Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Was macht die Heimat heute aus?

Neue Debatte Was macht die Heimat heute aus?

Kein schöner Land – ein besseres Miteinander: Warum das schillernde Wort Heimat, wohlverstanden, als gar nicht rückwärtsgewandter Begriff dienen kann.

Voriger Artikel
Isa Genzken mit Kaiserring 2017 geehrt
Nächster Artikel
Berliner Intendant bekommt Morddrohungen

Quer zu den Traditionsmilieus? Mit „Heimat“ lässt sich auch der Hype um Hanf bewerben - so unscharf wird das Wort verwendet.

Quelle: Claudia Link

Hannover. Verstehen und verstanden werden - das ist Heimat.“ So hat es der Bundespräsident am Tag der Deutschen Einheit in seiner Rede gesagt. Das mögen so ziemlich alle mitbekommen haben. Doch nicht alle haben es so ganz verstanden.

Damit, konstatierte das liberale „Handelsblatt“ tags drauf, habe Frank-Walter Steinmeier sich von der AfD eine Debatte über Heimat aufnötigen lassen. Heimat? Ist das nur ein anderes Wort für Land, für ein Territorium? Die Vokabel steht auch für ein Gefühl, ist schillernd, emotionsbesetzt, vieldeutig. Der Präsident habe, so schreibt der konservative „Merkur“, mit seinem Bekenntnis zu Heimat „eine unbequeme Wahrheit“ ausgesprochen.

Heimat durch Ausgrenzung

Tatsächlich macht es sich allzu bequem, wer eine eigene Deutungshoheit über das Wort behauptet - ohne es genau zu definieren. Dieser Mühe haben sich auch Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir bei ihrem Lob für Steinmeier nicht unterzogen, das Spitzenduo der Grünen, die zwar einig über so wichtige Themen wie die Legalisierung weicher Drogen sind - aber uneins über das Wort Heimat: Der Grünen-Nachwuchs nennt es „völkisch“, „rechts“, „untauglich“ für eigene Ziele. Und die AfD hantiert mit militant anmutenden Appellen wie „Hol Dir Dein Land zurück“ oder Slogans wie „Unsere Heimat, unser Land“ und sagt gleichfalls nicht, was Heimat denn sein soll. In ihrem Programm definiert sie unter „Kultur, Sprache, Identität“ vor allem, was nicht dazugehören soll: Multikulturalität, Islam und Verschleierung, geschlechterneutrale Sprache, Englisch, Internationalität.

Eine Abschottung nicht zuletzt gegenüber Flüchtlingen, die eine neue Heimat suchen. Genau so übrigens wie mehr als zehn Millionen deutsche Flüchtlinge in der deutschen Nachkriegszeit, als es eine später in einer Korruptionsaffäre untergegangene Wohnungsgesellschaft namens Neue Heimat gab.

Wer verstehen will, was heute Heimat ausmacht, muss nur wahrnehmen, was Menschen dazu sagen: „Heimat“, das zeigen Umfragen, ist für die meisten der eigene Wohnort, Heimat wird aber auch „sympathisch“, „vertraut“ oder „warm“ genannt. Heimat ist also mehr als ein Ort, es ist auch ein Gefühl.

Viele Jahrhunderte war Heimat in Europa beides zugleich, allerdings gezwungenermaßen. Denn erst im 19. Jahrhundert endete in vielen Ländern die Leibeigenschaft. Die danach landlosen Bauern bildeten in den Städten das neue Proletariat, für das die Heimat zur bloßen Erinnerung wurde, zum „Paradies, in welchem die Kindheit ihre Augenblicke Gottes feiert“.

Eine legitime Sehnsucht

So hat es der fromme Heimatschrifsteller Heinrich Hansjakob 1879 formuliert. Die damals erwachende, bald ins Völkische driftende Heimatbewegung propagierte derart wohlige Visionen vom „unverdorbenen Landleben“. Dabei sind entscheidend dafür nicht bestimmte Orte, sondern „die menschlichen Beziehungen, die an einen Ort geknüpft sind“, wie Alexander Mitscherlich in seinem Appell gegen die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ konstatiert. Ist Heimat seither also nur Ideologie, Teil einer „reaktionären Agenda“, vor der auch die Grüne Göring-Eckardt warnt?

Klar, die Losung „Verteidigung der Heimat“ machte im 20. Jahrhundert auch Karriere als kriegerische Rechtfertigungsformel. Angesichts zweier Angriffskriege war das illusionär, verlogen, falsch.

Doch damit lässt sich die Sehnsucht nach Heimat als einer Vorstellung von klarem, fairem Miteinander, nach Wunscherfüllung, Verstehen und Verständigung nicht wegdiskutieren. Und warum auch? Sie ist doch völlig legitim.

Worin noch niemand war

Allerdings ist diese Sehnsucht aus der tatsächlichen Erfahrung von Isolation, Vereinzelung und Entfremdung gespeist. Und dagegen lässt sich gerade nicht durch ein ethnisch, religiös, nationalistisch oder gar rassistisch begründetes Ausschließen von Minderheiten vorgehen. Dagegen hilft es nichts, Christen und Muslime, Staatsbürger und Einwanderer gegeneinander auszuspielen.

Da geht es vielmehr darum, Verständnis für die Grundlagen des Miteinanders zu schaffen. Es geht um jenen Verfassungspatriotismus, den Jürgen Habermas gegen den Nationalismus in Stellung gebracht hat, um die Grundrechte des Menschen schlechthin. „Hat er sich erfasst“, notiert der Philosoph Ernst Bloch mit genau diesem Menschenrechtsverständnis, „und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Mit diesem Wort endet Blochs „Prinzip Hoffnung“, so hat der Philosoph Heimat in neuer Weise auf den Begriff gebracht. Er hat sein dreibändiges philosophisches Hauptwerk übrigens unter den äußerst schwierigen Bedingungen eines Flüchtlings erarbeitet. Er war ein mittelloser Exilant in den USA, ohne jede konkrete Perspektive auf eine aussichtsreiche persönliche Zukunft - doch eben voller Hoffnung für die Zukunft der Gattung Mensch.

„Ich glaube, Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit“, hat Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede gesagt. „Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen.“ Der Bundespräsident hat es verstanden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
doc6xed1f9di3a10fnvy1xj
„Wer das sieht, will doch helfen“

Fotostrecke Kultur Allgemein: „Wer das sieht, will doch helfen“