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„Es war eine tolle Zeit in Hannover“

Was wurde aus...Veit Görner? „Es war eine tolle Zeit in Hannover“

„Ich habe seit einem Jahr keinen Wecker mehr“, sagt Veit Görner. Der ehemalige Direktor der Kestnergesellschaft züchtet jetzt Tomaten. Das und vieles mehr erzählt er im Interview mit Redakteur Conrad von Meding.

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Veit Görner kümmert sich nun um seinen Garten in Stuttgart.

Quelle: Safrayn

Herr Görner, was machen Sie jetzt in Stuttgart?
Nichts.

Wie nichts?
Na eben: nichts.

Wie geht das: Nichts machen?
Ich mache natürlich nicht nichts. Aber Sie wollen ja wahrscheinlich wissen, was für offizielle Aktivitäten ich entwickele. Und in dieser Hinsicht mache ich, wie angekündigt, nichts. Ich lebe in den Tag hinein, kümmere mich um meinen Garten. Und wenn es regnet, dann kümmere ich mich eben nicht um meinen Garten. Diese Freiheit zu haben, das genieße ich.

Veit Görner hat vor einem Jahre aufgehört, Direktor der Kestnergesellschaft zu sein. Er hatte den altehrwürdigen Kunstverein 13 Jahre lang geführt, mit viel Kreativität und Verve und immer wieder auch mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, die ein Haus braucht, das auf private Förderer und Mitglieder angewiesen ist. Wenn sich solch eine Führungskraft in den Ruhestand verabschiedet, dann folgen normalerweise Beraterverträge, Mitgliedschaften in Kuratorien und Kunstjurys. Veit Görner aber erntet Tomaten.

Ein Therapeut als Kunstvermittler

Kunstverständnis auch jenseits von Bildungsmilieus zu wecken – das hat Veit Görner sich zur Berufsaufgabe gemacht. Was sich auch in seiner Biografie spiegelt: Anders als viele Kuratoren war er in der Kunstszene unterwegs, bevor er sich akademisch mit Kunst befasste – eigentlich ist er Diplompädagoge sowie Sozialtherapeut.
Ab 2003 leitete Görner die Kestnergesellschaft in Hannover – mit rund 3500 Mitgliedern immerhin einer der größten privaten Kunstvereine Deutschlands, der damals bereits von der Warmbüchenstraße ins umgebaute Goseriedebad umgezogen war. In Görners Zeit fielen vielbeachtete Ausstellungen wie „Haus im Schlamm“ (Santiago Sierra) oder Made in Germany (mit Kunstverein und Sprengel-Museum). Zuvor hatte Görner in Stuttgart einen Kunstverein gründete, dann dort das Künstlerhaus geleitet und war später Kurator am Kunstmuseum Wolfsburg. Seine Nachfolgerin bei der Kestnergesellschaft ist seit Mai Christina Végh.

Sind Tomaten nicht langweilig, wenn man sich auch mit Kunstgegenständen beschäftigen könnte?
Warum? Ich muss heute in kein Flugzeug steigen – ich bin eigentlich überall schon gewesen. Ich kümmere mich ja nicht nur um Tomaten, sondern auch um diverse andere Gemüse und Baumobst. Die Kirschen sind mir leider nicht gelungen dieses Jahr, die haben einen Pilz gehabt. Aber ich habe ja Zeit zum Üben.

Was haben Sie denn zuletzt im Garten gemacht?
Ich habe mehrere Bäume gerodet. Jetzt demontiere ich gerade ein altes, kleines Gewächshaus. Hier soll ein größeres hin.

Der Garten oder, wie Görner sagt, „meine Ranch“, ist eine alte Gärtnerei in Stuttgart. Der heute 62-Jährige hat das Grundstück vor Jahren gekauft. Die Betreiber der Gärtnerei hatten aufgegeben, als eine Schnellstraße durchs Gelände gebaut werden sollte. Schon während seiner Zeit in Hannover war Görner häufig in Stuttgart, um sich „um die Tomaten zu kümmern“. In Hannover mit Leidenschaft den Kunstverein managen, in Stuttgart mit Leidenschaft Gemüse anbauen – das war schon lange Görners Dualität.

Wenn jemand einen derart radikalen Schnitt macht, dann könnte der Eindruck entstehen, er habe keinen Spaß an seiner alten Aufgabe gehabt.
Keinen Spaß? Ich hatte den absoluten Traumjob. Erst zehn Jahre in Wolfsburg, dann 13 Jahre eine tolle Zeit in Hannover. Das war die Erfüllung meiner beruflichen Wünsche. Aber ich habe mich eben an die Worte meiner Oma erinnert.

Die gingen wie?
Meine Oma pflegte zu sagen: „Bub, die ersten 20 Jahre lernst du, wie das Leben geht. Die nächsten 40 Jahre hast du Zeit, es auszuprobieren. Und danach musst du aufräumen, um es besenrein zu übergeben.“ Genau das ist eben die Phase, in der ich jetzt bin. Erst wenn man aus dem Hamsterrad raus des Arbeitsalltags raus ist, dann merkt man, wie die Anforderungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Allein dass die ständige Verfügbarkeit vorbei ist, ist klasse. Ich habe keinen Wecker mehr seit einem Jahr.

Im Ernst?
Im Ernst.

Vermissen Sie die Beschäftigung mit der Kunst nicht?
Nein. „Die Kunst“ vermisse ich nicht. Was ich aber tatsächlich manchmal vermisse, das ist die intensive Beschäftigung mit Menschen, die mit Kunst zu tun haben. Sehen Sie: Die meisten Außenstehenden glauben ja, der Direktor eines Kunstvereins kümmere sich schwerpunktmäßig um Kunstwerke. Aber ich habe vor allem unglaublich viel mit Menschen zu tun gehabt. Ich musste Menschen für die Institution begeistern, um Unterstützung werben. Aber die Kontakte sind ja nicht weg. Seien es der Vorstand der Kestnergesellschaft, Weggefährten aus dem Verein oder andere Kunstinteressierte: Ich freue mich, wenn mich Menschen aus Hannover anrufen oder besuchen.

Wer glaubt, dass Veit Görner sich einen Kunstgegenstand aus Hannover mitgenommen hat, der irrt. „Ich bin kein Sammler, ich bin ein Wegwerfer“, sagt er trocken. Mitgenommen habe er vor allem „tolle Erinnerungen“. Dabei hätte er Platz auch für großformatige Kunstwerke. Das Grundstück ist 10 000 Quadratmeter groß, das umgebaute Gärtnereihaus misst etwa 2000 Quadratmeter. Außer ihm und seiner Frau wohnt eine weitere Familie darin, außerdem sind Ateliers für Künstler eingerichtet. Und ab und an kommt seine Nichte vorbei. Die hat für die HAZ das Foto gemacht.

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