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Was Sie noch nicht über "La Bohème" wussten

Open-Air-Spektakel im Maschpark Was Sie noch nicht über "La Bohème" wussten

Liebe, Tod und Leidenschaft, dazu eine berauschende Musik – Puccinis Oper "La Bohème" hat alles, was eine große Oper haben muss. Kein Wunder, dass sie zu den beliebtesten Werken des Musiktheaters gehört. Ab Donnerstag ist sie beim NDR-Klassik-Open-Air im Maschpark zu hören.

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Falls die Erinnerung etwas verblasst ist: „La Bohème“ ist eine der Opern, in der die weibliche Hauptrolle (hier Kristine Opolais in einer Inszenierung der Met) an Schwindsucht stirbt.

Quelle: Nyman

Hannover. Doch so populär die Geschichte der armen Künstler und ihrer Freundinnen ist, so wenig bekannt dürfte sein, dass sie einen überraschend wahren Hintergrund hat.

1. Wo liegt die Stadt der Liebe?

Puccinis Oper ist nach der Vorlage einer französischen Zeitschriftenserie, den „Scènes de la vie de Bohème“ von Henri Murger, entstanden. Schauplatz ist natürlich Paris. Nach der Premiere von „La Bohème“ am 1. Februar 1896 wurde Puccini besonders für seine realistische Schilderung der Metropole gelobt. Selbst Claude Debussy, der dem Kollegen sonst eher kritisch gegenüberstand, rühmte, niemand habe die Stadt jener Zeit so gut beschrieben wie der Italiener.
Das Erstaunliche dabei: Puccini ist bis dahin nie in Paris gewesen. Den vermeintlichen Realismus hat er vielmehr aus einer anderen Quelle bezogen – dem eigenen Mailänder Studentenleben. Als angehender Musiker konnte sich der spätere Weltstar offenbar gut in die armen Künstler der Oper einfühlen. Auffälligstes Indiz dafür ist das zentrale Motiv, mit dem das Stück Hals über Kopf beginnt. Die überschwänglichen, überstürzt klingenden Noten, die wie ein Motto immerwiederkehren, hat Puccini einem eigenen Stück entlehnt: dem „Capriccio Sinfonico“, das er während seines Studiums komponiert hat.

2.  Applaus, Applaus:

So sehr Puccini sich Vorgängern wie Verdi verbunden gefühlt hat, so sehr war er von den Konventionen der italienischen Oper abgestoßen. Er versuchte, die alte Kunstform an der Wende zum 20. Jahrhundert neu zu erfinden. Dazu gehörte, das Stück keinesfalls in klar getrennte Abschnitte zu gliedern – der Fortlauf der Handlung sollte nicht unterbrochen werden. Damit wollte der Komponist die in Italien leidenschaftlich gepflegte Tradition ausrotten, eine Aufführung nach jeder Arie mit ausgiebigem Applaus zu unterbrechen.
In „La Bohème“ sind die Arien daher meist keine echten Solostücke mehr, sondern Teil eines Dialogs: Andere Sänger haben Einwürfe oder antworten auf den Partner. Außerdem enden die Bravournummern denkbar unspektakulär. Die letzten Takte sollen nicht länger den Beifall hervorrufen, sondern ihn im Gegenteil verhindern. Rudolfos und Mimìs Arien im ersten Bild sind Beispiele dafür: Beide Stücke schwingen sich schnell zu weiten, mitreißenden melodischen Bögen auf – und finden in sehr leisen Tönen, die sich kaum noch über Sprachmelodie und -rhythmus erheben, zu einem Anti-Ende.
Genutzt hat diese kompositorische Vorsorge allerdings wenig: „Seit jedermann diese Arien als Einzelstücke aus Radiowunschkonzerten kennt“, schreibt Dieter Schickling in seiner 2007 veröffentlichten Puccini-Biografie, „wissen auch Theater-Auditorien, wo sie zu klatschen haben, um damit Puccinis realistisches Dialogkonzept zu zerstören.“

3.  Der Verdi des kleinen Mannes?

Die Kritik war sich schnell einig: Ein Musiker, der so erfolgreich ist, kann nicht anspruchsvoll sein. In Deutschland traf Tucholskys spitze Bemerkung, Puccini sei der Verdi des kleinen Mannes, auf breite Zustimmung der gebildeten Kreise. Auch Thomas Mann trug seinen Teil zu den bald sorgfältig gepflegten Vorbehalten bei, als er seinen „Zauberberg“-Helden in dem Kapitel „Fülle des Wohllauts“ für Puccini schwärmen ließ: „Zärtlicheres gab es auf Erden nicht als diesen Zwiegesang“, kommentiert der die Grammophon-Wiedergabe des ersten Duetts von Rudolfo und Mimì. Der Autor selbst schieb sogleich vergiftetes Lob nach, indem er von „bescheidener und inniger Gefühlsannäherung“ spricht und einer „simplen, süßen, gedrängt melodischen kleinen Phrase“. So entsteht ein Vorurteil, das sich Jahrzehnte halten wird: Puccini klingt gut, ist aber belanglos; ihn zu mögen ist weit verbreitet, aber auch ein bisschen peinlich. Erst seit Kurzem beginnt sich dieses Bild zu wandeln: Die Musikwissenschaft hat sich endlich des geschmähten Komponisten angenommen und immer mehr Gründe gefunden, warum auch Kenner ihn lieben dürfen.

4
. Ein Bild von einer Frau:

In der literarischen Vorlage schildert der Autor Henri Murger vor allem zwei Menschentypen: mittellose junge Männer, die sich frei von gesellschaftlichen Konventionen an der Kunst und der Liebe erfreuen, und arme junge Frauen, die alleinstehend die Einkünfte aus einer Hilfstätigkeit (Näherin) durch Liebesdienste aufbessern. Auch Musetta und Mimì, die weiblichen Hauptpersonen der Oper, tragen beide im Original Züge einer Teilzeitprostituierten. Puccini hat sich (gegen den Rat seiner zwei Librettisten) dafür entschieden, den Charakter Mimìs vollständig zu säubern. Sie ist nun eine keusche Lichtgestalt. So schafft sich der Komponist die klassische Männerphantasien des Fin de Siècle für seine Oper: Mimì, die Heilige, und Musetta, die Hure. Typisch für den Komponisten ist auch der Umgang mit der „reinen“ Frau im Verlauf dieser und aller weiteren seiner Opern: Keine von ihnen wird den letzten Akt überleben.

5. Der beste Trick:

Der Dirigent René Leibowitz hat die „Dialektik von Strenge und Freiheit“ in der „Bohème“-Musik hervorgehoben und damit vor allem die rhythmische Flexibilität gemeint, die diese Oper so lebendig erscheinen lässt. Die ganze Leichtigkeit ist klar konzipiert und penibel in der Partitur festgehalten, Temposchwankungen wollte der Komponist nicht der Willkür eines Dirigenten überlassen. Puccini gilt auch als Meister der Orchestration: Seit einigen Jahren ist anerkannt, dass er darin der bislang höchsten Autorität, seinem Zeitgenossen Richard Strauss, voll ebenbürtig ist.
Über diese allgemeinen Qualitäten hinaus hat eine Erfindung aus „La Bohème“ Folgen bis in die (Pop-)Musik der Gegenwart hinein: Puccinis berühmt-berüchtigte Oktavverdopplung. Erstmals ist sie im großen Duett des ersten Bildes zu hören: Die Stimmen von Rudolfo und Mimì werden auf dem musikalischen Höhepunkt parallel geführt, und auch alle wichtigen Orchesterstimmen verdoppeln diese Melodie. Dafür hat der Komponist einen Moment lang alle Rücksicht auf die Gesetze des Tonsatzes – und wohl auch des guten Geschmacks – über Bord geworfen. Wo andere mit zarten Pfeilen auf die Herzen der Zuhörer zielen, feuert Puccini aus allen Rohren. Ein gewaltiger Effekt – ihm zu entgehen ist unmöglich.

Oper für alle

Beim NDR-Klassik-Open-Air ist „La Bohème“ gleich zweimal zu erleben. Morgen beginnt um 19 Uhr die öffentliche Generalprobe, die eigentliche Aufführung ist am Sonnabend um 21 Uhr. Gespielt wird im Maschpark hinter dem Neuen Rathaus. Dort präsentiert die NDR Radiophilharmonie am Freitag ab 21 Uhr noch eine Operngala mit dem Tenor Joseph Calleja als Stargast.

Alle drei Veranstaltungen sind ausverkauft. Für die ausdrücklich eingeladenen Zaungäste gibt es aber an allen drei Tagen eine Video- und Tonübertragung in den Park.

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Das Problem am Gesang: Man versteht den Text oft nicht richtig. Das zusätzliche Problem bei einer italienischen Oper: Es wird italienisch gesungen. HAZ-Kulturredakteur Stefan Arndt erklärt, worum es bei Open-Air-Aufführung von Puccinis „La Bohème“ überhaupt geht.

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