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In schummrigem Licht

„Was ihr wollt“ am Schauspiel Hannover In schummrigem Licht

Und noch ’ne Nummer: Das Schauspiel Hannover feiert Premiere mit „Was ihr wollt“ - und macht den Shakespeare-Klassiker zur Retro-Revue.

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Im Dickicht der Gefühle: Viola (Vanessa Loibl), Olivia (Lisa Natalie Arnold), Sebastian (Robert Zimmermann), Orsino (Oscar Olivo) – und Mathias Max Herrmann als Narr (von rechts).

Hannover. Ach“, seufzt Olivia und verfällt ins Stottern, Zittern, Beben, „haben meine Augen denn meinen Verstand getäuscht?“ Die Sorge lässt sie alle Contenance verlieren, aus der Haut fahren, aus der Rolle fallen. So wirkt auf sie die Allmacht der Begierde. Doch die ist hier vergebene Liebesmüh‘. Denn Olivia hat sich in Cesario verliebt, hinter dessen ach so knabenhafter Erscheinung sich Viola verbirgt. Frau will Frau.

Verbotene Liebe? Zu Shakespeares Zeiten zweifellos. Und auch viel später. Jedenfalls im Muff der Fünfzigerjahre, den Nina Wetzels Bühnenbild dieser „Was ihr wollt“-Inszenierung verpasst. Schummriges Grünlicht auf schweren Vorhangwellen, wuchtige Sessel und, per Video, die verklemmten Hula-Hula-Fernwehvisionen aus der Adenauer-Ära - das sind die Zutaten jener Nummernrevue im Retrostil, die Marius von Mayenburg im Schauspiel Hannover aus William Shakespeares Komödie macht. Die ist gut 400 Jahre alt, doch wie sie Gesellschafts- und Geschlechterrollen durcheinanderwirbelt, das wirkt ganz gegenwärtig. Und wie mit der Geschlechts- auch die sonstige Identität in Zweifel gerät, das zeugt von Shakespeares scharfem Blick auf menschliche Verhältnisse.

Service

„Was ihr wollt“. Komödie von William Shakespeare in einer Neuübersetzung von Marius von Mayenburg. Nächste Termine: 9. und 28. Oktober, 6., 12. und 26. November jeweils 19.30 Uhr sowie am 15. November um 17 Uhr. Kartentelefon (05 11) 99 99 11 11.

Die Gräfin Olivia (von Lisa Natalie Arnold mit gestelztem und bisweilen kreischend-hysterischem Gestus verkörpert) ist nicht die einzige Figur, die aus der Rolle fährt. Das weiß das Publikum schon bei ihrem Ausbruch. Denn die von ihr als Cesario angebetete Viola (Vanessa Loibl), die nach einem Schiffsunglück ihren Zwillingsbruder Sebastian (Robert Zimmermann) tot wähnt und sich beim Herzog Orsino (Oscar Olivo) als Diener in Männerkleidern verdingt hat, ist in eben diesen Orsino verliebt.

Immerhin, der Herzog und die Gräfin dürfen, dem romantischen Liebesmodell folgend, Standes- und Geschlechtergrenzen überschreiten, an denen die Untergebenen scheitern - vor allem der Diener Malvolio, den eine Intrige glauben lässt, die Gräfin liebe ihn. Eingefädelt wird diese Intrige von Olivias Onkel Toby (Jakob Benkhofer) und dessen Freund Andrew (Janko Kahle). Sie sind in dieser Inszenierung zwei oft torkelnde und lallende Saufkumpanen, zwei Machos, die mit Macheten dreinhauen, mit Schnellfeuergewehren herumballern.

Viel Lärm um nichts, könnte man denken. Doch dieses Duo hat immerhin den dramaturgischen Nutzen, augenzwinkernd über die Rampe hinweg mit den Zuschauern zu kokettieren - die Darsteller dieser besonders dankbaren Figuren erhalten denn auch mehrfach Szenenapplaus. Raffinierter und gleichfalls mit Zwischenbeifall bedacht ist es, wie Mathias Max Hermann mal humpelnd, mal stammelnd den Narren gibt, der „lieber ein intelligenter Idiot als ein idiotischer Intelligenter“ sein will. Ein Schauspieler spielt einen Narren, der den Narren eben nur spielt - das liefert reichlich Material für Perspektiv- und Rollenwechsel innerhalb einer einzigen Figur. Und wie Benkhofer, Kahle und Hermann überdies ein A-cappella-Trio geben, das gehört zu den Höhepunkten dieser Revue.

Überhaupt, der (fast permanente) Soundtrack (Nils Ostendorf): Zum Retro-Flair passen die Cha-Cha- und Rumbarhythmen ebenso wie die Tüll-, Strass-, Glitter- und Federboaauftritte der Sänger. Denn wo sonst dramatische Entwicklung wäre, werden hier Gesangseinlagen geboten, in denen der Narr oder Olivia, Malvolio oder Viola die jeweilige Seelenlage kundtun. Wie dabei Nummer auf Nummer folgt, wie Schauspieler in der Kulisse verschwinden und gleich darauf im Film auf der Leinwand auftreten - das ist musikalisch und choreografisch einwandfrei, wenn auch dramaturgisch eher schlicht.

Auf diese Weise wird das Theaterstück zur Nummernrevue. Mit eindeutig zweideutigen Gesten, mit Penisprotzerei und pseudoorgiastischen Kopulationen. Die sind meist ähnlich unmotiviert wie etliche Videosequenzen von Sébastien Dupouey, die mal psychedelische Traumbilder, mal einen Atompilz oder, wie aus einem Splatter-Movie, eine blutig zerplatzende Riesenspinne zeigen. Am Ende bekommt, allem Durcheinander zum Trotz, hier jedes Töpfchen sein Deckelchen - Orsino die Viola und deren wiederaufgetauchter Zwillingsbruder Sebastian die Olivia.

Bis zu diesem braven Schluss hat Shakespeare eigentlich mehr zu bieten: die spannenden Kippfiguren zwischen Normbefolgung und -verletzung. Etwa in jenem Moment, als Orsino sich mit Viola einlässt, obwohl er sie für Cesario hält. Da gehen hetero- und homoerotische Neigung ineinander über, da wird der Blick auf Ungeahntes frei und so die Frage aufgeworfen, welche Sehnsüchte man sich, mit solcher Freiheit, wohl erlauben könnte - also: was ihr wollt.

Doch Meyenburg trübt diesen Blick, indem er die Szene in rotes Schummerlicht taucht und Totenmaskenträger um das Paar aufstellt, als gälte es, mit solcher Symbolik die Dämonen gleichgeschlechtlicher Liebe zu bannen. Der spannende Moment wird damit umstellt, nicht gespielt. Vanessa Loibl und Oscar Olivo lösen die Szene durch ein bizarr und fast gewalttätig scheinendes Übereinanderherfallen auf. Doch Kopulation ist, auch schauspielerisch, keine Lösung.

So diffus wie das Licht dieser Szene ist der Umgang mit der Grundkonstellation dieses Stückes insgesamt. Mann liebt Mann, Arm liebt Reich, Frau liebt Frau, Reich liebt Arm - ist das heute, ganz wie es das dralle Einerlei dieser Inszenierung suggeriert, alles kein Problem mehr? Sind alle Tabus, alle Angst- und Schamschwellen dahin - und damit kein Stoff mehr fürs Theater? Nur dann wäre Shakespeare mit dieser Inszenierung angemessen erledigt.

Der Rest ist Klamauk. Für den gab es, anhaltend, doch nicht orgiastisch, sechs Minuten Schlussapplaus. Das Schauspiel hatte ein dankbares Premierenpublikum.

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