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Was kann Theater in Zeiten des Terrors bewirken

Interview Was kann Theater in Zeiten des Terrors bewirken

Was tut das Theater angesichts von
 Terror und Flüchtlingskrise? Stedan Arndt hat mit den Intendanten Michael Klügl , Intendant der Staatsoper Hannove, und Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspiels Hannover, über aktuelle Veränderungen im Theater und das Potential, etwas in der Gesellschaft zu verändern, gesprochen. 

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Michael Klügl (links) und Lars-Ole Walburg beim Interview im Schauspielhaus. 

Quelle: Philipp von Ditfurth

Herr Klügl, Herr Walburg, Theater hat den Anspruch, am Puls der Zeit zu sein. Wie können eine Oper oder ein Schauspiel auf Flüchtlinge und Terror reagieren?

Walburg: Wir bekommen ja nicht ein gesellschaftliches Thema auf den Tisch und fangen dann an zu reagieren. Wir haben die letzte Spielzeit im Ballhof zum Beispiel mit „Tor zur Freiheit“ eröffnet, einem Projekt mit 50 Migranten, die sich hier in Hannover integrieren, Sprache und Beruf lernen. Und es geht thematisch derzeit nicht nur um die Flüchtlinge, sondern um uns als Gesamtgesellschaft, die sich verändert. Toleranz, Andersartigkeit und die Fähigkeit, das Fremde nicht als Gefahr wahrzunehmen, sind dabei zentrale Themen. Sie sind aber seit jeher ureigenste Stoffe des Theaters.

Klügl: Es gibt bestimmte Erwartungen an das Theater, die das Theater aber seit Jahren schon erfüllt. Wir haben hier seit meiner ersten Spielzeit große Integrationsprojekte gehabt, die viel bewirkt haben. Und unser Spielplan ist immer auch ein politisch intendierter Spielplan. Die Stücke, die wir gerade zeigen, haben bereits allesamt einen sehr humanen Ansatz. Leonard Bernsteins „Candide“ etwa, unsere letzte Premiere, ist ein Fluchtstück: Es erzählt von Menschen, die durch die ganze Welt getrieben werden. Der Stoff kommt zwar aus dem 
18. Jahrhundert, aber auch dort geht es sehr stark um Religion.

Herr Walburg, Sie haben vor Kurzem in einem Interview gesagt, dass das Theater den Ereignissen mindestens einen halben Schritt voraus sein muss. Sehen Sie das bei Ihnen eingelöst?

Walburg: Das, was jetzt mit dem massenhaften Zustrom von Flüchtlingen eingesetzt hat, haben wir – ganz ehrlich – vor einem Jahr nicht diskutiert, obwohl man es hätte wissen müssen. Es ist eben nicht nur der Innenminister, der keine gute Figur macht, wenn er die Flüchtlingszahlen immer weiter nach oben korrigieren muss. Wir stellen uns in dieser Spielzeit ganz konkret die Frage, welchen Auftrag wir mit unserer Kunst überhaupt noch haben. Gerade das hat viel mit dem zu tun, was im Moment gefordert ist: zivilgesellschaftliches Handeln anzuregen und Mut zu entwickeln, sich der veränderten Situation zu stellen. Aber der aktuelle Spielplan ist nur ein Teil unserer Arbeit. Wir denken täglich darüber nach, was man als öffentliche Institution darüber hinaus anschieben kann.

Was zum Beispiel?

Walburg: Bei unserem Hoffest zur Saisoneröffnung sind die Schauspieler in Flüchtlingsheime gefahren, haben Menschen abgeholt, und wir haben zusammen mit ihnen bis in die Nacht geredet und gefeiert. Der konkrete Kontakt schien uns in dieser Situation das Wichtigste, und er hat sich seitdem kontinuierlich fortgesetzt. Da das Erlernen der Sprache die Grundvoraussetzung für eine gelingende Integration ist, haben wir mit verschiedenen Bürgerinitiativen einen wöchentlichen Sprachstammtisch im Foyer eingerichtet, der stark frequentiert wird, ebenso wie die Montagsbar „Dance the Tandem“, wo es um das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen geht. Und wir sammeln seit Beginn der Spielzeit nach den Vorstellungen Geld, erst für den niedersächsischen Flüchtlingsrat, jetzt für den Unterstützerkreis der hannoverschen Unterkünfte.

Herr Klügl, Sie haben nicht nur den Vorteil der universellen Sprache der Musik, Sie haben in Ihrem Ensemble auch viele Mitarbeiter, die selbst fremde Sprachen sprechen. Lässt sich das ausnutzen?

Klügl: Wir haben uns zunächst von Heimleitern beraten lassen, was man überhaupt machen kann. Das wichtigste scheint zu sein, Begegnungen herzustellen. Das tun wir auf vielen Ebenen. Die vielen Sprachen, die die Menschen in der Oper sprechen, sind dabei aber keine große Hilfe. Denn sie sind alle westlich geprägt. Hier geht es um etwas anderes: um die Begegnung mit Menschen, die nicht dem originär europäischen Kulturkreis angehören.

Wäre es nicht denkbar, arabische Übertitel im Theater einzuführen?

Walburg: Wir haben das anfangs diskutiert, allerdings eher die universellere englische Variante. Aber es scheitert bislang an den Kosten. Wir müssen auch aufpassen, dass wir mit unserer Gastfreundschaft, auf die wir zu Recht stolz sein können, nicht nur uns selbst beweihräuchern. Wollen die Flüchtlinge mit unserer Kultur beglückt werden? Ist das das Erste und Dringendste, was in der derzeitigen Situation zu tun ist? Das würde ich verneinen. Ich glaube, ein Konzert mit einer syrischen Band, die sich auf dem Hoffest ad hoc zusammengetan hat und das wir später wiederholt haben, ist ein gutes Erlebnis für uns und für die Flüchtlinge. Das ist wichtiger, als Menschen aus Syrien und Afghanistan unsere Klassik zu erklären.

Glauben Sie, dass solche Prioritäten langfristig ein Problem werden können? Wer wird sich in zehn Jahren noch für Klassiker wie Lessing interessieren?

Walburg: Lessings Ringparabel in „Nathan der Weise“ wird vielleicht in zehn Jahren aktueller sein denn je. Aber dafür muss man seine Sprache verstehen. Natürlich werden der demografische Wandel und der Zuzug von so vielen Menschen aus anderen Kulturen unsere Gesellschaft radikal verändern. Das betrifft auch das Theater. Ich freue mich darauf.

Klügl: Wir wollen vor allem Jugendliche ansprechen. Ich glaube, da liegen unsere Chancen: Jugendliche über die Schule zu erreichen und sie für unser Land und unsere Kultur zu gewinnen. Bei ihnen herrscht eine größere Offenheit als bei den Erwachsenen, die erst mal zusehen müssen, dass sie ein Dach über den Kopf bekommen.

Sie fürchten langfristig also nicht um Mozart, Wagner und Verdi?

Klügl: Das Theater ist seit seiner Entstehung in einer Dauerkrise. Furcht ist kein guter Ratgeber für jemanden, der Theater macht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass auch ein nicht-westlich geprägtes Publikum der Wahrhaftigkeit der Werke Verdis oder Mozarts etwas abgewinnen kann.

F urcht ist ein Stichwort: Was hat sich für Ihre Häuser, die täglich große Veranstaltungen haben, seit der Terrordrohung in Hannover verändert?

Klügl: Es hat sich viel verändert. Am Abend des abgesagten Fußballspiels hatten wir 400 junge Menschen im Haus. Ich habe den Menschen am Ende der Vorstellung angeboten, dass sie bei uns im Opernhaus bleiben können, bis sie sich wieder sicher fühlen. Ich hoffe aber, dass in den nächsten Wochen wieder ein ruhiger, selbstbewusster Alltag auch im Theater einkehrt. Nur Furcht zu haben und überhaupt nicht mehr vor die Tür zu gehen, halte ich für gar keine gute Idee.

Könnten sich jetzt Details von Inszenierungen ändern, weil sie neuerdings etwas heikel erscheinen? Sehen Sie als Intendanten nun genauer hin, oder gilt in jedem Fall die Freiheit der Kunst?

Walburg: Die Freiheit der Kunst darf durch Terrorismus nicht angegriffen werden. Wir werden uns mit den sich verändernden Sicherheitsbedingungen genauso arrangieren, wie das in vielen Ländern der Welt längst schon passiert ist. Es gibt aber Bühnenszenen, die sich nach einem Anschlag wie dem von Paris anders anfühlen, beispielsweise die Maschinengewehrsalven in „Was ihr wollt“. Auch wenn man deutlich sieht, dass das keine echten Waffen sind, reagieren Zuschauer darauf. Man muss dann argumentieren, was das für eine Bedeutung hat und warum man es nicht einfach aus einer Inszenierung eliminieren kann.

Glauben Sie, dass das Theater und die Oper noch das Potenzial haben, die Gesellschaft zu verändern und zu erziehen?

Walburg: Manchmal denke ich, dass es der Oper mit ihrer universellen Sprache gerade etwas besser geht. Unsere Gesellschaft hat derzeit mit vielen Dingen große Probleme. Wir haben das Gefühl des Realitätsverlustes, laufen unseren Accounts hinterher, wollen die Mail-Flut nicht mehr lesen. Alles ist zu viel. Schiller spricht von der Aufgabe der Kunst, Herz und Geist zu bilden. Ich habe den Eindruck, dass in unserer heutigen Zeit eher die Bildung des Herzens nachgefragt wird. Der Geist ist ohnehin schon überreizt, nachhaltige gesellschaftliche Debatten werden kaum noch geführt. Das Schauspiel hat aber gerade darin eine große Tradition.

Klügl: Ich denke schon, dass so etwas wie Entschleunigung gerade ein wichtiger Aspekt des Theaters ist. Hier kann Langsamkeit stattfinden, hier kann gedacht und diskutiert, hier können Seele und Geist immer noch bereichert werden.

Interview: Stefan Arndt     

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