchen so sein sollte: Wie viele Schon-Immer-Deutsche können noch nicht mal eine Sprache richtig?

Die Kinder kriegen auch mit, dass man ihnen unterstellt, das Niveau an den Schulen zu senken. Dass sie schuld sind, wenn die anderen nichts lernen. Und vor allem kriegen sie mit, dass man ihnen oft gar nicht zutraut, einen guten oder höheren Schulabschluss zu machen.

Manche dieser Kinder aus Migrantenfamilien haben Glück, weil sie tolle Mütter und Väter haben, die das eine oder andere an Demütigung auffangen, manche haben aber eben auch - ähnlich wie viele biodeutsche Kinder - Eltern, die alles nur noch schlimmer machen. Und oft sind engagierte Lehrer und Lehrerinnen die Einzigen, die da ein wenig dagegenhalten können. Deswegen sind diese so wichtig.

In dem Bereich, in dem ich mich auskenne, Literatur und Theater, geht es meist um Geschichten, fiktive, reale, immer aber um gestaltete Geschichten. Und in Geschichten geht es um Aneignung von Welt, um Deutung von Welt und um die Frage nach der Gestaltbarkeit von Welt. Auch die klassischen philosophischen Identitätsfragen spielen hier eine Rolle: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Und wer steht hier noch so rum? Auch zum Thema Identität gehört - auf der Rezeptionsebene - , dass die Leser, Zuhörer und Zuschauer, das Gefühl haben, gemeint zu sein. Und dass sie die formalen Möglichkeiten haben oder bekommen, mit den Texten umzugehen.

Mich interessieren keine Nationen

Ich glaube nicht, dass es naiv ist, wenn man behauptet, dass Geschichten zum Beispiel - neben dem Spaß und der Horizonterweiterung, die sie vermitteln - Kindern auch helfen können, sich hier bei uns zu Hause zu fühlen. Ganz beiläufig. Aber dafür müssen sie in den Geschichten vorkommen. Mit ihren Sorgen, Nöten und Problemen, aber auch einfach so. Mit ihren Talenten, ihrer Freude, ihren Namen und ihrer Hautfarbe, mit ihren Festen und Familien. Ganz normal. So wie auch die deutschstämmigen Kinder sich ganz selbstverständlich in den Geschichten wiedererkennen können.

Wenn gewisse Kreise sich über die angeblich fehlende Identifikation der Migranten mit unserem Gemeinwesen und unserer Gesellschaft beschweren, möchten man fragen: Woran hapert es denn? Und ich sage bewusst nicht Identifikation mit dem „Land“ oder der „Nation“, sondern mit unserer Gesellschaft, unserer Gemeinschaft - weil mich Länder und Grenzen aus Prinzip nicht interessieren. Auch wenn es gerade weltweit eine große Renaissance des Nationalen gibt, halte ich den ganzen Quatsch für hoffnungslos altmodisch. Auf eine gefährliche Art. Mich interessieren keine Nationen, sondern Menschen und was sie miteinander tun und worauf sie sich miteinander einigen. Also: Womit identifiziert man sich denn sinnvollerweise, effektiv und nachhaltig? Mit einer Fahne, einer Hymne? Nun ja ... Vielleicht mit einer oft nicht nur für Kinder schwer zu verstehenden Verfassung oder mit Gesetzesbüchern?

So wünschenswert es ist, dass wir uns als Erwachsene mit unserer Verfassung identifizieren und uns auf ein paar grundlegende Werte einigen - im Alltag verständigen wir uns über und identifizieren uns mit Geschichten und Erzählungen.

Reale Geschichten über Zuwanderer und ihre Nachkommen gibt es inzwischen einige: Die positiven handeln zum Beispiel davon, dass deutsche Jungs, deren Eltern einst aus der Türkei, Ghana, Nordafrika, Polen oder von der Elfenbeinküste kamen und die Mesud, Jerome, Sami, Emre oder Shkodran heißen, für uns Fußballspiele gewinnen. Und auch mal verlieren. Oder dass einer der interessantesten und erfolgreichsten deutschen Filmemacher den türkischen Namen Fatih Akin trägt und Deutsch mit Hamburger Sound spricht. Oder dass die Zuwanderer mit ihren Tante-Emma- beziehungsweise Onkel-Ali-Läden die letzte Bastion des deutschen Einzelhandels gegen Supermarktketten und Discounter bilden. Oder dass eine der mutigsten Moderatorinnen im deutschen Fernsehen Dunja Hayali heißt und ihre Eltern aus dem Irak stammen. Oder dass der türkischstämmige Bundesvorsitzende der Grünen einen unangenehmen, schlimmen Akzent hat, nämlich einen schwäbischen.

Es gibt natürlich auch wahre negative Geschichten über Zuwanderer. Und im Gegensatz zu dem, was die Rechtspopulisten aller Couleur (die gibt es nämlich quer durch alle Schichten und Parteien, nicht nur in der AfD) behaupten, werden diese auch erzählt. Eigentlich ständig. Das gehört zum paranoiden Weltbild der Rassisten: dass es eine Verschwörung gäbe, die versucht, die negativen Aspekte und Konsequenzen der Einwanderung nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Wer seriöse Medien, welcher Art auch immer, konsumiert, weiß, dass das nicht stimmt.

Ein anderer Erfahrungshintergrund

Aber was es noch viel zu wenig gibt, ist die Darstellung der vielfältigen Realität unseres Landes in fiktionalen Erzählungen: in Romanen, Theaterstücken, Filmen, Fernsehserien ... . Und ich meine damit nicht die permanente Problematisierung der ethnischen Herkunft oder der Religion. Auch die muss es geben, schließlich ist der Kern einer spannenden, interessanten Geschichte immer ein Konflikt, und diese beiden Faktoren bergen natürlich viele erzählerisch interessante Konflikte. So wie auch die Herkunft aus einem kleinen bayerischen Dorf, ein strenger Katholizismus oder ... sagen wir: die Homosexualität eines ranghohen Bundeswehroffiziers oder eines Fußballbundesligaspielers eine erzählenswerte Geschichte bergen kann. Aber das Leben eines türkisch- oder arabischstämmigen Deutschen oder das Leben eines Geflüchteten besteht - ebenso wie das Leben eines Sachsen oder Niedersachsen - aus viel mehr als nur aus den Konflikten, die sich aus einer kulturellen oder religiösen Prägungen ergeben.

Wenn wir uns fragen, warum es, relativ gesehen, so wenige Geschichten mit einem entsprechenden Personal gibt, wird es interessant. Und kompliziert. Ich möchte es mal so formulieren: Ich bin durchaus der Meinung, dass auch deutschstämmige Erzähler und Regisseurinnen in ihren Geschichten die bundesdeutsche ethnische Realität spiegeln sollten. Das heißt, wenn in deren Storys nur weißes, deutschstämmiges Mittelschichtpersonal vorkommt, ist das zwar individuell legitim, spricht aber nicht dafür, dass diese Künstler einen ausgeprägten gesellschaftlichen Realitätssinn und eine Sensibilität für ihre Umwelt besitzen. Aber obwohl ich es begrüßen würde, wenn dies anders wäre, reicht es nicht, wenn deutschstämmige Autoren freundlicherweise in ihre Geschichten jeweils ein bis zwei Quoten-Karims oder -Ezgis einbauen. Obwohl das schon mal eine feine, der Wirklichkeit angemessene Geste wäre.

Letztlich muss es um etwas anderes gehen. Eigentlich liegt es so klar auf der Hand, dass es fast zu blöd ist, es aussprechen zu müssen: Wir brauchen mehr Künstler und Künstlerinnen, Kultur- und Medienschaffende, die selbst eine - wie auch immer geartete - familiäre Zuwanderungsgeschichte und damit einen anderen Erfahrungshintergrund haben. Vor allem brauchen wir diese in den Institutionen und dort auf allen Ebenen - ob auf den originär künstlerischen, den verwaltenden oder den kulturpolitischen.

Wir brauchen sie in den Theaterleitungen, in den Dramaturgenbüros, auf der Bühne, vor und hinter der Kamera, in den Verlagen und Redaktionsstuben, in den Fernseh- und Rundfunksendern ... Denn nur sie können ihre Geschichten wirklich selbstbestimmt und kompetent erzählen. Und nur sie können unser aller Geschichten aus dem spezifischen Blickwinkel der Zuwanderer und ihrer Nachkommen erzählen. Und diesen Blickwinkel brauchen wir dringend, genauso wie wir andere Blickwinkel brauchen. Vor allem damit wir unser Land in seiner Komplexität und Diversität besser verstehen. Und auch um der Gerechtigkeit und der Demokratie willen.

Es geht darum, dass wir vorkommen

Klar ist aber auch, dass es falsch ist, jemanden auf ein Thema festzulegen. Im Grunde geht es darum, dass wir, die Neudeutschen, die Zuwanderer, die erste, zweite oder dritte Generation, die bunte Tüte, die Mixgetränke - dass wir vorkommen. Erkennbar. Als Künstler, mit unserer Sicht auf die Dinge. Wovon wir dann erzählen, müssen wir selbst entscheiden.

Aber von alleine wird es nicht passieren, wir müssen die Leute bewusst in die Institutionen holen, ihnen Möglichkeiten und Verantwortung geben. Wenn wir uns in den Fernseh- und Zeitungsredaktionen und auf den Dramaturgentagungen umschauen, die Spielzeithefte und Verlagsprogramme durchblättern und feststellen, dass wir uns in größtenteils ethnisch homogenen Zonen bewegen, dann müssen wir das ändern.

Die Ursprungsdeutschen müssen es aber überhaupt erst einmal bemerken. Und wir als Migranten oder Postmigranten oder wie immer wir uns nennen - wir müssen es einfordern. Vor allem müssen wir alle zusammen es ändern wollen. Denn wenn wir es nicht tun, können wir den Laden zumachen. Und das in absehbarer Zeit.

Von Hartmut El Kurdi

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